Warten auf Gepäck: Scheitern als Selbstzweck am Flughafen BER

Abends dauert es am Berliner Airport schon mal länger, bis das Gepäck auf dem Band liegt. Warum das so sein muss, erklärt keiner, wundert sich unser Autor.

Warten auf das Gepäck am BER
Warten auf das Gepäck am BERwww.imago-images.de

Am Gepäckband des Flughafens gucken wir auf dem Telefon nach den nächsten Zugverbindungen. Die Bahn um :54 wird bestimmt zu knapp, aber die um :15 sollte machbar sein. Auch an den anderen beiden Gepäckbändern warten Reisende, nachdem sie vom Flugzeug aus einen merkwürdigen Weg zurückgelegt haben in diesem sonderbaren Flughafen: Treppen hoch und Treppen runter, durch sich ausschließlich händisch nach innen öffnende Türen, die wieder zufallen, sofern die Vorderleute sie nicht für die Nachfolgenden aufhalten. Es ist viel zu leicht, Witze über dieses Bauwerk zu machen, aber die Frage, wer so etwas ungestraft planen durfte, ist bis heute unbeantwortet.

Immerhin nimmt dieser Zugang so viel Zeit in Anspruch, dass es dann, wenn das Gepäckband erreicht ist, nicht mehr lange dauert, bis die Koffer anrollen. Nicht so an diesem Abend. Es dauert. Und dauert. Und dauert.

Eine kurze Information, auch wenn sie die Sache selbst nicht beschleunigt, kann in solchen Momenten zur Entspannung aller Beteiligten beitragen. Zu einer Durchsage fühlt sich aber niemand bemüßigt. Stattdessen wiederholt sich vom Band die Information, man möge Leute meiden, die vor dem Gebäude ihre Fahrdienste anbieten und stattdessen die lizenzierten Taxis ansteuern. Ob die einen auch zum Koffer bringen?

Ein paar Männer mit gelb leuchtenden Westen laufen durch die Halle, drehen ihre Köpfe zu den stillstehenden Laufbändern und verschwinden hinter Türen. Nach einer Stunde plötzlich doch eine Botschaft: Die Gepäckausgabe für Flug XY verzögere sich. Gleiches gilt für zwei weitere Flüge, die mit jeweils eigenen Bekanntmachungen gewürdigt werden. Würde aus der Menge heraus jetzt jemand einen Aufruhr anzetteln, die Halle wäre wohl prompt geplündert. Sie hätten noch drei Stunden Fahrt nach Hause vor sich, ächzt ein Mann aus Mecklenburg-Vorpommern.

Hinter der Scheibe des Lost-and-Found-Schalters, wo Leute verlorene Gepäckstücke zur Fahndung ausschreiben können, sitzt ein Mann mit Zwirbelbart an einem Arbeitsplatz hinter einer Trennwand, als wollte er sich verstecken. Ob er denn wisse, warum sich das Gepäck verzögere? Das sei abends leider häufiger so, ruft er hinter der Trennwand hervor, als wäre der Ursprung der Verspätung ein Selbstzweck. Nach eineinhalb Stunden trudeln die Koffer dann in der Halle ein, wenn auch auf einem anderen Band.

Draußen ist es dunkel. An der Fassade sollen Leuchtbuchstaben das Wort „Terminal“ ausweisen, aber die Hälfte der Beschriftung ist finster, weil die Leuchtmittel in der zweiten und dritten Silbe schon den Geist aufgegeben haben. Sollte noch jemand Zweifel am Reiseziel gehabt haben: willkommen in Berlin!