Berlin - Mit lautem Rauschen rollt der Zug in Gesundbrunnen ein, und Thomas Förster muss mal wieder tief durchatmen. Er sieht die vielen Fahrgäste, beladen mit Koffern, Taschen und aufblasbaren Gummitieren, neben ihnen Fahrräder und Fahrradanhänger. Erwartungsvoll sehen sie dem Zug entgegen, bereit für den Sprint zu den letzten freien Sitzen, den letzten freien Fahrradplätzen. Nur wenige Sekunden noch, dann werden sie die fünf roten Doppelstockwagen stürmen. Wochenend’ und Sonnenschein! Für die meisten ist das ein Grund zur Freude, für Förster und die anderen Kundenbetreuer im Zug Richtung Ostsee bedeutet das vor allem: Stress und harte Arbeit. „Bei Stress hilft es, tief durchzuatmen“, sagt der 46-Jährige. „Aber manchmal muss ich auch mal irgendwo gegentreten.“ Wenn es hart auf hart kommt. So was kommt vor im Regionalexpress von Berlin nach Norden.

„Sehen Sie das?“ Förster seufzt. Zwei Radfahrer drängeln hinein, ihre Fahrzeuge sind links und rechts mit dicken Packtaschen beladen. Eigentlich ist im Zug für mindestens 60 Fahrräder Platz. „Doch wenn die Taschen dran bleiben, passen viel weniger Fahrräder ’rein. Dann müssen andere draußen bleiben und kommen nicht mit. Nett ist das nicht“, sagt Förster. Man könnte auch sagen: Es ist extrem unfreundlich. Mit den zwei bepackten Rädern ist das Abteil schon zur Hälfte voll.

Der Mann von der Deutschen Bahn (DB) spricht die Radler an, sie nehmen ihre Taschen ab. Ein Erfolg für Förster. Aber auch für die Fahrgäste, die später einsteigen werden. Der Zug fährt ab. Gesundbrunnen verschwindet, bald sind die grünen Vororte erreicht.

Aggressive Senioren

Nicht immer lassen sich Probleme so leicht lösen. Und wenn es Kontra gibt, kommt es nicht immer nur von jungen Leuten, sagt Förster. „Ältere Herrschaften sind meist schwieriger.“ Nicht nur, wenn die Seniorenticketinhaber in 15-köpfigen Gruppen kommen und partout mit ihren Rädern in einen Wagen wollen. Sondern auch, wenn sie sich auf den Klappsitzen im Mehrzweckabteil niederlassen und sich wundern, wenn sie dort mit Rädern zugebaut werden.

Oder mit anderem Gepäck. „Ich habe oft auch Tandems und Anhänger im Zug“, erzählt Förster. „Wobei in den Anhängern nicht nur Kinder befördert werden, es gab auch einen mit Hunden drin oder einen mit Bier. Das größte, was mir bisher begegnete, war ein Kanu.“ Letztlich ist vieles möglich, wenn man sich um Rücksicht bemüht. „Daran hapert es. Viele steigen ein und bleiben stehen.“ Manchmal wird die Stimmung in den Zügen so aggressiv, dass die Bundespolizei antreten muss. Um Streit zu schlichten, überfüllte Radabteile zu leeren, Reisenden mit Rädern das Einsteigen zu verbieten. „Das kommt in jeder Saison mehrmals vor“, so Förster.

Wochenend’ und Sonnenschein! Am stressigsten werden Försters Dienstschichten, die schon mal mehr als zehn Stunden dauern können, wenn es heiß wird. „Dieses Wochenende wird wieder hart“, sagt er. Der Wetterbericht gibt ihm eine Ahnung von dem, was ihn in den Zügen erwartet: volle Wagen, viele Fahrgäste. Nicht nur Wochenendpendler, Studenten und Bundeswehrsoldaten auf Heimfahrt und Omas auf Familienbesuch wie das ganze Jahr über, sondern auch sonnenhungrige Berliner, Familien, schlafende und quengelnde Kinder, Urlauber, Touristen. Weil die DB Fernzüge gestrichen hat, fahren zu oft nur noch Regionalzüge, in denen sich dann mehr als 600 Menschen drängen. Viele Zugbegleiter halten das nicht aus und verstecken sich genervt im Dienstabteil.

Nicht jeder Fahrgast ist gut gelaunt. Nicht jeder kommt gut damit zurecht, dass es in vielen älteren Wagen keine Klimaanlage gibt. Und nicht jeder ist ohne Besonderheiten. Da war zum Beispiel der Mann, der sich im Zug nach Stralsund nackt auszog. Als er in Berlin einstieg, war er noch bekleidet. Doch dann schloss sich der Fahrgast in der Zug-Toilette ein, erinnert sich Förster. „Ich klopfte, es gab keine Reaktion. Später öffnete ich die Tür, und da stand er nackt vor mir. Er hatte alles aus dem Fenster geworfen.“ Die Bundespolizei kam, warf dem Mann eine Decke über und führte ihn aus dem Zug. Warum hat sich der Mann ausgezogen? „Das habe ich nie erfahren. Ich weiß es nicht.“

Thomas Förster kann sich meist nicht mit Motivationsforschung aufhalten. Auch bei dieser Fahrt Richtung Meer hat er genug mit anderen Dingen zu tun. Ein ausländischer Tourist will nachlösen, was in den meisten Fällen nicht mehr erlaubt ist, und er hat auch nur einen 50-Euro-Schein dabei. Ein Behinderter, der schwer zu verstehen ist, will dem DB-Mann Geschichten erzählen. Und dann sind da noch die ganz normalen Fahrgäste, die Anschlüsse oder Ticketangebote erfragen.

Mehr Wagen sind nicht möglich

Seit 23 Jahren ist das nun schon Alltag für den Oranienburger. „So lange bin ich schon bei der Bahn.“ Er mag seinen Beruf, weil er so viel Abwechslung bietet. „Wenn ich irgendwann mal keine Lust mehr haben sollte, kann ich immer noch eine psychologische Praxis aufmachen.“ Kleiner Scherz. Thomas Förster muss zur Tür. Denn der Zug fährt gerade in Bernau ein.

Zeit für ein paar Fragen an Renado Kropp, Marketingleiter von DB Regio Nordost. Warum sind die Züge von Berlin an die Ostsee im Sommer so voll? „Wir bekommen den Ansturm mit den vorhandenen Mitteln nicht bewältigt“, sagt Kropp. Das klingt nach einem Offenbarungseid, warum fahren nicht mehr Züge? „Im Sommer setzen wir ja schon zusätzliche Züge ein, nach Stralsund und Warnemünde, für Radausflügler nach Neustrelitz und Prenzlau. Weitere Angebote müssten bestellt werden.“ Und bezahlt. Denn so sei das nun mal im Regionalverkehr: Die Verantwortlichen in den Ländern bestellen Fahrten und bezahlen mit Geld vom Bund. Warum hängen Sie nicht weitere Wagen an? „Schon für die jetzigen Züge sind manche Bahnsteige zu kurz. Dann müssen Wagen verschlossen werden, das gibt immer böses Blut.“

Und warum haben die Züge keine Gepäckwagen mehr, in denen man wie früher sein Fahrrad, den Anhänger und das Kanu abgeben kann? „Weil das bei diesem hohen Aufkommen zu lange dauern würde“, sagt Thomas Förster, der wieder dazu gekommen ist.
Mit Tempo 120 geht es nach Norden. Im Regionalzug macht sich entspannte Stimmung breit. Wochenend’ und Sonnenschein! Bahnfahren kann so schön sein, sagt Förster. Und atmet tief durch.