Berlin - Das Sonnenlicht fällt an diesem Morgen durch die bunt bemalten Fenster in die Friedrichswerdersche Kirche. Es könnte für eine wohlige Wärme und eine zauberhafte Stimmung sorgen, wären da nicht diese Baugerüste. Wäre da nicht dieser unüberwindliche Stangenwald, der den Kirchenraum vom Boden bis unter die Decke ausfüllt. Von dem kathedralenartigen Saal, den der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel schuf, ist nichts mehr zu erkennen.
Selbst für die Sonnenstrahlen ist hier kein Platz.

Stephan Frielinghaus muss sich dieses traurige Bild nun schon seit fast drei Jahren ansehen. Frielinghaus, 56, ein freundlicher, beredter Mann, ist der Pfarrer der Kirchengemeinde in der Friedrichstadt in Berlin-Mitte, zu der auch die von Schinkel zwischen 1824 und 1831 errichtete Friedrichswerdersche Kirche gehört.

Das Bauwerk sei zwar nicht vom Einsturz bedroht, versichert die evangelische Landeskirche. Durch einen nur fünf Meter entfernten Neubau der Bauwert Investment Group auf der westlichen Seite habe das Kleinod aber irreversible Schäden erlitten. Und noch viel schlimmer: Jetzt wird auch auf der östlichen Seite gebaut. Der Investor Frankonia Eurobau hat dieser Tage mit den ersten Arbeiten für die Baugrube begonnen und ist sich bewusst, dass es weitere Schäden, etwa Bodenabsenkungen und neue Risse, geben wird. „Das ist eine Zerstörung mit Ansage“, sagt Frielinghaus, der in grauen Jeans, weißem Hemd und Mantel vor dem Stahlkorsett seiner Kirche steht: „Die Schinkel-Kirche ist für die Investoren allenfalls Dekoration.“

Die Friedrichswerdersche Kirche ist eines der berühmtesten Gebäude der Stadt. Sie ist das letzte, innen und außen original erhaltene Gebäude Schinkels in Berlin. Warum darf so dicht an dieses Kunstwerk heran gebaut werden? Und wie konnte es überhaupt zu der Zerstörung kommen?

„Wir waren zu blauäugig“

Im Herbst 2011 hatte die Bauwert Investment Group stolz angekündigt, dass sie neben der Kirche die Kronprinzengärten errichten werde. Ein Luxus-Projekt, vor allem mit Wohnungen für Wohlhabende. Die Bauwert präsentierte ihr Vorhaben damals mit preußisch-hoheitlicher Unterstützung einer Urenkelin von Kaiser Wilhelm II.

Diese Häuser sind inzwischen im Rohbau fertig, sie orientieren sich am historischen Stadtgrundriss Berlins. So hatten es das Land und der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann mit dem 1999 verabschiedeten Planwerk Innenstadt vorgegeben. Stimmann und andere Stadthistoriker wurden von dem Wunsch geleitet, in Ost-Berlin nach dem Abriss der DDR-Überbleibsel eine Altstadt wieder aufzubauen, die es seit dem Kriegsende nicht mehr gibt.

Das war gewissermaßen der Anfang des Dilemmas. Denn der Senat folgte 2006 und setzte einen entsprechenden Bebauungsplan fest, so dass die Investoren keine formale Baugenehmigung mehr benötigen. Von der vielerorts überholten Planung weicht der Senat auch heute, anderthalb Jahrzehnte später, keinen Zentimeter ab.

Vielmehr werden alle Vorhaben von der Hoffnung begleitet, dass die Investoren vorsichtig genug vorgehen. Schinkels Gebäude, so betonen die Denkmalpfleger, habe nie frei gestanden und war immer umbaut. So erkläre sich auch die schmale Form der Kirche: Schinkel hatte sie in eine Lücke gesetzt.

Erde unter der Kirche rutscht weg

Selbstverständlich gab es früh Proteste gegen die Investorenpläne – auch aus dem Landesdenkmalamt, von der Landeskirche und dem Architekten- und Ingenieurverein (AIV). „Wir haben zu leise agiert“, räumt AIV-Vorstand Wolfgang Schuster ein. Gegen den historischen Stadtgrundriss sei nichts zu sagen.

Kritisiert wird aber vor allem, dass die bis zu 25 Meter hohen Neubauten dem Kirchenschiff zu nahe rücken und das Kleinod „buchstäblich in den Schatten stellen“. Der Widerspruch der Kirche gegen den Bebauungsplan blieb folgenlos. Zumal damals Gutachter versicherten, dass die Kirche nicht beschädigt wird. „Wir sind alle blauäugig in die Situation gegangen. Im Nachhinein fragt man sich, wie es zu solch einer Fehleinschätzung der Fachleute kommen konnte“, sagt Frielinghaus.

Die Katastrophe beginnt Mitte 2012, als die Bauwert Investment Group die Baugrube für zwei Tiefgaragengeschosse aushebt. Denn die Berechnungen sind fehlerhaft: Das Fundament der Kirche liegt einen Meter höher, als aus den Akten ersichtlich war. Die Folgen sind dramatisch.

Die Erde unter der Kirche kommt ins Rutschen. Das Fundament gibt nach und sackt ab. Was dabei mit dem Schinkelbau geschieht, lässt sich am besten an einer Altarstufe ablesen. Sie ist in der Mitte zerbrochen, der Riss ist gut einen Zentimeter breit.

Während das rechte Bruchstück noch waagerecht liegt, kippt das andere sichtbar nach links ab. Die Kirche sei in der Mitte regelrecht auseinandergebrochen, sagt Frielinghaus. Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz erklärt es so: Die westliche Hälfte habe sich Richtung Baugrube geneigt. „Das hat zu Verformungen insbesondere innerhalb des Gewölbes geführt. Die Kirche ist dauerhaft geschädigt, auch wenn die Risse geschlossen werden können.“

Pfarrer Frielinghaus erinnert sich noch an den Sommertag 2012, als er die Schäden zum ersten Mal sah. „Es war ein Bild der Verwüstung.“ Quadratmeterweise fiel Putz von der Decke. Es gibt zentimeterbreite Risse in den Säulen und Gewölbedecken; das hätte zum Einsturz führen können. Ein Riss zieht sich durch eine Wand im Chor und hat die Ziegelsäule mitten in einem original erhaltenen Schinkel-Fenster zerstört. Das Fenster wurde ausgebaut. Die Säule ist mit Holzbohlen und Schraubzwingen geschient wie ein gebrochener Knochen.

Risse wie in dieser Kirche sind selten

Die Friedrichswerdersche Kirche, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt geblieben war – abgesehen von Artillerietreffern zwischen den Türmen –, wurde seit dem Jahr 2001 als Ausstellungsraum genutzt. Nach der Beschädigung der Kirche aber mussten die Staatlichen Museen ihre wertvollen Skulpturen von Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch und Friedrich Tieck evakuieren. Der Bezirk Mitte verhängte einen Baustopp, der erst ein Jahr später aufgehoben wurde, nachdem die Bauwert das Fundament verstärkt und die Kirche gesichert hatte.

Nun, an einem Herbsttag, steht Günther Härtl auf dem Gerüst in rund 25 Meter Höhe. Mit der Hand kann er das Kirchengewölbe berühren. Seit vier Monaten restauriert er mit seinen Kollegen von der Firma Preis & Preis bei Regensburg die Wände und Decke. Viele auseinanderklaffende Mauerteile wurden mit langen Nadeln aus Edelstahl wieder verbunden, die meisten Risse sind verschlossen.

Aus Farbpigmenten, die sie aus lehmigen Böden gewinnen, mischen die Restauratoren ihre Farben, um die reiche Bemalung in der Kirche wieder herzustellen. Risse wie in dieser Kirche seien eher selten, sagt der Restaurator. „Vor der Arbeit hier habe ich Ehrfurcht.“

Dass ihre mühevolle Arbeit womöglich vergeblich sein könnte, mag den Restauratoren offenbar keiner erzählen. Denn es wird wieder gebuddelt. Auch die Frankonia will Luxushäuser errichten, überwiegend mit Wohnungen, die Stars der Szene wie Rafael Moneo, Axel Schultes und Hemprich Tophof Architekten entworfen haben.

Uwe Schmitz, der Vorstand des Investors Frankonia Eurobau bekräftigt, dass man aus der anderen Baustelle und den Fehlern dort gelernt habe. Es wurde ein besonderes Baugrubenkonzept entwickelt, das Verfahren sei deutlich erschütterungsärmer. Zudem werde ein Frühwarnsystem an der Kirche mit hochsensiblen Sensoren installiert. „Wir tun alles Menschenmögliche, um das Kulturdenkmal zu schützen. Wir haben alle Forderungen aufgenommen und eine Nachbarschaftsvereinbarung mit der Kirche unterzeichnet“, sagt Schmitz.

Restauratoren arbeiten weiter

Die Landeskirche hält dagegen, dass schon seit Anfang 2014 das Gespräch mit der Frankonia gesucht wurde und die Vereinbarung nur einseitig unterschrieben sei. Es müsse weiter etwa zu Schadensersatzleistungen verhandelt werden, es gebe keinen Abschluss. Die Frankonia steht inzwischen unter Zeitdruck, sie will bauen. Und sie betont, dass die Häuser am Schinkelplatz nicht fünf, sondern zehn Meter von der Kirche entfernt entstehen.

Die Frage ist, welchen Unterschied das macht. Die Frankonia und die Landeskirche haben sich auf einen Gutachter geeinigt. Und die Sachverständigen des Büros Jäger Ingenieure aus Radebeul prognostizieren auch für diesen Bau Schäden an der Kirche. Öffentlich will sich das Büro nicht äußern. Es hat aber ein 3D-Modell der Kirche angefertigt und die Auswirkungen simuliert.

Das Resultat: Auch wenn Frankonia mit einem schonenden Verfahren die Baugrube für zwei Tiefgeschosse, also etwa sechs bis sieben Meter tief aushebt, wird es wieder zur Absenkung des Kirchenfundaments um bis zu vier Millimeter kommen. „Das wird zu neuen Rissen in der Kirche führen“, räumt der Frankonia-Vorstand ein.

Trotzdem arbeiten die Restauratoren weiter. Ein Irrsinn? Die Kirche wird zwar optisch wiederhergestellt. Doch die Restaurierung dient vor allem dem Zweck, später zwischen den Projekten der Investoren unterscheiden zu können, wer welche Schäden verursacht hat und beseitigen muss. Und natürlich auch die Kosten zu trennen. Wie es heißt, rechnen die Investoren mit einer zusätzlichen zweistelligen Millionensumme für die Sicherung der Kirche und Kaschierung der Schäden. Die Friedrichswerdersche Kirche wird also mittlerweile als Wirtschaftsobjekt behandelt – als ein Experimentierfeld nach der Selbstüberschätzung der Bauleute und dem Versagen der Politik.

Die Ohnmacht der Politik

Angesichts dessen ist es befremdlich, dass die Behörden von Bausenator Andreas Geisel (SPD) und Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) nahezu auf Tauchstation gegangen sind. Spallek verweist auf das laufende Verfahren: „Wir befinden uns noch in der Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt über das weitere Vorgehen bezüglich der kommenden Baumaßnahme am Schinkelplatz.“ Dabei hat seine Behörde bereits am 20. Januar 2015 der Frankonia einen denkmalrechtlichen Bescheid erteilt.

Darin heißt es: Um eventuelle Schadensereignisse an der Kirche auszuschließen, seien im Rahmen der technischen Möglichkeiten „dementsprechend geeignete Vorsichtsmaßnahmen zwingend erforderlich“. Sie sollen vor Baubeginn der Denkmalschutzbehörde vorgelegt werden.

Dazu zählen statische Berechnungen zur Baugrube sowie zur Standsicherheit der Kirche. Am wichtigsten ist ein lasergestütztes Messsystem. Die Sensoren registrieren jegliche Veränderung an der Kirche. Die Denkmalbehörde legt fest: Sollte es zu einem Schaden kommen, sind alle Arbeiten sofort zu stoppen und die Denkmalschutzbehörde zu verständigen, die über das weitere Vorgehen entscheidet.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, mahnt die Rettung der Friedrichswerderschen Kirche an. Durch die Luxuswohnungen, so warnt er, werde der einmalige Schinkel-Bau in seiner Substanz gefährdet und durch die Umbauung praktisch aus dem Stadtbild getilgt. Es sei skandalös, wie mit Schinkels Erbe umgegangen werde. Und unverständlich, dass man aus den Fehlern nicht gelernt habe. Parzinger fordert: Der Senat müsse in allerletzter Minute dafür sorgen, dass der Neubau genügend Abstand zur Kirche hält.

„Ich bin voller Sorge“

Dem Erbe Schinkels verpflichtet fühlt sich auch der Architekten- und Ingenieurverein. Eine niedrige Bebauung mit zwei oder drei Etagen auf altem Stadtgrundriss hätte man tolerieren können, sagt Vorstand Schuster. „Doch jetzt sind die bedeutendsten Kirchenfenster wegen der hohen Häuser nebenan nicht mehr erlebbar.“ Und: „Tiefgaragen hätte man so dicht neben der Kirche nie planen dürfen.“

Zwar ist den Denkmalschützern die Gefahr bewusst, doch sie scheinen sich in ihr Schicksal zu ergeben. „Das Baurecht lässt nicht zu, ein Projekt prophylaktisch zu stoppen, weil man mögliche Risse erwartet“, erläutert Martin Pallgen, Sprecher von Bausenator Geisel. Deshalb gebe es ja das enge Messnetz und die enge Kontrolle von Bezirk und Landesdenkmalamt. Doch reagieren werden und können die Behörden erst wieder dann, wenn es neue Schäden gibt.

„Immer muss erst etwas passieren, dann arbeiten die Behörden ganz schnell und sind sehr zuverlässig“, sagt Pfarrer Frielinghaus. Er weiß, dass die Kirche nicht mehr so sein wird wie vor den Bauprojekten. Auch wenn die Staatlichen Museen den Schinkelbau irgendwann wieder als Ausstellungsort nutzen wollen. „Ich möchte daran glauben“, sagt der Pfarrer. „Aber ich bin voller Sorge.“