Herzberg - Als Conrad Herold den Festplatz in Herzberg (Elbe-Elster) betritt, stehen die Fahrgeschäfte noch still. Er ist der erste Gast an diesem sonnigen Vormittag – und wahrscheinlich der einzige, dem es die Schausteller verzeihen, wenn er beim Aufbau mal im Weg steht. Jeder kennt ihn hier, jeder duzt ihn.

Conrad Herold, groß, mit dichten grauen Locken, ist evangelischer Pfarrer. Schausteller- und Zirkuspfarrer, um genau zu sein. Einer, dessen Gemeinde weit über Deutschland verstreut ist. Einer, der immer auf Reisen ist und bis zu 120 Festplätze pro Jahr besucht, der die religiöse Botschaft an bunten Orten überbringt, die nach Popcorn und Zuckerwatte riechen. Drei Schaustellerpfarrer gibt es in der Evangelischen Kirche in Deutschland, einen in der Katholischen.

Immer auf Abruf

Der 58-Jährige, wohnhaft in Erfurt, ist vor allem auf Jahrmärkten in Thüringen und Sachsen-Anhalt unterwegs, manchmal auch in Brandenburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Beim alljährlichen Tierparkfest in Herzberg macht er das, was den größten Teil seiner Arbeit ausmacht: Platzbesuche. Den Kontakt zu seiner Gemeinde halten, hören, wo es Kummer gibt, Taufen und manchmal auch Beerdigungen vorbereiten.

Herold läuft an den Ständen und Fahrgeschäften entlang, grüßt hier, winkt dort. Von irgendwo tönt Schlagermusik herüber. Ein junger Mann mit Gipsfuß kommt auf ihn zu. „Was ist passiert?“, fragt Herold. „Bänder gerissen, beim Aufbau“, sagt der Humpelnde, der dem Pfarrer in zwei Wochen als Taufpate zur Seite stehen soll.

Unter den Täuflingen werden auch die 13 und 16 Jahre alten Söhne von Brit Franzelius sein, die ein paar Meter weiter Crêpes und Quarkbällchen verkauft. Sie sollen am gleichen Tag auch konfirmiert werden. „Die beiden wollen nämlich selbst Taufpaten werden“, sagt Franzelius, während Herold ihr die Taufformulare überreicht.

Die Schausteller auf dem Tierparkfest sind fast alle verwandt miteinander und kommen aus Herzberg. Deshalb sei die Verbundenheit groß, sagt der Pfarrer, Familienfeste würden gern ausschweifend gefeiert. „Auch ich komme selten von diesem Platz herunter, ohne viel gegessen zu haben“, sagt er.

Die Gläubigen, für die Conrad Herold da ist, ziehen den größten Teil des Jahres von Stadt zu Stadt, von Festplatz zu Festplatz. Schausteller leben mehr im Campingwagen als in der eigenen Wohnung. Viele von ihnen freuen sich, dass die Kirche quasi zu ihnen kommt. „Er ist immer auf Abruf da, wenn er gebraucht wird“, sagt Jan Kazimierzski, der gerade seinen „Gaudi-Schunkler“ auf den Kirmes-Tag vorbereitet. Für viele Schaustellerfamilien sei Herold eine Vertrauensperson und der einzige, der echte moralische Autorität habe. Kazimierzski sagt das, obwohl er einer der ganz wenigen Katholiken auf dem Platz ist. Der 66-Jährige kommt aus Polen, lebt die meiste Zeit aber in Herzberg.

Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Trauerfeiern – alles passiert auf den Rummelplätzen. Seine Gottesdienste zelebriert Conrad Herold am liebsten im wenig sakralen aber dafür geräumigen Autoscooter. Während die Gläubigen in den kleinen Flitzern sitzen, steht Herold hinter einem zum Altar umfunktionierten Biertisch und hält die Predigt. Seine mit Riesenrad und Zirkuszelt bestickte Stola um den Hals, versucht er, die Messe dem Ort anzupassen. „Ich mache einen ganz offenen Gottesdienst“, sagt der 58-Jährige. Wer hohe Liturgie wolle, gehe besser in die Kirche. Einmal, erzählt er, sei ein älterer Herr mit seinem Auto während der Messe versehentlich losgefahren. „Ich hatte vorher Fahrchips verteilt, damit die Besucher später eine Runde drehen können“, sagt er.

Der Pfarrer nickt bei seinem Rundgang anerkennend in Richtung der Fahrgeschäfte. „Der Platz ist klein, aber gut bestückt“, sagt er. Er kennt sich mittlerweile bestens aus: Mit dem Gaudi-Schunkler, dessen Fliehkräfte den Fahrgästen ständig Brieftaschen, Ausweise und Handys aus den Taschen ziehen, mit dem neuen Shaker, der dem alten Breakdance nicht das Wasser reichen kann und der kleinen Schaukel „Black Pearl“. Am liebsten geht der Gottesmann in die Geisterbahn. Er liebe es, sich erschrecken zu lassen, sagt er. „Nur die großen Schaukeln mit Überschlag sind nichts für mich.“

Pro Amtshandlung einen Koffer

Der Pfarrer weiß auch um die Abgründe hinter den bunten Kulissen, die Kirmesbesucher nicht sehen. Die Familienschicksale, die finanziellen Probleme, Streitereien. Herold betreut die Schausteller in allen Lebensphasen. Für jede Amtshandlung hat er einen eigenen Koffer mit den notwendigen Utensilien. „Es ist immer alles fertig gepackt“, erzählt der Pfarrer. „Vor allem Taufen kommen oft sehr spontan.“

Menschen, die ständig reisen, bräuchten feste Punkte im Leben, sagt Herold. „Das ist die Familie oder der Glaube.“ In diesem jahrhundertealten Berufsstand hätten sich daher Werte erhalten, die es sonst in der Gesellschaft nicht mehr gebe. Zu Einweihungen von Fahrgeschäften oder neuen Zirkuszelten zum Beispiel werde oft der Pfarrer gerufen.

Conrad Herold ist selbst ständig unterwegs. An 150 Tagen im Jahr. Seit 2010. Davor war er 19 Jahre lang Gemeindepfarrer in Magdeburg. Die Arbeit als Schaustellerpfarrer aber wolle er nicht mehr gegen eine feste Kirche tauschen. Seine Frau nehme es gelassen – zum Glück.