Deutschland hat es überstanden. Das erste Wochenende mit dem 9-Euro-Ticket liegt hinter uns. Noch nie war der öffentliche Verkehr ein Megathema in allen Medien. Fernsehzuschauer konnten fassungslos miterleben, wie sich Fahrgäste in viel zu kurze Regionalzüge zwängten. Dabei war an langen Wochenenden schon immer mehr los als sonst. Nur standen bisher aber meist keine Journalisten am Bahnsteig, um zu berichten.

Doch so stressig es war: Was Pfingsten geschah, lässt sich auch positiv sehen. Viele Menschen machten sich auf, preiswerte Mobilität zu erleben und ihr Land zu entdecken. Millionen werden bis Ende August folgen. Sie nutzen nicht nur eine sozialpolitische Wohltat, um die sie im Ausland bereits beneidet werden, sondern auch eine noch nie da gewesene Freiheit. Züge und Bahnhöfe werden Schauplatz eines Happenings, das es ebenfalls bisher nicht gab. Deutschland kommt sich näher – mit einem genial einfachen nationalen Verbundtarif, der ohne Fahrgastabitur genutzt werden kann. Vor allem aber zeigt der Ansturm, dass der öffentliche Verkehr gebraucht und genutzt wird.

Für Kreuzfahrer acht, für reguläre Fahrgäste fünf Wagen

Allerdings bergen die Bilder auch die Gefahr, dass sich das Missverständnis festsetzt, dass es immer so sein muss. Die Berichte führten Deutschland allerdings kein Naturphänomen vor Augen, sondern ein lädiertes, ausgelaugtes Verkehrssystem, das sich selbst kleingemacht hat und von Politikern und Planern kleingemacht wurde.

Dabei ist die Bahn im Prinzip technisch in der Lage, viele Menschen auf einmal zu befördern – wenn sie nicht verzwergt, wenn nicht Infrastruktur amputiert und rollendes Material verknappt worden wäre. Sobald es wirklich gewünscht und finanziert wird, kann der Schienenverkehr Großes leisten. Zum Beispiel, wenn Kreuzfahrtgäste von Warnemünde aus einen Ausflug nach Berlin unternehmen wollen: Dann chartern Reiseveranstalter beeindruckende Züge, die schon mal acht Doppelstockwagen umfassen können. Die von den Ländern bestellten öffentlichen Regionalzüge haben fünf Wagen.

Allerdings könnten diese Acht-Wagen-Verbände unterwegs nur in zwei Bahnhöfen halten – dort, wo es auch heute noch ausreichend lange Bahnsteige gibt. Vielerorts wurden Bahnanlagen so abgespeckt, dass schon der jetzige Verkehr kaum abgewickelt werden kann. Weil Weichen und Überholgleise entfernt wurden, ist es oft schwierig bis unmöglich, bei Problemen zu reagieren oder kurzfristig mehr Fahrten zu ermöglichen.

Ebenfalls schon seit Jahren und nicht erst seit Einführung des 9-Euro-Tickets ist klar, dass Zugkapazitäten vielerorts zu knapp kalkuliert worden sind. Wenn Regionalverkehr neu ausgeschrieben wurde, gab man sich auch in Berlin und Brandenburg häufig mit derselben oder sogar einer geringeren Leistungsfähigkeit zufrieden – als ob die Verantwortlichen nicht an die Bahn glauben. Auf zahlreichen Regionalverkehrslinien sind lächerlich kleine Fahrzeuge unterwegs. Der RE2 über Berlin nach Cottbus bietet ungefähr dieselbe Kapazität wie die Züge, die schon vor 20 Jahren dort fuhren und für den Andrang der Spreewald-Ausflügler damals ebenfalls oft zu klein waren.

Weg mit falschen Erwartungen

Längst nicht sicher, aber wünschenswert wäre es, wenn das erste Wochenende mit dem 9-Euro-Ticket zum Startpunkt einer ehrlichen Diskussion würde. So sollten wir uns von der falschen Erwartung verabschieden, dass sich das komplexe System des deutschen Schienenverkehrs jemals so perfektionieren ließe, dass eine nennenswerte Zahl von Autofahrern ihre Privatfahrzeuge freiwillig stehen lässt und huldvoll auf die Bahn umsteigt.

Auch deshalb gehen Forderungen, das System erst einmal umfassend auf Vordermann zu bringen, bevor man so etwas wie das 9-Euro-Ticket einführt, in die Irre. Konsequenz wäre, dass ein solches Sonderangebot mindestens um Jahrzehnte, vielleicht sogar auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden müsste. Ohne einen Marketing-Paukenschlag wie diesen, ohne Chaos-Bilder würde sich noch weniger bewegen.

Plötzlich bestellen die Bundesländer mehr Züge von Berlin an die Ostsee

Natürlich ist es auch jetzt nicht sicher, dass nun endlich ein Ruck durch die Verkehrspolitik geht, der spürbare Ergebnisse erzeugt. Aber da und dort zeigt sich bereits: Das 9-Euro-Ticket beginnt zu wirken. Zwischen Berlin und der Ostsee haben die Länder mehr Zugfahrten bestellt, was bis dato angeblich unmöglich war. Und auf Berliner Bahnhöfen tauchen plötzlich DB-Mitarbeiter auf, um Fahrgäste zu dirigieren.

Die Probleme am Wochenende waren vorhersehbar, es war ein Scheitern mit Ansage. Jetzt sollte aufrichtig Bilanz gezogen und endlich über Versäumnisse der Verkehrspolitik debattiert werden. Damit der öffentliche Verkehr in der Rangliste der Themen von nationaler Bedeutung den Platz bekäme, den er verdient: ganz oben.