Mario Lehmann stellt sich vor. „Ich bin der Erklärbär“, sagt der Mitarbeiter des Busunternehmens Bayern Express (BEX). In der Tat, erklären kann er gut. Denn der Betriebsplaner hat schon viele Schienenersatzverkehre vorbereitet und begleitet. Er weiß, wie Fahrgäste reagieren, wenn plötzlich die Bahn nicht mehr fährt und sie auf Busse umsteigen müssen. So werde es auch im Nordosten Berlins sein, wenn im Sommer die S-Bahn-Linien S 2 und S 8 wegen Bauarbeiten gesperrt werden – wieder einmal.

Phase eins: große Verwunderung bei Fahrgästen, die weder Zeitung lesen noch andere Medien nutzen. „Oh, die Bahn fährt nicht? Davon weiß ich ja gar nichts.“ Phase zwei: Ärger. „Am Anfang sind alle böse“, weiß Lehmann. Phase drei: Gewöhnung an das Unausweichliche. Oder ausweichen auf andere Verbindungen, zum Beispiel auf den Regionalverkehr. „Viele suchen sich andere Wege. Am Ende hat es sich beruhigt.“ Bis zur nächsten Streckensperrung.

Mario Lehmann hat gerade etwas Zeit, die Psychologie des Schienenersatzverkehrs (SEV) zu erläutern. Denn die erste Testfahrt für den Busbetrieb während der S-Bahn-Sperrung, die er Dienstag gemeinsam mit anderen Beteiligten begleitet, hat gut begonnen. Um 8.06 Uhr ist der rote BEX-Bus vor dem Südausgang des S-Bahnhofs Buch abgefahren. Es wird so getan, als wäre er einer der Expressbusse, die vom 16. Juli bis zum 17. August ohne Halt zwischen Buch und Pankow-Heinersdorf pendeln werden. Die Fahrt geht flott voran.

Insgesamt werden 30 - 40 Busse im Einsatz sein

Björn Vetter vertritt die S-Bahn. Er erläutert, was auf die Fahrgäste zukommt. Schon am 26. Juni wird es losgehen, die Sommerferien haben dann noch nicht begonnen. Zwischen Blankenburg, Karow und Birkenwerder fahren keine S-Bahnen, vom 16. Juli an wird der gesperrte Abschnitt bis Buch ausgedehnt. Am 23. Juli geht zumindest die S 8 nach Birkenwerder in Betrieb, doch die Sperrung Blankenburg–Buch bleibt bis zum 17. August bestehen. Anlass: Am Karower Kreuz, dem Bahnknoten im Nordosten, wird gebaut.

Eigentlich hätte Andreas Kadgien, Fahrgast aus Karow und ebenfalls im roten Bus, allen Grund zum Groll. Schon wieder längere Fahrzeiten, schon wieder umsteigen! „Doch ich finde es gut, dass gebaut wird. Der Investitionsstau ist riesig“, sagt er. „Ich finde es auch gut, dass es Testfahrten gibt. Aber warum erst um 8 Uhr? Berufsverkehr und Stau beginnen früher.“ Er befürchtet, dass es trotz aller Vorsorge wieder Stau und andere Probleme geben wird. Beim letzten Mal nahm Kadgien eine Frau mit Blindenstock, die am S-Bahnhof herumirrte, in seinem Auto mit.

8.11 Uhr: Plötzlich gerät die Testfahrt ins Stocken. Der Bus ist mittlerweile auf der Bucher Straße unterwegs, von links kommt die Pankgrafenstraße aus Karow. An dieser Einmündung ist einiges los. „Wie immer zwischen 6 und 9 sowie 14 und 17 Uhr. Dieser Knotenpunkt wird einer der Knackpunkte sein“, sagt Mario Lehmann. Zwar lasse sich die Ampel unterschiedlich schalten, entweder bekommt die eine oder die andere Straße lange grünes Licht. Doch das ist auch das Problem: „Eine Seite wird immer benachteiligt sein. Auf der Pankgrafenstraße werden wir ebenfalls unterwegs sein“ – mit Lokalbussen, die auf einer zweiten SEV-Linie fahren werden. Insgesamt werden 30 bis 40 Busse im Einsatz sein.

8.13 Uhr: Vor der Auffahrt zur A114 muss sich auch der rote Bus anstellen. Weil eine andere Verbindung gesperrt ist, nutzen mehr Autofahrer als sonst diese Route. Für den Ansturm der Pendler reichen die Straßen im Nordosten nicht. Im dichten Verkehr geht die Testfahrt nur noch langsam voran. Erst nach fünf Minuten Stop-and-go ist der Bus auf der Autobahn. Endlich beschleunigen!

8.26 Uhr: Nach 9,8 Kilometern endet die Testfahrt am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf. „20 Minuten von Buch hierher, das ist gut“, so Vetter. Doch im Sommer werden fünf bis zehn Minuten Fahrzeit aufgeschlagen – sicherheitshalber. Die S-Bahn braucht für die Strecke neun Minuten.

Zwar sei sichergestellt, dass alle Routen frei von Baustellen sind, mit Ausnahme der Wiltbergstraße, die bis Ende 2019 eingeengt ist – für Lehmann der zweite Knackpunkt. „Auf der A 114 wurden Arbeiten wegen uns verschoben“, berichtet er. Doch am Nachmittag könne es auf der Autobahn Rückstau geben. Auch weiß niemand genau, wie viele Autos in diesem Bereich unterwegs sein werden. „Normalerweise nimmt in den Ferien der Verkehr ab“, so Björn Vetter. „Aber bei S-Bahn-Bauarbeiten kommt es vor, dass Fahrgäste auf ihr Auto umsteigen, weil sie denken, dass das schneller geht“ – obwohl der Stau dadurch nur größer wird.

Und dann ist da noch eine andere SEV-Regel: In der Praxis kann immer etwas passieren. Wie 2017, als ein Wasserrohrbruch alles lahmlegte. Zumindest das steht fest: SEV ist eine Rechnung mit Unbekannten.