Es fängt damit an, dass dem Brandenburger die Identität fehlt.

Brandenburg, was ist das eigentlich? Wenn ich in den neunziger Jahren im Westen Deutschlands auf die Frage, woher ich denn stamme, sagte, ich komme aus Brandenburg, fühlte ich mich wie eine Lügnerin. Ich kam doch gar nicht aus Brandenburg.

Ich war mir nicht mal sicher, was dieses Brandenburg, das da 1990 zu einem Bundesland zusammengelegt wurde, genau war. War es das gleiche Brandenburg, das Theodor Fontane durchwandert hatte? War Brandenburg jetzt wieder Preußen, durfte aber nicht so heißen? Oder war es das Land, das einst im Mittelalter der Askanier Albrecht der Bär von den Slawen eroberte?

Offenbar besaß dieses Brandenburg sogar eine eigene Hymne, die die Kinder nun wieder in der Schule lernen durften. „Steige hoch, du roter Adler“ heißt das Lied, darin wird dem Vaterland schwülstig die Treue geschworen, „Heil dir, mein Brandenburger Land“, weswegen es besonders zu Nazi-Zeiten beliebt gewesen sein soll. Offenbar wurde das Lied auch zu Hitlers Reichsparteitag 1934 gesungen.

Als ich geboren wurde, gab es dieses Brandenburg nicht und niemand kannte die Brandenburg-Hymne. Es gab den Kreis Beeskow und den Bezirk Frankfurt/Oder, den Bezirk Potsdam, den Bezirk Cottbus. Selbstverständlich kannte niemand im Westen Deutschlands den Kreis Beeskow.

Warum auch? Schon die Radiomoderatoren in Berlin hatten ja mit der Endung -ow so ihre Probleme und sprachen in den Verkehrsnachrichten von Storkoff und Beeskoff, worüber sich die Storkower und Beeskower wiederum amüsierten. So stellten sich die Berliner wohl das Land Brandenburg vor. Fremd, irgendwie russisch und nach seltsamem Essen klingend, eine Art geografisches Boeuf Stroganoff.

Verwirrend hastig, vorhistorisch einsam

Die Geschichte der Fremdheit zwischen der Stadt und dem Umland ist lang. Schon der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler wundert sich 1910 in seinem berühmt gewordenen Buch „Berlin – ein Stadtschicksal“ darüber, wie wenig Wechselwirkungen es zwischen Berlin und Umgebung gibt. Er beschreibt, wie Berlin sich darin von anderen Städten abhebt, Paris zum Beispiel.

Auch wenn man die Stadt verlasse, spüre man immer noch den Pariser Geist und die Stadtkultur, Stadt und Land gingen fast unmerklich ineinander über. „Dem Betrachter Berlins fällt dagegen auf, dass Stadt und Umgebung vollständig Zweierlei sind, es sind zwei Welten.“ Die Stadt sei verwirrend hastig, die Natur drumherum fast vorhistorisch einsam, fremdartig, lebensabgewandt. Wenn man die Stadt verlasse, gebe es keinen Übergang, man sei sofort in einer anderen Welt, in der sich die Landschaft fast 800 Jahre nicht geändert hat.

Auch wenn die Beobachtungen Schefflers hundert Jahre später nicht mehr ganz stimmen dürften, schließlich wächst Berlin mit Gewerbegebieten und Reihenhaussiedlungen immer weiter ins Umland hinein, sei die geistige Distanz gleich geblieben, stellt der Autor Moritz von Uslar fest. Er hat für seine vielgepriesene Reportage „Deutschboden“ 2009 ein paar Monate in Zehdenick im Norden Berlins gewohnt. Sobald er dort ankommt, schreibt er, fühlt er sich wie auf einem anderen Planeten, als sei Berlin dreitausend Kilometer entfernt.

Die Beziehung der Brandenburger und Berliner spielt sich nicht auf Augenhöhe ab, was Teil des Problems ist, also eines Problems der Brandenburger. Die Brandenburger sind überzeugt davon, dass die Berliner auf sie herabschauen, ihre Kleidung, ihre Essgewohnheiten, ihr Geschmack, deshalb sind sie besonders abweisend.

Der Berliner liebt an Brandenburg die Leere, die Wälder, die Seen, also alles, wo keine Menschen vorkommen, nicht zu vergessen die billigen Grundstücke. Die dazugehörigen Menschen betrachtet der Berliner so wie ein Ethnologe einen kleinen, drolligen Stamm.

Der Berliner findet es witzig, dass alle Brandenburger Nazis sind oder Arbeitslose oder beides. Heil dir, mein Brandenburger Land. So richtig interessiert der Berliner sich aber nicht für die Brandenburger, solange sie mit ihren hässlichen Tattoos nicht die Aussicht auf das Seeufer verderben.

Am Wochenende aber kommen die Berliner in ihren Autos voller Vorräte, die sie zuvor auf einem Biobauernmarkt in der Stadt gekauft haben. Denn das Essen in Brandenburg ist schlecht, das weiß jedes Kind. Dabei beruht diese Ansicht, typisch Berliner!, auf mangelndem Verständnis.

Der Brandenburger setzt einfach andere Prioritäten: Ein Essen ist gut, wenn die Portionen groß sind und satt machen. Wozu soll man sonst essen? Deshalb schmeckt das Essen in Brandenburg auch so oft nach nichts, weil eben nichts von der reinen Tätigkeit des Essens abhalten soll. Ein weiteres Klischee lautet, dass der Brandenburger notorisch schlecht gelaunt sei. Dabei kann er einfach der Geschwätzigkeit des Berliners nichts abgewinnen.

Der Brandenburger macht alles, um dem Berliner die Freude am Zweitwohnsitz zu verleiden. Eine der Lieblingsfreizeitbeschäftigung junger Männer ist das Jagen von Berliner Autos. Wann immer man auf der von Kiefern umstandenen Allee das Kennzeichen „B“ entdeckt, gibt der Insasse des Autos mit dem Kennzeichen „LOS“ oder „MOL“ oder „OHV“ Gas, drängt an die Stoßstange, noch schnell Lichthupe, bevor dann scharf links überholt wird. Der Fahrer des „B“-Autos hält sich meist an die Geschwindigkeitsgrenzen auf Brandenburger Landstraßen, was natürlich gar nicht geht.

Am schönsten ist es, wenn man die Berliner in eine Geschwindigkeitskontrolle treiben kann, die man selbst natürlich durch schnelles Abbremsen vermeidet, weil man genau weiß, wo die Polizisten stehen.

Der Brandenburger umgekehrt vermeidet Besuche in der Hauptstadt, solange sie nicht absolut notwendig sind, wie zum Beispiel zum Schwarz-rot-goldene-Fahnen-Ausführen auf der Fanmeile. Zu Ost-Zeiten war Berlin wenigstens noch interessant, weil es in der Kaufhallen dort Margonwasser und Schleckermäulchen gab. Aber wer isst denn heute noch Schleckermäulchen?

Berlin ist laut, schmutzig, hässlich, lautet die Meinung, die quer durch alle Generationen weitergetragen wird. Es gibt Hausbesetzer, Obdachlose, Drogensüchtige, Ausländer und sonstige komische Vögel. Den vielen Tausend Pendlern aus dem Umland, die in Berlin arbeiten, könnte man einen Heidenschreck einjagen, wenn man sie zum Umzug in die Stadt zwingen würde. Lieber stehen sie jeden Tag frierend am Bahnsteig und warten auf den Regionalexpress, der sie in die Provinz bringt. In Sicherheit.

Wer doch den Sprung wagt, in die Stadt zieht und sich dort auch noch wohlfühlt, wird wie ein Verräter behandelt. „Ah, da kommen die Berliner“, heißt es dann. „Fidschi“ oder „Neger“ sind für Brandenburger normale Beschreibungen, die für ihn keinen bösen Klang haben, wenn er wirklich jemanden beleidigen will, dann schimpft er ihn „Berliner“.

Diese Stadt verdirbt die Kinder, bringt sie auf dumme Gedanken. Was den Brandenburger am allermeisten quält: Es gibt zu wenig Parkplätze in der Stadt. Wie wichtig das Auto auf dem Land ist, hat Moritz von Uslar in „Deutschboden“ sehr hübsch beschrieben. „Es wurde unentwegt in Autos gestiegen, aus Autos ausgestiegen, in Parkplätzen vor und zurückgefahren, an offenen Autos gestanden und sich unterhalten, sich durch Autoscheiben begrüßt und verabschiedet. Die in den Autos grüßten Fußgänger und umgekehrt.“

Die Abneigung gegen alles Berlinerische, alles Großstädtische gilt für Ost und West: der Brandenburger verabscheut die kleinkrämerische Arroganz des West-Berliners genauso wie das großspurige Mackergehabe des Ost-Berliners, der sich schon immer für was Besseres hielt. Und dann das Missionarische des Neuberliners, der im Umland auftritt wie ein Kolonist, der einen magischen Ort entdeckt hat, an dem die mittelalterlichen Wenden ihr Pferde tränken.

Babyenten bei Vollmond

Der Klassiker: Neuberliner macht einen einzigen Ausflug ins Umland, danach ist er Experte, Brandenburg-Experte. Ausschweifend erzählt er von jenem geheimen Radweg, den er gefunden hätte, zu dem malerisch verwachsenen Teich, an bei Vollmond die Babyenten schwimmen. Kennst du doch sicher, sagt der Neuberliner zum Brandenburger, ohne eine Antwort zu erwarten. Wie schrieb der Publizist Karl Scheffler? „Unter hundert Berlinern trifft du nicht zwei, die zuhören können.“

Warst du schon mal in dieser wahnsinnig tollen Eisdiele im Dorf X, über die die New York Times schon berichtet hat? Und dieses schnuckelige kleine Restaurant im Wald hinter den sieben Bergen, die nach Steinzeit-Rezepten kochen?

Der Brandenburger hört zu und wundert sich über die Neigung des Berliners, alles zu verkomplizieren. Was ist verkehrt an der Dönerbude an der Kaufhalle? Man geht auf dem Land eher selten aus, erstens, weil man in den Gaststätten an den Seen sowieso keinen Platz bekommt, an den Tischen sitzen ja schon die Berliner, zweitens, warum viel Geld für etwas bezahlen, was man zu Hause selber machen kann? Da spart man sich auch das Herumgesitze und Gewarte.

Wie jede Form von intensiver Abneigung enthält auch der Hass des Brandenburgers eine tragische Komponente, weil sich im Hass ja auch nur eine Form der Liebe zeigt, bei der was schief gelaufen ist. Der Brandenburger ist abhängig von Berlin, schon immer gewesen. Selbst die Sprache ist nichts Eigenes, das Berlinerische, hat sich Ende des 19. Jahrhunderts aufs Umland ausgedehnt, wie Stadtsoziologin Brenda Strohmaier in ihrer Doktorarbeit erläutert. Die Zuwanderer vom Land waren die ersten, die das Berlinern übten, die Männer übernahmen die Sprache der Berliner Arbeitskollegen, die Mädchen versuchten, sich die Sprache der bürgerlichen Umgebung anzueignen. Ab 1880 färbte die Berliner Stadtsprache aufs Umland ab, schreibt Strohmaier, und verdrängte die niederdeutsche Mundart.

Die Brandenburger sind auf die Berliner angewiesen. Wer gibt ihnen sonst Arbeit? Wer isst die Klopse? Wer besucht die Klöster, die Golfplätze, die schön renovierten Wellness-Hotels? Wer möbelt die leerstehenden Scheunen auf? Wer rettet die Brandenburger vor dem Wolf?

Ohne die Berliner wäre Brandenburg aufgeschmissen. Und das tut richtig weh.