Erste Fahrt im Schiffslift: Der Berliner Schlepper „Volldampf“ ist dabei

Schon bei der Eröffnung wird das Schiffshebewerk als besonderes Bauwerk gefeiert. Und es gibt auch eine Kuriosität, die mit dem Nachbau in China zu tun hat.

Der Berliner Schlepper „Volldampf“ wurde extra zur Eröffnungsfeier eingeladen.
Der Berliner Schlepper „Volldampf“ wurde extra zur Eröffnungsfeier eingeladen.Volkmar Otto

Er ist extra aus der Berlin angereist, und obwohl es von der Jannowitzbrücke nur 50 Kilometer Luftlinie sind, hat Jens Grabner bis Niederfinow fast zwei Tage gebraucht. Denn der 54-Jährige ist mit dem Schiff angereist, besser gesagt mit einem Schlepper aus dem Jahre 1896. „Wir wurden für diesen ganz besonderen Tag extra eingeladen, weil unser Schiff nicht nur so schön alt ist, sondern auch schön“, sagt er.

Deshalb ist der Kapitän nun in Niederfinow an diesem historischen Tag. Es ist Dienstag, der 4. Oktober 2022. Ein Tag, der in die Geschichte des Ingenieurbaus in Deutschland eingehen wird: An diesem Tag wird das neue Schiffshebewerk eröffnet. Ein 100 Meter hoher Schiffsfahrstuhl, mit dem die Schiffe auf dem Oder-Havel-Kanal eine 36 Meter hohe Anhöhe überwinden können. Der Neubau löst das älteste noch funktionstüchtige Hebewerk in Europa ab. Es steht direkt daneben.

Der Neubau kostet die Rekordsumme von 520 Millionen Euro, ursprünglich waren 300 Millionen geplant. Und der Bau wurde acht Jahre später fertig als geplant. Aber nun steht er. Während Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) ankommt, fährt Grabner mit dem Schlepper namens „Volldampf“ eine Runde in der breiten Zufahrt zum Hebewerk. Dort dürfen keine Schiffe liegen, aber die Ehrengäste haben eine Sondergenehmigung. Der 54-Jährige wird gleich anlegen. Die Manöver, die er mit seinem fast 18 Meter langen Schlepper vollführt, sehen einfach aus. Er dreht mit vollem Schwung am hölzernen Steuerrad, um zu lenken. Dazu bedient er den sogenannten Fahrhebel nach vorn und nach hinten. Als das Schiff ganz kurz mal ruhig im Wasser liegt, sagt er: „Eine Bremse gibt es nicht. Nur vorwärts, neutral oder rückwärts.“ Deshalb redet er auch nicht während der Fahrmanöver.

Grabner erzählt, dass er sich freut. Er hat Schiffsmaschinist gelernt und Nautik studiert, war 15 Jahre als Schiffsoffizier mit Kapitänspatent auf See. „Aber irgendwann überwog der Wunsch, die Nächte im eigenen Bett zu verbringen“, sagt er. Nun betreibt er hauptberuflich die Kiezsauna in Friedrichshain und ist nebenberuflich Kapitän der „Volldampf“, die dem Berliner Technikmuseum gehört und im historischen Hafen an der Jannowitzbrücke liegt.

In dem neuen Schiffslift können viel längere Schiffe in die Höhe gehoben werden.
In dem neuen Schiffslift können viel längere Schiffe in die Höhe gehoben werden.Volkmar Otto

Von dort ließen sie sich Zeit für ihre Fahrt nach Niederfinow. Dann die Besonderheit: Sie fuhren mit dem alten, 1934 eingeweihten Hebewerk nach unten und warten nun drauf, mit dem neuen, bei der ersten offiziellen Fahrt nach dabei zu sein. „In dem alten sind wir schon fünf- oder sechsmal gefahren“, sagt er. „Das ist wirklich toll.“

Es ist ein imposanter Bau aus Stahlträgern, an dem doppelt so viel Stahl verarbeitet wurde wie am Pariser Eiffelturm. Das Bauwerk wurde 2007 als allererstes von der Bundesingenieurkammer zum Historischen Wahrzeichen der Ingenieurkunst in Deutschland erklärt.

Der Nachbau war früher fertig als das Original

Das neue ist wesentliche länger und breiter, sodass viel größere Schiffe gehoben werden können. Es ist zwar ein massiver moderner Bau aus Beton, sieht aber doch luftig aus. Grabner sagt das, was die meisten sagen: „An das neue muss ich mich erst noch gewöhnen.“ Aber es sei nun schon fast einen Tag. „Je länger ich es sehe, umso besser gefällt es mir.“

Bundesminister Wissing sagt zur Eröffnung: „Das neue Schiffshebewerk ist modern, digital und trägt dazu bei, den klimafreundlichen Verkehrsträger Wasserstraße weiter zu fördern.“

Mit dem Schiffslift ist es nun möglich, dass 100 Meter lange Schubverbände von der Ostsee nach Berlin gelangen und von dort bis ins Ruhrgebiet. Es ist der einzige Anschluss für Schiffe von einem Ostseehafen an das 22.000 Kilometer lange Netz der Wasserstraßen in Westeuropa, sagt Rolf Dietrich, Chef des Berliner Wasserstraßen-Neubauamtes. Dietrich hebt die internationale Bedeutung des Bauwerks hervor.

Es ist aus technischer Sicht das direkte Vorbild für das größte Schiffshebewerk der Welt in China. Der Nachteil: Der doppelt so große Nachbau in Fernost war deutlich schneller fertig als das Original. Der Vorteil: China liefert seit 2016 den Beweis, dass die technische Idee funktioniert.

Jens Grabner, der Kapitän des Schleppers „Volldampf“
Jens Grabner, der Kapitän des Schleppers „Volldampf“Volkmar Otto

Als Grund für die Verzögerungen in Brandenburg nennen die Verantwortlichen vor allem die Stahlkrise auf dem Weltmarkt, die massiven Preissteigerungen, den Fachkräftemangel und zuletzt auch Lieferengpässe durch die Pandemie.

Am Tag der Eröffnung ist eines klar: Beide Bauten sind ein Tourismusmagnet. An der 36 Meter hohen Anhöhe schlängelt sich ein Spazierweg nach oben. Untern an der Straße stehen die Leute so dicht gedrängt, dass sich die Besucher auch auf diesen Wegen verteilen.

Brandenburgs Verkehrsminister Guido Beermann (CDU) betont die Wichtigkeit des Schiffslifts. Trotz Verkehrswende und Klimakrise nehme der Güterverkehr auf den Straßen zu. „Die Binnenwasserstraßen sind die einzigen Verkehrswege, auf den noch Kapazitäten frei sind.“ Und die seien auch noch ökologischer. Und er sagt: Sollte das neue Bauwerk so gut und auf den Tag genau so lange arbeiten wie das alte, würde es am 19. Juni 2096 ebenfalls zum Wahrzeichen heimischer Ingenieurkunst erklärt.

Jens Grabner und der Schlepper „Volldampf“ sind nicht nur bei der ersten Fahrt nach oben dabei, sondern auch nach unten. „Es lief ganz wunderbar“, sagt er hinterher. „Der wichtigste Unterschied: Beim neuen ging es schneller als beim alten.“