Schießstand-Affäre bei der Berliner Polizei: Was vergiftete die Polizisten?

Berlin - Sie stehen für einen der größten Skandale der letzten Jahre in unserer Stadt. Rund 1500 Polizisten, die beim Waffentraining vergiftet wurden, weil die Belüftungsanlagen auf den Schießanlagen fehlerhaft waren. Mindestens 13 Menschen, allesamt Polizeibeamte, sind mittlerweile an den Folgen der giftigen Dämpfe verstorben, sagen Experten.

Zwar wurde vom Senat inzwischen geregelt, dass von dem Skandal betroffene Einsatzkräfte entschädigt werden. Aber trotz Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft wurde bisher niemand zur Verantwortung gezogen, weder juristisch noch moralisch. Niemand gibt offen zu: Ja, wir haben Fehler gemacht.

„Ein weiteres, unnötiges Todesopfer“

Am Montag starb ein 57-jähriger Schießausbilder der Direktion, nach Einschätzung des Vereins „Berliner Interessengemeinschaft Solidarischer Staatsbediensteter“ an den Folgen der eingeatmeten Dämpfe.

„Es besteht der begründete Verdacht, dass die Schadstoffbelastungen auf den maroden Schießständen der Polizei die schweren Erkrankungen verursacht, zumindest aber deren Entstehung erheblich begünstigt haben“, so ein Vereinssprecher. F. sei „ein weiteres, unnötiges Todesopfer in der Schießstandaffäre“.

Dämpfe vergifteten ahnungslosen Polizisten

Doch was genau ist es eigentlich, was die Beamten vergiftet hat? „Beim Schuss mit Handfeuerwaffen werden Schadstoffe emittiert, die in geschlossenen Schießständen zu einer Kontamination der Atemluft bei Schützen und Aufsichtspersonen führen“, heißt es in einer Studie des Wehrwissenschaftlichen Instituts für Werk-, Explosiv und Betriebsstoffe.

Und weiter: „Die Reaktionsprodukte können als luftgetragene Schadstoffe eingeatmet werden und so zu einer Gefährdung der Gesundheit führen.“ Deshalb müssen Schießstände mit leistungsstarken Abzugshauben ausgestattet sein – doch die waren auf mehreren von der Polizei genutzten Schießbahnen zu schwach und teils falsch montiert, die Dämpfe vergifteten die ahnungslosen Polizisten.

Bislang gab es keine Vernehmungen

Unabhängig von gravierenden gesundheitlichen Folgen der Schießstand-Affäre tobt auch weiterhin ein erbitterter Streit um die politische sowie die juristische Verantwortung. So wird Berlins früherer Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers vorgeworfen, seinerzeit nichts gegen die Missstände getan zu haben, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Körperverletzung im Amt.

Pikant: Koppers wurde mittlerweile zur Generalstaatsanwältin Berlins befördert. Damit ist sie die Chefin der Staatsanwälte, die gegen sie ermitteln.
Zwar sei innerhalb der Staatsanwaltschaft gewährleistet, dass sie keinen Einfluss nehmen könne, heißt es aus der Senatsjustizverwaltung. Eine offizielle Mitteilung über den Stand der Ermittlungen gibt es aber nicht.

„Nach letzten Informationen aus dem Justizausschuss des Abgeordnetenhauses ist den Betroffenen nur gesagt worden, dass es bislang keinerlei Beschuldigtenvernehmungen gegeben hat“, teilte der BISS-Sprecher Anfang Oktober mit. Für Betroffene und deren Angehörige eine mehr als unbefriedigende Antwort.

Unklarheit um die Schmerzensgelder

Und auch die Auszahlung der vom Senat beschlossenen Schmerzensgelder an erkrankte Polizisten verzögert sich. Zunächst hatte es aus Kreisen der Bewertungskommission noch geheißen, die betroffenen Polizisten sollten die Gelder aus dem Fond bis Ende 2018 erhalten.

Anfang November wurden die Aussagen dann relativiert, der Zeitplan habe nur die Arbeit der Kommission betroffen. Es sei nicht besprochen worden, dass bis dahin der gesamte Ausgleichsfonds einschließlich der Auszahlungen abgewickelt sein solle. Dies liege nicht in der Kompetenz der Bewertungskommission.

Wann die Schmerzensgelder tatsächlich ausgezahlt werden, ist damit weiterhin unklar. Wie so vieles in der Affäre um giftige Dämpfe und tote Polizisten.