Berlin - Der 5. Juli 1951 ist ein Donnerstag und ein kühler, regnerischer Tag. Das Wetter ist nicht ideal für einen Sommerausflug, doch die 127 Schulkinder aus dem Prenzlauer Berg freuen sich riesig: Von der Anlegestelle im Treptower Park soll es nach Hessenwinkel in Rahnsdorf gehen. Es sind Ferien.

Rolf Pretorius, damals elf Jahre alt, trifft sich gegen 8 Uhr morgens mit seinen Mitschülern vor seiner Schule in der Nähe des heutigen Thälmannparks. Ein paar Straßenecken weiter an der Kreuzung Storkower/Ecke Greifswalder Straße verabschieden sich zu dieser Zeit zwei Schwestern voneinander: Die 17-jährige Marion bindet der neunjährigen Reinhilde noch schnell die Schuhe, dann rennt das Mädchen los. Auch sie freut sich auf den Tag.

Eine Fahrt in den Tod

Rolf und Reinhilde sind zwei von 127 Kindern, die an diesem Tag gegen 9 Uhr die „Heimatland“ besteigen. Als das Schiff ablegt und wendet, sitzt Rolf Pretorius unter Deck gleich neben dem wärmenden Maschinenblock und schaut aus dem Fenster, neben ihm ein kleiner Junge, auf den er aufpassen soll. Plötzlich gibt es einen ohrenbetäubenden Knall, und eine Stichflamme trifft den Elfjährigen in der rechten Gesichtshälfte, er kann verbrannte Haare riechen. Kurz darauf steht das Schiff in Flammen.

65 Jahre später steht Rolf Pretorius an der Uferpromenade im Treptower Park unweit der Anlegestelle, wo die „Heimatland“ damals ablegte und wo an diesem Tag 28 Kinder und zwei Erzieherinnen ums Leben kamen. Pretorius erlitt Verbrennungen im Gesicht und an den Beinen, aber er überlebte. Etwas unschlüssig blickt der heute 76-Jährige auf die kleine Menschenansammlung direkt vor dem Gedenkstein, der seit 2006 an das größte Schiffsunglück der Berliner Binnenschifffahrt erinnert. „Ich bin sehr gerührt“, sagt Pretorius leise. „Vor allem, wenn ich die Gleichaltrigen sehe und daran denke, dass sie auch dabei waren.“

Unter den Gästen der kleinen Trauerfeier, die der Heimatverein Treptow-Köpenick organisiert hat, ist auch eine Frau im Rollstuhl gekommen, sie hat einen kleinen Topf mit roten Rosen mitgebracht. Es ist Marion Werner, die damals 17-Jährige, die ihre kleine Schwester an der Kreuzung verabschiedet hat. Dieser 5. Juli, sagt die heute 82-Jährige, habe sich fest in ihr Gehirn eingebrannt, „ich kann alles noch ganz genau sehen“. Wie sie mit Reinhilde an der Kreuzung steht, wie sie ihr die Schuhe bindet, wie das Mädchen losläuft. Erst am Abend habe sie von dem verheerenden Schiffsunglück erfahren, erzählt Marion, und erst am Morgen danach hatte die Familie Gewissheit, dass Reinhilde zu den Toten gehört. Marion Werner weint, als sie das erzählt. „Und ich frage mich die ganze Zeit, wie das meine Eltern überstanden haben.“

Das Unglück sorgt in mehrfacher Hinsicht für große Bestürzung in der Stadt: Zum einen, weil so viele Kinder unter den Opfern sind – Kinder, die allesamt den Krieg und die Hungersnot überlebt hatten. Zum anderen, weil sich das Unglück nahe der Sektorengrenze der damals geteilten Stadt ereignet und das Unglück schnell zum Politikum wird. Krankenwagen werden nicht durchgelassen, Grenzer behindern Rettungsarbeiten. Im Westen spricht man später von fast 50 Toten. Gesichert ist heute nur eines: Es wären viel mehr Tote zu beklagen gewesen, wenn Bernhard Langwaldt nicht gewesen wäre. Der Kapitän das Fahrgastschiffes „Elfriede“ nimmt fast 80 Kinder von der brennenden „Heimatland“ an Bord und rettet sie vor dem Ertrinken. An Langwaldts selbstlose Tat erinnert seit fünf Jahren ein kleiner Zusatz an der Gedenktafel, seit Dienstag trägt auch der Uferweg im Park seinen Namen.

Sich selbst überlassen

Rolf Pretorius gehört zu jenen Kindern, die an dem Tag sich selbst überlassen sind. Er befindet sich auf der anderen Seite des brennenden Schiffs – hinter ihm Feuer, vor ihm nur Wasser. Und wie so viele andere Kinder kann auch er nicht schwimmen. „Ich stand also vor der Frage: Willst Du verbrennen oder ersaufen.“ Der Elfjährige entscheidet sich für das Wasser, er findet ein dickes Tau, an dem er sich festhält. Und dann, im Wasser, entdeckt er den kleinen Jungen, auf den er aufpassen sollte. Er holt ihn zu sich, ans Tau, so werden sie aus dem Wasser geholt. „Am Ende hab ich ihn mitgerettet“, sagt Pretorius. „Das war ein großer Trost für mich.“