Immer wieder auch auf Corona-Protesten in Berlin vertreten: Demonstranten mit Judenstern oder die Schoah relativierenden Plakaten und Schildern.
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BerlinSeit Beginn der Corona-Krise grassieren antisemitische Verschwörungserzählungen im Netz genauso wie in deutschen Wohnzimmern. Welche Bedrohung das für jüdische und jüdisch gelesene Personen in Berlin darstellt, erfasst die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin): Sie hat seit März 75 antisemitische Vorfälle mit explizitem Corona-Bezug in der Hauptstadt dokumentiert. Die Zahlen liegen der Berliner Zeitung exklusiv vor.

34 Mal listen die Antisemitismusforscher „verletztendes Verhalten“ auf. Darunter fallen Vorfälle wie jener am 22. April in Neukölln, als ein Unbekannter auf eine Person mit einem Beutel mit Davidstern zeigt und sagt: „Die waren das mit dem Virus.“ Oder als Unbekannte am 31. Mai einen jüdischen Mann und seine Ehefrau beim Spaziergang im Wedding ansprechen: „Schämt ihr euch nicht, was ihr veranstaltet habt, ihr Juden?“

Diskriminierung im Internet

Im Netz haben Antisemiten offenbar neue Formen der Diskriminierung und Störung gefunden. „Wir hatten zum ersten Mal Zoom-Bombings“, sagte RIAS-Projektleiter Benjamin Steinitz der Berliner Zeitung. Zoom ist eine Videokonferenz-Plattform. Im April seien dort immer wieder digitale Veranstaltungen jüdischer oder israelischer Organisationen von Unbekannten gekapert und mit antisemitischen oder pornografischen Bildern geflutet worden. Dies sei „besonders verunsichernd“, so Steinitz, weil sich mit Beginn der Corona-Einschränkungen auch das jüdische Leben verstärkt ins Digitale verlagert habe.

25 Versammlungen mit Corona-Bezug schätzt RIAS als antisemitisch ein. Darunter die von März bis Juli wöchentlich abgehaltenen sogenannten „Hygienedemos“ sowie die „Querdenker“-Demonstrationen im August. „Wir haben zwischen dem 28. März und 30. August auf jeder Versammlung antisemitische Äußerungen dokumentiert, in Form von Wortbeiträgen, Plakaten oder T-Shirts“, so Steinitz. Die Sichtbarkeit von Verschwörungsmythen sei dort sehr hoch, die Übergänge hin zu antisemitischen Positionen fließend.

Beratungsstellen verstärkt nachgefragt

Beratungsangebote wie RIAS und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin verzeichnen seit Beginn der Corona-Krise einen Zulauf von Menschen, die Rat suchen, weil Bekannte in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld verstärkt an Verschwörungserzählungen glauben. Sinnvoll sei es in solchen Fällen oft, „in die argumentative Auseinandersetzung zu gehen und dabei die Beziehungsebene zu halten“, so Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Es sei wichtig, rote Linien festzulegen und „antisemitischen oder extrem rechten Äußerungen zu widersprechen“.