Zur Umgestaltung des Scharounplatzes gehörte auch die Restaurierung der charakteristischen Sitzbänke aus den frühen 70er-Jahren.
Foto: Volkmar Otto

BerlinAn diesem Montag wird ein weiterer Versuch unternommen, das Kulturforum zu einem lebendigen Teil der Stadt werden zu lassen: Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) und Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) eröffnen den neuen Scharounplatz, der anstelle der Scharounstraße südlich des Kammermusiksaals Edgar Wisniewskis angelegt wurde. Er ergänzt die von Grün Berlin bereits in den vergangenen Jahren umgestalteten Anlagen rund um die Philharmonie Hans Scharouns.

Informelle Konkurrenz 

Seit der Architekt 1964 den Wettbewerb für die Neue Staatsbibliothek gewann, wird um die Gestaltung des Kulturforums gerungen. Er wollte die Philharmonie, diese expressive Revolution des Musiksaal-Gedankens, und die in Planung befindliche Neue Nationalgalerie Ludwig Mies van der Rohes einbetten in eine frei geformte, lockere „Stadtlandschaft“. Es kam nie dazu, trotz vieler Wettbewerbe, Gutachterverfahren, Diplomarbeiten und freien Entwürfen.

2006 gab das Abgeordnetenhaus auf, als es beschloss, das Kulturforum im Wesentlichen als Freiraum gestalten zu lassen. Doch 2014 kam die Planung des Museums der Moderne dazwischen, 2016 siegte in einem Wettbewerb die „Scheune“ – wie der höchst umstrittene Entwurf der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron spöttisch genannt wird. Er soll nach dem Willen einiger Kunstsammler und der Kulturstaatsministerin Monika Grütters mitten auf dem Kulturforum realisiert werden – auf einem Areal, das der Senat einst als Skulpturengarten vorgesehen hatte.

Scharounplatz: Vorplatz für Museum der Moderne

Der neue Scharounplatz ist also, auch wenn bei seiner Eröffnung sicher viele Worte über die innige Zusammenarbeit gesprochen werden, auch Teil einer informellen Konkurrenz zwischen der Stadt Berlin und dem Bund über die planungs- und kulturpolitische Lufthoheit am Kulturforum. Er entstand nämlich aufgrund des oft überarbeiteten, schon 1999 in einem Wettbewerb von der Stadt angenommenen Entwurfs von Valentien & Valentien.

Trapezartig weitet er sich nun hin zur Eingangsterrasse vor den Staatlichen Museen. Streng mit Steinplatten gepflastert, schlanke Lichtmasten und neu gepflanzte Eichen sollen auch im langen Berliner Winter für anheimelnde Stimmung sorgen. Der Platz soll künftig zugleich dem Kammermusiksaal wie dem Museum der Moderne als Vorplatz dienen, dessen breite Treppe so allerdings nach Norden weisen muss, was kaum zum gemütlichen Picknick einlädt.

Im Unterschied zu jenen Grünanlagen, die zwischen Potsdamer Straße und dem Osteingang zu den Konzertsälen entstand und schon im vergangenen Sommer manch fröhliche Vor-Konzert-Gruppe sah. Sie sind der eigentliche Reiz der von Grün Berlin realisierten Planungen. Sanft wellt sich anstelle der einst hier vorherrschenden Parkplätze nun eine Rasenfläche, locker verstreut stehen Bäume darin, eingebettet sind auch die Fahrradabstellplätze.

Zentraler Bau noch in Planung

Noch erfreulicher ist die Wiedergewinnung des Gartens hinter der Philharmonie. Er war einst von Hermann Mattern gestaltet worden, wurde nun rekonstruiert, neu bepflanzt, auch die charakteristischen Sitzbänke aus den frühen 1970er-Jahren sind restauriert. Ein intimer Freiraum, der scharf kontrastiert mit dem steinernen Vorplatz zur Philharmonie mit dem Denkmal für die in der Nazizeit ermordeten Behinderten.

Auch dieser ist wieder trapezförmig gestaltet, so wie überhaupt viele schräge Linien versuchen, mit den Wegen, Plätzen und Grünanlagen die so gegensätzlichen Bauten am Kulturforum zusammenzubinden. Was einige Absurditäten mit sich bringt: Über Jahrzehnte wurde die Platzfläche vor der Matthäikirche als Stadtraum-Denkmal des zerstörten Tiergartenviertels eisern verteidigt. Doch der Scharounplatz weitet diesen Matthäikirchplatz nun im rechten Winkel so aus, dass er auch in Zukunft kaum als eigener Ort erkennbar sein kann.

Fataler ist jedoch, dass die Freiraumkonzepte die überbreite Potsdamer Straße unangetastet lassen. Auch die wellenförmigen Anlagen vor der Neuen Staatsbibliothek werden nicht neu gestaltet – dabei schotten sie diesen Bau noch zusätzlich vom Kulturforum ab. Und das Museum der Moderne konnte bis auf einige kleinere Anpassungen kaum berücksichtigt werden.

Kurz: Hier wurde die Umgebung gebaut, bevor das zentrale Haus fertig geplant ist. Offenbar gab es dabei den Druck, Bundes- und EU-Subventionen auszugeben. Was nun etwa zur Folge hat, dass die Baustelle des Museums der Moderne extrem eng ist und damit die Baukosten noch weiter in die Höhe getrieben werden.

Noch nicht berücksichtigt werden konnte die Sanierung der Neuen Staatsbibliothek. Kürzlich wurde der Wettbewerb für den Umbau der „Stabi“ zugunsten des Büros von Gerkan, Marg und Partner entschieden – mit einem Entwurf, der das weite Foyer zu einem Verbindungsraum hin zum Potsdamer Platz machen soll. Aber wenn dieser Entwurf Realität wird, muss neu über die Freiraumgestaltung des Kulturforums nachgedacht werden. Und vielleicht muss bis dahin, wird in der Bibliothek schon gelästert, der provisorische Lesesaal auf den gerade fertiggestellten Scharounplatz gebaut werden.