Schäfermeister Jürgen Körner (49) war seiner Zeit voraus, als er sich vor elf Jahren Leo auf den Hof holte, einen zehn Wochen alten Pyrenäenberghund-Welpen. Damals hatten Landwirte in der sächsischen Lausitz erste Wölfe gesichtet, und „für mich war es nur eine Frage der Zeit, wann sich der Wolf auch in Brandenburg ansiedeln würde“.

Da sich der Mann nicht allein auf Elektrozäune verlassen wollte, um seine 1700 Schafe zu schützen, sollte Leo sein erster tierischer Leibwächter werden – mit ihm startete er auch gleich eine richtige Herdenschutzhundezucht. Pionierarbeit in der Region war das damals. Heute laufen knapp zwei Dutzend der majestätischen Weißpelze in Körners Herden Streife. Ehefrau ­Liane (47), von Beruf Krankenschwester, kümmert sich in den ersten Wochen um die Welpen.

Schon 2007 siedelte sich das erste Wolfspaar im Zschornoer Wald (Spree-Neiße) im äußersten Südosten Brandenburgs an – im vergangenen Herbst wurden landesweit 120 Wölfe in 22 Rudeln gezählt. Gerade die Gegend um Jüterbog, in der Jürgen Körners Schafe die Landschaft pflegen, ist ein weitläufiges Naturschutzgebiet, in dem der Wolf unbehelligt umherstreifen kann. Eigentlich gilt Wild als seine Leib- und Magenspeise, aber an Weidetiere kommt er so viel bequemer heran: „Wild rennt weg“, sagt Körner, „Schafe bleiben stehen.“ Der Tisch für Isegrim ist also reich gedeckt.

Vom Wolfsbeauftragten der Region hört Jürgen Körner regelmäßig, dass er den Feind dicht an seinen Zäunen gesichtet habe, aber er sagt erleichtert: „Bisher habe ich kein einziges Tier verloren, und das verdanke ich meinen Hunden. Sie schlagen sofort an, wenn sie Gefahr wittern, und verbellen jeden potenziellen Feind.“ Nur 500 Meter Luftlinie von seiner 400 Hektar großen Betriebsfläche entfernt hatte ein Landwirt, der ohne Schutzhunde lebt, unlängst nicht so großes Glück ... Bis zu 60 Schafe reißen Brandenburger Wölfe im Jahr.

In Deutschland sind Herdenschutzhunde erst mit der Rückkehr des Wolfes wiederentdeckt worden, in Frankreich, Polen, Bulgarien und Italien aber haben Rassen wie der Maremmano Abruzzese, Kangal, Kuvasz oder Pyrenäenberghunde eine jahrhundertelange Tradition und sind über eine genauso lange Zeit auf ihre Fähigkeiten hin selektiert worden.

Die Hunde leben von klein auf in der Herde, werden hier meist schon geboren und wachsen mit den Tieren, die sie instinktiv beschützen, gemeinsam auf. „Sie bringen von Geburt an alles mit, was sie für ihre Aufgabe brauchen“, sagt Jürgen Körner, „trotzdem sind die Hunde genauso verschieden wie wir Menschen.“

Und so, wie nicht jeder, der gut rechnen kann, zum Mathelehrer taugt, wird auch bei jedem Tier genau hingeschaut, ob es die Voraussetzungen mitbringt, ein guter Schutzhund zu werden. Der Hund darf weder ängstlich noch unkontrolliert aggressiv sein – zum Beispiel gegenüber Spaziergängern, die an der Weide vorbeikommen.

„Er wird bellen, das ist seine Aufgabe. Und den Spaziergänger so lange im Blick behalten, bis er sich von der Herde entfernt hat. Sollte er stattdessen zähnefletschend am Zaun herumtoben, wäre er als Schutzhund nicht qualifiziert“, sagt Jürgen Körner. Und wie unterscheidet der Hund zwischen einer echten Gefahr und zum Beispiel einem vorbeikommenden Jogger? „Er wird auch den Jogger anbellen und ihn so lange begleiten, wie dieser an ,seinen‘ Schafen entlangläuft. Und sich dann wieder beruhigen.“ Allerdings sollte niemand versuchen, in eine von Herdenschutzhunden bewachte Weide einzudringen.

Dafür, dass nur zertifizierte Tiere auf die Weiden kommen, setzt sich die Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde e.V. ein. Sie hat einheitliche Standards in Zucht, Ausbildung und Prüfung entwickelt und trägt damit ihren Teil dazu bei, dass mit den Tieren verantwortungsvoll umgegangen wird. Bei der Beurteilung der Hunde geht es vor allem um Wesenstests. Dabei muss der Hund auf verschiedenen Levels in einer ihm bekannten, aber auch in einer ihm fremden Herde zeigen, wie gut er bei auftretender Gefahr reagiert. „Gut“ meint auch, dass er dabei kein zu großes Aggressionspotenzial zeigen darf.

Obwohl die Hunde als sehr mutig gelten, sind Kämpfe mit dem Feind kaum dokumentiert. Die weißen Riesen schrecken den Wolf, der sich fast ausschließlich nachts heranschleicht, schon durch ihr imposantes Gehabe ab. Glauben die Reporter aufs Wort. Als uns Jürgen Körner einige seiner Hunde vorstellt, sind sie ganz ruhig und friedlich, fixieren „ihren“ Menschen und genießen seine Streicheleinheiten. Wir hingegen sollen mit den Tieren keinen Kontakt aufnehmen. „Die Hunde haben hier eine Aufgabe. Sich mit Fremden anzufreunden wäre nicht sinnvoll.“ Als wir später alleine auf dem Gelände unterwegs sind und in die Nähe der Weiden kommen, stehen die Aufpasser sofort am Zaun, bellen bedrohlich und lassen uns keine Sekunde aus dem Blick. So soll es sein.

Um 1850 waren Wölfe in Deutschland fast ausgestorben, in Brandenburg wurden einzelne eingewanderte Tiere noch zu DDR-Zeiten abgeschossen. Seit 1990 ist das verboten, doch die wachsende Verbreitung des Wolfes spaltet Schäfer und Landwirte. Nicht jeder kann sich einen oder gar mehrere Herdenschutzhunde leisten. Zwar fördert das Land Brandenburg seit dem vergangenen Jahr die Anschaffung eines ausgebildeten Hundes mit bis zu 3000 Euro (ca. 5000 Euro kostet er), aber ein Halter muss auch noch 1000 Euro Unterhalt pro Tier und Jahr aufbringen. Für Jürgen Körner gibt es dennoch keine Alternative: „Die Natur hat uns den Wolf zurückgebracht, mit den Hunden schütze ich meine Herden auf natürliche Weise.“

Dass er für seine Hunde „mehr Geld ausgibt, als ich für mich selbst zum Leben habe“, nimmt er in Kauf. Das Jahresdurchschnittseinkommen eines Schäfers liegt bei gerade mal 15.000 Euro.