Am schönsten sind doch immer wieder die Anekdoten aus den internen Runden hoher DDR-Kreise. Vor allem wenn Politik auf Wirtschaft traf, ergaben sich viele noch heute gut zu erzählende Storys mit Lacher-Garantie.

Zum Beispiel die Sache mit dem Kaffee aus der Chemiefabrik Miltitz, erzählt von der Generaldirektorin des VEB Kosmetik Kombinats Berlin, Christa Bertag. Ältere DDR-Bürger werden sich erinnern: Anfang der 80er-Jahre wurde der Kaffee knapp, weil die Devisen noch knapper als ohnehin schon geworden waren. So erging der Parteiauftrag: „Macht Aroma für den Kaffee-Ersatz!“ Tatsächlich hatten die Miltitzer Erfahrung mit der Produktion von Aroma- und Geschmackstoffen. Aber Kaffee? Das war ein Ding! Das war zuvor noch niemandem gelungen. Die Kaffeebohne besteht aus etwa 1000 Einzelsubstanzen, bis heute ist nur ein Bruchteil von ihnen entschlüsselt. Egal, wenn die Parteiführung das sagt …

Politbüro probiert Kaffee-Aroma

Also haben sie sich rangemacht, verschiedene Muster zusammengerührt. Dann rückten die Mitglieder der ZK-Abteilung zur Verkostung an: „Eine Katastrophe“, erinnert sich Christa Bertag unter Lachen, „es hat so erbärmlich geschmeckt.“ Proben für das Politbüro wurden mitgegeben, „dann war das Thema vom Tisch“. Christa Bertag hat das Histörchen im Oktober 2013 neben vielen substanzielleren Informationen über ihren Alltag und ihre Kämpfe im Rohnstock Erzählsalon zum Besten gegeben.

Oder nehmen wir die Geschichte von Günter Mittag, der während der Eröffnung eines hochbedeutenden Werks für elektronische Bauteile erzählte, am Vortag habe sich das Politbüro mit weit heikleren Dingen als Schaltkreisen, Chips oder Sensoren beschäftigt – nämlich mit Damenbinden und Zwiebeln. Auch Mangelwaren.

Parteiaufgabe nicht richtig verstanden

Lustig war das alles nicht, vor allem, wenn man sich des Dramas um die DDR-Mikroelektronik erinnert. Natürlich wusste man auch in der DDR früh um die schicksalhafte Bedeutung dieser Technologie. Keine Maschine, keine Anlage würde ohne Mikroelektronik auskommen, kein Gerät würde mehr auf dem Weltmarkt zu verkaufen sein.

Die Grauköpfe, die sich kürzlich im Industriesalon Schöneweide, einem Saal des ehemaligen Werkes für Fernsehelektronik, versammelt hatten, gehörten damals zu den Hauptakteuren. Der wichtigste: Karl Nendel, Jahrgang 1933, von 1967 bis 1989 stellvertretender Minister für Elektrotechnik und Elektronik sowie Regierungsbeauftragter für die Mikroelektronik. „General der Mikroelektronik“ nannte man ihn, aber auch „Revolver-Karl“. Ein durchsetzungsstarker Typ soll das heißen. Wer nicht spurte, bekam von ihm zu hören, er habe wohl die Parteiaufgabe nicht richtig verstanden. Ein „Macher“ auf DDR-Art.

Nendel saß neben dem obersten Wirtschaftsfunktionär der SED, Günter Mittag, und deren Generalsekretär Erich Honecker, als am 12. September 1988 der erste in der DDR hergestellte 1-Megabit-Speicherschaltkreis an die Partei übergeben wurde. Der Bevölkerung hatte man weismachen wollen, das sei der Durchbruch. Die Leute wussten es besser – erst recht der Kreis, der sich jetzt in Oberschöneweide traf: Kombinatsdirektoren, Leiter von Betrieben, Instituten, Rechenzentren, Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission, Konstrukteure…

„Wir hatten keine Chance“

Richard Schimkow, einst stellvertretender Betriebsleiter des Werkes für Fernsehelektronik, beschrieb das große Dilemma: „Wir wussten, dass wir Rinde essen müssen, wenn das Mikroelektronikprogramm durchgesetzt würde, aber ohne ging eben gar nichts.“ Alle benötigten Elemente gab es eigentlich auf dem Weltmarkt zu kaufen, doch das westliche Embargo verhinderte das – abgesehen von Schwarzkäufen, bewerkstelligt über Drittländer mit Hilfe von Alexander Schalck-Golodkowskis Schattenreich namens Kommerzielle Koordinierung. Man musste also selber entwickeln und produzieren – koste es, was es wolle. Dabei war von Beginn an klar, dass niemals eine konkurrenzfähige Produktion möglich sein würde.

14 Milliarden Mark hat der chronisch klamme Staat in die Mikroelektronik investiert. Vom großen Bruder war nichts zu erwarten, die Sowjetunion konzentrierte sich auf Rüstung. Für zivile Computer, wie die DDR sie wollte, gab es kein Interesse. Die Grauköpfe leiden noch heute unter der Erinnerung, wie die teuer und unter aller Kraftanstrengung errichteten Werke 1990 als nunmehr unnütz dichtgemacht wurden. „Wir hatten keine Chance“: Dieses Fazit bestritt auf dem Treffen der Weggefährten keiner. Doch so interessant die wirtschaftlichen und technischen Details auf dem Weg ins große Scheitern auch waren – regelrecht fesselnd gerieten vor allem die kritischen und selbstkritischen Selbstbefragungen der Akteure. „Was haben wir falsch gemacht?“ „Wäre die DDR zu retten gewesen?“ Diese Fragen treibt die Herren um, Damen spielten an jenem Abend keine Rolle – außer als Gastgeberinnen.

Die Fehlerdiskussion

Man hatte es keinesfalls mit dumpfen, larmoyanten Funktionären zu tun, vielmehr mit Hochqualifizieren, Spitzenkräften der Physik, Elektronik, Promovierte, Akademiemitglieder. Viele von ihnen haben nach der Wende erfolgreich Unternehmen gegründet, sind „ausgebildete Kleinkapitalisten“ geworden, wie es einer formulierte. Von Gejammer keine Spur, vielmehr vom Ringen um Erkenntnis, das Verstehen, warum das Lebenswerk, auf das man nach wie vor stolz ist, doch zusammenbrach.

Anders als die Generation der Väter, die nach dem „Zusammenbruch“ von 1945 angesichts der selbstverübten Großverbrechen in jahrzehntelanges Schweigen verfiel, drängt es diese Nachkriegsgeneration zum Reden. Dass dieses geschichtsbetrachtende Gespräch in einer kulturvollen, inspirierenden und durch die Öffentlichkeit stets einsehbaren Form geschieht, ist in hohem Maße Katrin Rohnstock zu verdanken. Die gebürtige Jenenserin ist die treibende Kraft hinter den Erzählsalons, ihr Verlag betreut die Serie von Autobiografien bedeutender DDR-Wirtschaftslenker. Ergänzend dazu wirkt der Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens.

Im Fall Karl Nendel & Weggefährten kommen wesentliche Einsichten zutage. Die Fehlerdiskussion ergab:

1. Die Enteignung der Klein- und Mittelbetriebe beginnend in den Sechzigerjahren, war die größte Dummheit. Eine Katastrophe. Kreativität und Flexibilität des Mittelstandes fehlten schmerzlich.

2. Das Volkseigentum ließ keine wirkliche Beteiligung zu. Der Kapitalismus ist in der Eigentumsfrage flexibler.

3. Weniger Gleichmacherei wäre besser gewesen, Reichtum durch kreative Leistung muss erlaubt sein, das „Besitz-Gen“ des Menschen muss richtig eingesetzt werden. So machen es die Chinesen heute, brachte ein Weggefährte vor, die stürmen derzeit voran, wie kein anderer. Erwägungen über die Rolle persönlicher und politischer Freiheiten wälzten Nendel und Genossen an jenem Abend nicht. Dafür waren sie ja nicht zuständig gewesen.

4. Ohne Kooperation mit dem Westen war das Überleben unmöglich. Schalck, Nendel und etliche Betriebsdirektoren sprachen zwar darüber, doch mit „den Alten“ an der Spitze ging diesbezüglich gar nichts.

Ein Weggefährte sprach noch über eine „Tragik der DDR-Geschichte“: die Gläubigkeit, das „Sich-bis-zum-Ende-treu-bleiben“. Das gilt eigentlich als etwas Gutes. Doch kann es, wie man sieht, ins Übel führen.