Nach den Schüssen auf ein Café in Wedding geht die Polizei von einer Auseinandersetzung im Rocker-Milieu aus. Nach ruhigen Monaten drohen nun wieder bewaffnete Fehden unter kriminellen Rockerbanden.

Am Mittwochabend waren fünf Männer in Autos vor dem Lokal in der Groninger Straße vorgefahren. Sie feuerten 16 Mal auf das Lokal. Die Projektile durchschlugen die Eingangstür und die Schaufensterscheibe. Verletzt wurde niemand. Die Täter flüchteten anschließend in ihren Autos vom Tatort.

Versuchter Mord?

Kurze Zeit später nahm die Polizei vier russische Staatsbürger im Alter von 17 bis 30 Jahren fest. Einige von ihnen sollen aus der autonomen russischen Republik Tschetschenien stammen. Hinzu kommt ein Mazedonier.

Ein Mann aus einem Café von der gegenüberliegenden Straßenseite hatte die Tat mit seinem Handy gefilmt. Die Bilder übergab er der Polizei. Wo dann die Festnahme stattfand, ist bislang unklar. Einer der Verdächtigen wurde mittlerweile wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen.

Zu den Hintergründen der Tat sagte die Polizei, die nach Angaben eines Sprechers wegen versuchten Mordes ermittelt, am Donnerstag nichts. Bereits am Abend der Tat waren Beamte des Rockerdezernats am Tatort und befragten erste Zeugen. Die Ermittlungen werden unter Leitung des Rockerdezernats und der Mordkommission geführt. Sie gehen Hinweisen nach, denen zufolge die Angreifer mit dem Rockerclub Guerilla Nation in Verbindung stehen sollen.

International agierende Bande

Das Berliner Chapter dieser Gruppe, das sich vor zwei Jahren vor allem aus Mitgliedern arabischer Clans gründete, soll sich Ende 2016 aufgelöst haben. Jedoch versuchen offenbar andere Teile dieser international agierenden Bande, die aufgegebenen Geschäftsfelder zu übernehmen – etwa eine Gruppe namens Guerilla Nation Vainakh, die vor allem aus Tschetschenen besteht.

Das Weddinger Lokal, das mehrfach verschiedene Eigentümer hatte, wurde vor einem knappen Jahr von einem Albaner übernommen. Öffnungszeiten sind nicht ausgeschildert. Es gibt an der Tür nur den Hinweis, dass der Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren verboten ist. Anwohner berichten, dass zur Tatzeit, gegen 20.15 Uhr, mehrere Männer im Lokal gesessen hätten. Sie seien wegen der Schüsse über den Hinterhof geflüchtet.

„Rebellen 714 Legion Ost“

„Tagsüber ist dort nicht ein Gast drin“, sagt ein Anwohner. Andere berichten von nächtlichen Lärmbelästigungen. Der Wirt selbst sagt: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, warum auf uns geschossen wurde.“ Er glaubt nicht, dass die Schüsse ihm direkt galten. Er sei zur Tatzeit auch nicht da gewesen. Nach Angaben von Ermittlern hatte es jedoch zuvor im Lokal eine Auseinandersetzung mit den später Festgenommenen gegeben. Die Schüsse könnten ein Racheakt gewesen sein.

Geprüft wird auch, ob es einen Zusammenhang mit dem Mord an einem Angehörigen des Rockerclubs im August vorigen Jahres gibt. Damals wurde ein 28-jähriger Prospect (Probemitglied) in Lichtenberg auf offener Straße erschossen. Die Mitglieder der Bande schworen öffentlich Rache. Bei der Beerdigung waren auch Mitglieder zu sehen, auf deren Kutten die Aufschrift „Guerilla Nation Vaynakh – 714 Berlin“ beziehungsweise „Rebellen 714 Legion Ost“ prangte.

Die „Rocker“ haben kein Motorrad

Die Täter vom Mittwochabend hatten sich offenbar gut vorbereitet. Sie wussten, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Gewerbekomplex befindet. Dort liegt auch der Polizeiabschnitt 35. Abends ist dort das Tor geschlossen, durch das die Polizisten nur wenige Meter zum Tatort gehabt hätten. So mussten sie einen langen Weg um den Straßenblock herum nehmen.

Auch am Donnerstagnachmittag sicherten Kriminaltechniker des Landeskriminalamtes auf dem Gehweg, im Lokal und dem Hinterhof noch Spuren. Mit einem 3D-Scanner erfassten sie den Tatort.

Guerilla Nation ist nach Einschätzung der Polizei eine Bande, die ihr Geld vor allem mit Drogengeschäften und im Rotlichtmilieu verdient. Sie hatte sich in Berlin vor allem gewaltsame Auseinandersetzung unter anderem mit dem dominierenden Rockerclub Hells Angels geliefert. Guerilla Nation ist eine von mehreren neuen Gruppierungen, die sich den Habitus und die Insignien eines echten Rockerclubs gegeben haben, obwohl nach Angaben von Ermittlern nur wenige von ihnen einen Führerschein geschweige denn ein eigenes Motorrad besitzen.