Berlin - Endlich startet die Kultur wieder durch. Kino und Konzerte gibt es im Freien, Theater öffnen. Doch für einige Veranstalter wird der Neustart schwierig werden. Techniker fehlen, und auch mancher Künstler wird nicht mehr auf der Bühne stehen. So wie der Berliner Schauspieler, Comedian und Produzent Serkan Cetinkaya, 43. Der hat sich während des Lockdowns einen neuen Job gesucht hat, weil der Kulturbetrieb am Boden lag. „Meine neue Bühne ist jetzt das Gesundheitsamt Neukölln“, sagt er.

Cetinkayas neue Arbeitsstätte findet man im Haus 5 des ehemaligen Krankenhauses Britz an der Blaschkoallee. Im Erdgeschoss hat er sein Büro, das mit Mikrofonen, Computern und Mischpult wie ein Tonstudio aussieht. Die Technik braucht Cetinkaya auch. Seit Mai ist er Leiter der neuen Abteilung Digitale Kommunikation im Strategiestab des Gesundheitsamtes. Damit ist er für den künftigen moderneren Internet-Auftritt der Behörde verantwortlich, etwa für Hör- und Videobeiträge, die den Neuköllnern unterhaltend Fragen zu Corona beantworten und zeigen sollen, was alles hinter den Kulissen im Amt passiert, wie Cetinkaya erläutert. Dass er einmal einen leitenden Posten in einem Amt haben würde, hätte er sich vor Jahren so gar nicht vorstellen können.

Einst lebte er in der Welt der Film- und Fernseh-Stars

Da lebte Cetinkaya in der Welt der Film- und TV-Stars. Mit der selbst gedrehten Comedy-Serie „Tiger – Die Kralle von Kreuzberg“, die auf YouTube veröffentlicht wurde, fing 2006 alles an. Darin persiflierte der türkischstämmige Berliner und studierte Jurist „liebevoll einen prolligen Landsmann“, wie er selbst sagt, und wurde damit zum Internet-Star. „Die Figur des Tigers war quasi das Sprungbrett für mich“, sagt Cetinkaya. Für den RBB-Sender Radio Multikulti machte er daraus eine Hörfunk-Comedy, beim Sender ZDFneo bekam der „Tiger“ bis 2012 sogar eine eigene Show.

Und es ging weiter aufwärts. Im Kinofilm „Männerhort“ (2014) spielte er neben Schauspiel-Größen wie Elyas M’Barek, Christoph Maria Herbst und Detlev Buck eine der Hauptrollen. Ein Jahr später stand er mit Christian Ulmen im Film „Macho Man“ vor der Kamera. Und er trat in TV-Krimi-Reihen wie „Letzte Spur Berlin“, „Notruf Hafenkante“ oder in der RTL-Serie „Beck is back“ auf.

Das alles hätte so weitergehen können. Doch dann kam Corona, im März 2020 brach mit dem ersten Lockdown der Kulturbetrieb zusammen. „Viele Fernsehprojekte, an denen ich arbeitete, wurden gecancelt. Ein großes Projekt mit dem DFB fiel ins Wasser, weil die EM ausfiel“, sagt Cetinkaya. „Ich stand plötzlich ohne Arbeit da, hatte drei Tage lang echte Panikattacken. Ich habe ja Familie, meine Frau, unseren vierjährigen Sohn. Ich musste sofort handeln, um Geld zu verdienen, irgendwie. Und wenn ich Pommes verkaufe, egal. So suchte ich mir also einen neuen Job.“

Paketfahrer bei der DHL oder Supermarkt-Regale auffüllen – das alles stand schon auf der Liste des Schauspielers. Dann hörte Cetinkaya, dass das Robert-Koch-Institut Mitarbeiter für die Corona-Hotline suchte. „Doch die Zahl der Bewerber war groß, ich erhielt eine Absage.“ So bewarb sich der Schauspieler bei den Gesundheitsämtern. „In Neukölln wurde ich genommen.“

Im vergangenem August fing Cetinkaya als Honorarkraft an. „Anfangs waren es wohl nur drei Mitarbeiter des Bezirksamtes, die an der Corona-Hotline saßen“, sagt der Schauspieler. „Als ich dazu kam, waren wir zusammen mit Bundeswehrsoldaten schon 30.“ Bis zu 100 Anrufe bearbeitete Cetinkaya täglich: Er kümmerte sich um Corona-Fälle, half bei der Kontaktverfolgung, führte Beratungsgespräche.

Vom Telefonisten zum Abteilungsleiter

„Dabei merkte ich, dass man mit dem Behördendeutsch nicht weiter kam“, sagt Cetinkaya. „Man muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen, sie in ganz normalen Gesprächen überzeugen, dass wir die Pandemie nur gemeinsam erfolgreich bekämpfen können. Und die Menschen haben viele Fragen, die sie verständlich beantwortet haben wollen.“ Ganz banale etwa, ob man in der Quarantäne den Müll herausbringen darf. „Daraus entstand die Idee, einen Podcast zu machen, mit dem das Amt an die Öffentlichkeit geht, um alles Wichtige zu Corona einfach zu erklären. Vor allem junge Leute wollten wir erreichen. Ich war überrascht, als die Verantwortlichen im Amt für das Projekt grünes Licht gaben.“

Seit Herbst 2020 ist der wöchentliche Podcast „Feierabendfunk“ online, in dem Cetinkaya sich mit Christine Wagner, der Chefin des Strategiestabes, über den Corona-Alltag unterhält, sie aktuelle Fragen zur Pandemie klären. Der Podcast ist bekannt und erfolgreich, auch Prominente wie Gesundheitsminister Jens Spahn war schon als Gesprächspartner zu Gast. Die Gespräche gibt es jetzt auch als Video, ebenfalls mit prominenten Gästen. „In der ersten Folge war Bachelor Leonard Freier bei uns, sogar Nacktmodel Micaela Schäfer war da, sprach mit uns über Erotik in Corona-Zeiten.“

Als Serkan Cetinkaya jetzt das Angebot erhielt, als Leiter die Abteilung Digitale Kommunikation aufzubauen, hat er nicht lange überlegt. „Ich habe bei meiner Agentur gekündigt und den Job im Amt angenommen“, sagt er. Und er bereut es nicht. „Das, was ich vorher gemacht habe, ist nun mein Hobby.“ Nach Feierabend will er im Internet seine Comedy-Reihen fortsetzen, etwa zur Fußball-EM. Auch an einer neuen Mini-Show bastelt er. Die erste Folge seiner „Pre-Late-Night-Show“ mit Christoph Maria Herbst als Gast läuft bereits auf YouTube.