15.645 von der Polizei erfasste Opfer von häuslicher Gewalt gab es 2019 in Berlin
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BerlinEs sind Demütigungen, Schläge und andere körperliche Attacken bis hin zum Mord. Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt wird wegen der verhängten Corona-Maßnahmen dramatisch steigen. Davor warnt Laura Kapp vom Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Zuvor hatte bereits Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) gesagt, dass man sich auf eine Zunahme im Bereich der Straftaten der häuslichen Gewalt einstellen müsste.

Das Zusammensein auf engem Raum könne in der derzeitigen Coronakrise dazu führen, dass soziale Konflikte eher eskalieren, sagte Behrendt. Für diese Fälle würden selbstverständlich Kapazitäten sowohl bei der Staatsanwaltschaft als auch bei den Zivilgerichten bereitgehalten. Auch Laura Kapp vom Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser e. V. befürchtet einen Anstieg der Gewalttaten. „Wir reden hier nicht von normalen Streitigkeiten, sondern von Straftaten, von Demütigung, Erniedrigung und Körperverletzung bis hin zum Mord“, sagte Kapp der Berliner Zeitung.

Totale Kontrolle über die Partnerin

Dabei gehe es „vor allem um Paare, die schon vor der jetzigen Ausnahmesituation gewalttätige Beziehungen leben. Da gibt es jetzt überhaupt keine Pausen mehr, keine kurzen Momente der Freiheit, wenn zum Beispiel einer oder beide auf der Arbeit sind“. Die jetzige häusliche Isolation spiele „einem Täter in die Karten, denn sie bringt ihn in eine Position, in der er seine Partnerin komplett von der Außenwelt abschirmen und totale Kontrolle über sie ausüben kann“, so Kapp weiter.

In China und Italien, in denen in den vergangenen Wochen strikte Ausgangssperren verhängt wurden, seien „die Fallzahlen bei häuslicher Gewalt bereits stark angestiegen“. Das Wichtigste sei, dass betroffene Frauen sich jemandem anvertrauen, „egal ob Schwester, Freundin oder einer anonymen Beratungsstelle“.

Der Partner müsse auch „nicht sofort angezeigt werden“, so Kapp. „Als Betroffene können Sie auch erstmal nur anrufen und mit jemandem sprechen. Das ist ein erster, wichtiger Schritt“.

Online-Beratung für Opfer von häuslicher Gewalt

15.645 von der Polizei erfasste Opfer von häuslicher Gewalt gab es im Jahr 2019 in Berlin. Die Dunkelziffer liegt nach Aussagen von Experten deutlich höher. Für die in den meisten Fällen weiblichen Opfer gab es im vergangenen Jahr 729 Plätze in der Hauptstadt. Bis zum Jahr 2012 sollen 827 Plätze bereitgestellt werden.

Beim Opferschutz-Verein Weißer Ring in Berlin heißt es zudem, Betroffene könnten derzeit wegen der Coronakrise nicht persönlich besucht werden. Die rund 130 Ehrenamtlichen in der Hauptstadt seien aber im Einsatz. Sie betreuten Kriminalitätsopfer telefonisch und online, sagte Sprecherin Gisela Raimund. 

Giffey: „In Notsituation immer das Haus verlassen“

Familienministerin Franziska Giffey wies zudem darauf hin, dass bedrohte Frauen von staatlicher Seite keinesfalls daran gehindert würden, das Haus zu verlassen und zu einer zu Beratungsstelle zu gehen. Es gebe keine klassische Ausgangssperre. In „akuter Not oder um Hilfe zu holen“ dürfe man „immer das Haus oder die Wohnung verlassen“.

In Berlin gibt es fünf Beratungsstellen für Opfer häuslicher Gewalt. Die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) ist täglich von 8 bis 23 Uhr unter 030 6110 300 zu ereichen.