Berlin - Es war ein besonders brutales Verbrechen, das wieder einmal eine Debatte über Jugendgewalt auslöste. Vier junge Männer hatten am 11. Februar 2011 im U-Bahnhof Lichtenberg einen damals 30-jährigen Mann fast totgeprügelt – erst vier Wochen nach der Tat war das Opfer aus dem Koma erwacht. Noch im Dezember desselben Jahres wurden die vier Angreifer zwischen 15 und 18 Jahren zu vier bis sechs Jahren Jugendhaft wegen versuchten Mordes verurteilt.

Sie kamen in die Jugendhaftanstalt Plötzensee. Am Mittwoch ist derjenige mit der höchsten Haftstrafe, ein heute 20-Jähriger, in seine Heimat Kenia abgeschoben worden – und das nach noch nicht einmal der Hälfte der Haftzeit. Das bestätigte am Donnerstag Gerichtssprecher Tobias Kaehne. Auch Senatsinnenverwaltung und Staatsanwaltschaft bestätigten den Vorgang. Kommentieren wollen sie ihn aber nicht. Die Innenbehörde verwies auf „datenschutzrechtliche Gründe“.

Nach Worten des Gerichtssprechers hat ein Jugendrichter die Abschiebung von Jefeth W. verfügt. Ein anderer übrigens als derjenige, der im Dezember 2011 das damals in Fachkreisen vielfach als besonders scharf empfundene Urteil sprach. Nachdem der Richter unterschrieben hatte, setzten Beamte den jungen Mann in ein Flugzeug nach Kenia. Sein Geburtsland hatte er als Achtjähriger verlassen. Seitdem lebte er mit der Mutter in Berlin.

Keine straffreie Rückkehr

Ob Jefeth W., der seine Entlassung samt Abschiebung offenbar selbst forciert hat, damit gut beraten ist, steht in Frage. Zu seiner Verteidigerin hat er jedenfalls seit Haftantritt keinen Kontakt mehr. „Nein, ich wusste nichts davon, dass er abgeschoben werden wollte“, sagte sie der Berliner Zeitung. Ob sie ihm dazu geraten hätte, sagt sie nicht.

Tatsächlich droht ihrem früheren Mandanten in Kenia nach Lage der Dinge keine weitere Strafverfolgung. Straffrei zurück kann er aber auch nicht. Die Abschiebung bedeutet weder, dass der Rest der Haft zur Bewährung ausgesetzt oder ihm gar erlassen worden sei. Im Gegenteil: Ein Haftbefehl wird erlassen. Sobald er nach Deutschland oder in ein Schengenland einreisen will, muss er ins Gefängnis, seine Restzeit verbüßen. Das gilt auch für den Fall, dass er mit einer deutschen Ehefrau oder einem deutschen Kind versuchen würde, zurückzukehren.

Ist der Fall Jefeth W. also ein Beispiel für besondere Milde oder eher für besondere Härte? Andrea Würdinger, Anwältin mit Spezialisierung auf Ausländerrecht, spricht von einer „harten ausländerrechtlichen Entscheidung“ gegen einen Menschen ohne aufenthaltsrechtliche Perspektive. „Da ist offenbar gesagt worden: So einen wollen wir hier nicht haben. Den wollen wir auch gar nicht integrieren, wenn er irgendwann aus der Haft entlassen werden sollte. Stattdessen verbauen wir dem hier die Zukunft“, sagt sie.

Das Opfer, ein damals 30-jähriger Maler, hatte nach dem Prozess seinen Anwalt sagen lassen, für ihn sei das Urteil „eine Erleichterung, eine Art Zäsur.“ Nun, fast drei Jahre später, will er sich nicht mehr äußern. „Mein Mandant möchte so wenig wie möglich mit der Sache behelligt werden“, sagt der Anwalt.