Schiff „Berlin“: Diese Fähre ist der BER der deutschen Schifffahrt

Rostock - „Und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“, ruft die Taufpatin. Glas trifft auf Stahl, ein lauter Knall, Scherben fallen herunter, ein Dreiviertelliter Piper-Heidsieck-Champagner ergießt sich auf den Boden und bildet eine schäumende Pfütze. Eben noch war es ein namenloser Torso, der da im Rostocker Seehafen lag.

Jetzt ist ein Schiff draus geworden, und es trägt den Namen der deutschen Hauptstadt: „Berlin“. Eine Name wie ein Omen, könnte man fast sagen. Denn die „Berlin“ ist so etwas wie der BER der deutschen Hochseeschifffahrt.

Um vier Jahre hat sich ihre Indienststellung verzögert – eigentlich sollte das Schiff im Frühjahr 2012 seine Jungfernfahrt absolvieren, kurz vor der geplanten Eröffnung des Berliner Großflughafens. Dazu kam es nicht. Und wer ein bisschen abergläubisch ist, kommt nicht um die Frage herum, ob der Name des Schiffs sein Schicksal nicht vorschrieb.

Kilometerweise falsche Kabel

„Wir hatten viele schlaflose Nächte“, sagt der Chef der Reederei Scandlines, Søren Paulsgaard Jensen, in seiner Festrede. Das ist wohl noch eine Untertreibung. 2009 beauftragte Scandlines die P+S-Werft in Stralsund – Nachfolger der traditionsreichen Volkswerft – mit dem Bau zweier Fähren. Mehr als 100 Millionen Euro pro Stück sollten sie kosten. Mit der „Berlin“ und ihrem Schwesterschiff „Copenhagen“ wollte sich die ehemalige Volkswerft als Hersteller großer Passagierschiffe profilieren. Die Manager sahen darin die letzte Chance, Gewinne zu erwirtschaften.

Aber Passagierschiffe sind eben sehr komplex, und die Stralsunder Schiffbauer scheiterten an ihrer Aufgabe. Genau wie ihre Ingenieurskollegen am BER verlegten sie kilometerweise falsche Kabeltrassen. Was aber viel gravierender war: Die „Berlin“ wurde viel zu schwer und lag so tief im Wasser, dass sie den Hafen von Gedser nicht hätte anlaufen können. Scandlines verweigerte die Abnahme. Die Werft ging darüber pleite, fast 2000 Jobs in Stralsund verschwanden.

Blau strahlt der Himmel an diesem Dienstagvormittag, ein leichter Wind weht vom Meer. Von dem Kai, an dem die „Berlin“ liegt, wird sie in Zukunft alle vier Stunden ablegen, um Menschen, Autos und Lastwagen in den dänischen Hafen Gedser zu bringen. Schmuck ist sie geworden, außen strahlend weiß, innen stilvoll skandinavisch eingerichtet. Es gibt selbstreinigende Unisex-Toiletten an Bord, und in der Cafeteria, wo bunte Schilder die Currywurst – dänisch: Karrypølse – für 8,05 Euro bewerben, riecht es schon heimelig nach Bratfett. Die Stimmung an diesem Tag ist erleichtert. Keineswegs gelöst – wie bei manch anderen Schiff-Taufen.

Zumindest für die Reederei nimmt ihr „Berlin“-Abenteuer nun wohl ein glückliches Ende. Eine dänische Werft übernahm den Auftrag, die zwei Schwesterschiffe zu verschlanken. Sie riss die Fähren zu großen Teilen wieder ab und baute sie mit leichteren Materialien wieder auf. Ein tolles Schiff sei die „Berlin“, sehr wendig, versichert Kapitän Hartmut Adam. „Rückwärtsfahren macht richtig Spaß“, erzählt er, und dass der Bremsweg aus voller Fahrt 700 Meter lang ist.

Nur bei einer Frage weicht er aus: Wann seine Fähre denn nun in Dienst gestellt wird. Es fehlten noch ein paar Stempel, sagt er. Alles sei nur noch eine Frage von Tagen, ein festes Datum gebe es aber noch nicht. Ein bisschen Spannung also bleibt. Und wenn sich die Flughafenbauer in Berlin richtig anstrengen, können sie die Schiffbauer an der Ostsee vielleicht ja doch noch einholen.