Berlin - Die Hass-E-Mail kam am Dienstagmorgen um 6.14 Uhr vor der Urteilsverkündung. Sie landete im Postfach der Kanzlei von Alexander Pabst. Pabst vertritt in dem Verfahren um die Feuerattacke auf einen Obdachlosen, das vor dem Landgericht Berlin läuft, einen der sechs angeklagten Flüchtlinge.

Ayman S. ist 17 Jahre alt und stammt aus Libyen. „Ihr Mandant gehört an Syrien ausgeliefert“, schrieb der Absender. Er müsse nun für „solch ein Arschloch“ Steuern zahlen. Ihm, so der Schreiber der Mail weiter, sei es egal, ob dem Mandanten in Syrien die Todesstrafe drohe.

Gemeinschaftlich versuchter Mord

Pabst hat die Mail an diesem Dienstagvormittag verlesen und zum Teil seines Plädoyers gemacht. Er will damit zeigen, was die Berichterstattung über den Prozess angerichtet hat. Dass es bereits eine Vorverurteilung der Angeklagten gegeben habe. Er will nicht, dass sein Mandant ins Gefängnis kommt. Er fordert für Ayman S. eine Bewährungsstrafe wegen unterlassener Hilfeleistung. Ayman S. ist der einzige der Angeklagten, der mit seinen Eltern in Berlin lebt.

Die anderen Beschuldigten sind nach eigenen Angaben vor dem Krieg oder der drohenden Einziehung zur Armee in Syrien nach Deutschland geflohen, allein, ohne ihre Familien. Sie haben seit der Tat vor sechs Monaten in Untersuchungshaft gesessen. Die Anklage in diesem Verfahren warf ihnen gemeinschaftlichen versuchten Mord vor.

Sie sind alle gekommen

Doch die 13. Jugendstrafkammer hat schon am vorletzten Verhandlungstag erkennen lassen, dass sie die Tat, die sich in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße zugetragen hat, nicht als versuchten Mord wertet. Sie hat fünf der sechs Angeklagten aus der Untersuchungshaft entlassen. Sie werde ihr Urteil sprechen, auch wenn ein Angeklagter fehle, hat die Vorsitzende Richterin Regina Alex den jungen Männer mit auf den Weg in die Freiheit gegeben.

Sie sind alle gekommen an diesem Dienstag. Und sie gehen auch nach der zweistündigen Mittagspause, in der die Kammer beraten hat, wieder zurück in den Gerichtssaal. Sie halten dabei ihre Basecaps vor das Gesicht, als sie an den wartenden Fotografen vorbei müssen. Der Hauptangeklagte Nour N. ist der einzige, der noch in Untersuchungshaft sitzt. Er ist mit seinen 21 Jahren zugleich der älteste der Angeklagten.

„Flüchtlinge zünden Obdachlosen an“

Der jüngste ist 16. Sie sehen alle nicht aus wie junge Männer, eher wie Jungs, die noch zur Schule gehen. Sie wirken eher ängstlich als abgebrüht. Und sie sind angespannt, als sie kurz vor 14.30 Uhr ihre Kopfhörer aufsetzen. Sie wollen nichts von dem Urteil verpassen, das ihnen simultan ins Arabische übersetzt wird.

Der Saal B 129 ist voll besetzt. Viele Journalisten sind gekommen, nicht nur aus Berlin. Der Fall hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. „Flüchtlinge zünden Obdachlosen an“, so lauteten die ersten Schlagzeilen. Acht Verhandlungstage sind vorbei. Nour N. starrt die Richterin an, die im Namen des Volkes das Urteil verkünden wird. Und wirkt dann schockiert. Er hat noch auf eine Bewährungsstrafe gehofft.

Der 21-Jährige muss wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung für zwei Jahre und neun Monate in Haft. Drei weitere Angeklagte werden zu einer Jugendstrafe von acht Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird; die anderen zwei jungen Männer kommen wegen unterlassener Hilfeleistung mit einem vierwöchigen Jugendarrest davon, der durch die Untersuchungshaft abgegolten ist.

Fast eine Stunde Urteilsbegründung

Es ist ein eher mildes Urteil nach all der Aufregung, die dieser Fall nach sich gezogen hat. Nach all den Debatten um die Flüchtlingspolitik, die durch die Feuerattacke wieder aufgeflammt war. Nach all den Diskussionen um die Unterbringung von alleinreisenden jugendlichen Flüchtlingen.

Und nach Ansicht der Vorsitzenden Richterin spielte es durchaus eine Rolle, dass die Angeklagten Flüchtlinge sind. „Wir haben jetzt eine Vorstellung davon, was uns für Menschen gegenübersitzen. Junge Männer, unreife Persönlichkeiten, die ihren Platz in unserer Gesellschaft noch nicht gefunden haben.“

Regina Alex begründet die Entscheidung der drei Berufsrichter und zwei Schöffen ausführlich. Sie redet fast eine Stunde. Nour N. hat nach Überzeugung des Gerichts in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg ein brennendes Taschentuch auf eine Bank geworfen, auf der ein Obdachloser schlief.

Richterin sieht kein Motiv

Die anderen Angeklagten haben die Tat gebilligt oder es versäumt, dem schlafenden Mann zu Hilfe zu eilen. Das Opfer sei als Obdachloser eines der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, erklärt die Richterin. Dies gebe aber niemanden das Recht, diesen Menschen als Opfer auszusuchen.

Trotzdem habe das Gericht in der Verhandlung nichts gesehen, woraus sich ein bedingter Tötungsvorsatz hätte ableiten lassen. Deshalb sei es auch nicht zu einer Verurteilung wegen versuchten Mordes gekommen.

„Es gab keine Vorbeziehung zu dem Opfer, keinen Streit etwa. Und es gibt kein Motiv. Wir haben alle hier das Video gesehen. Keiner der Angeklagten verhält sich darauf aggressiv“, sagt die Richterin. „Nach unserer Überzeugung haben sich die Angeklagten gelangweilt.“

„Das Opfer war völlig wehrlos“

Die Videos, von denen Alex spricht, stammen aus einer Überwachungskamera der BVG. Sie sind im Prozess gezeigt worden und haben die Tat den Prozessbeteiligten und Zuschauern in bester Bildqualität, aber ohne Ton vor Augen geführt.

Die zwei Sequenzen von je etwa zehn Minuten aus unterschiedlicher Perspektive zeigen, wie die jungen Männer gegen zwei Uhr nachts auf den Bahnsteig kommen und sich auf eine Bank setzen. Zwei von ihnen spielen mit ihren Handys. Auf der anderen Seite der Bank liegt ein Mensch. Er ist unter einer hellen Decke nicht zu sehen, er regt sich nicht, er schläft tief und fest.

Täter benahm sich wie ein Alleinunterhalter

„Das Opfer war völlig wehrlos“, kommentiert die Richterin Alex noch einmal die Bilder aus der Erinnerung. Einer aus der Gruppe mit roter Winterjacke und Basecap tänzelt in dem Video um die anderen herum: Nour N. wirkt aufgedreht. „Wie ein Alleinunterhalter, der in den anderen sein Publikum hatte“, erklärt die Vorsitzende Richterin. 

Man sieht auf dem Video auch, wie sich einige ab und an zu dem schlafenden Mann drehen. Und wie Nour N. dann nach einigen Minuten das Interesse für den Obdachlosen auch bei seinen Kumpels weckt. Indem er zweimal versucht, Feuer zu legen. Zunächst habe er einen Fahrplan anzünden wollen, auf dem der 37-jährige Obdachlose gelegen habe, sagt die Richterin.

„Ohne Zuschauer hätte er den Plan aufgegeben“

Dann warf Nour N. ein brennendes Taschentuch in Richtung des Kopfes des Mannes. Die jungen Männer schauen oder, wie es einer der Anwälte gesagt hat, gaffen, dann laufen sie weg. Im Film lodert eine Flamme neben dem Kopf des Schlafenden auf. Fahrgäste eines kurz darauf einfahrenden Zuges wecken den obdachlosen Mann und löschen die Flammen. Das Opfer bleibt unverletzt.

Regina Alex macht klar, dass die Tat vor allem aus der Gruppe heraus geschehen konnte. Die meisten Angeklagten hätten sich nicht gekannt, sich zufällig am Alexanderplatz getroffen. „Es galt, die Position in der Gruppe abzuklären“, erklärt die Richterin.

Dies habe dazu geführt, dass hochgefährliche Handlungen ausgeführt wurden, dass man sich nicht mehr klar gemacht habe, wie gefährlich diese seien. Nour N. habe den anderen imponieren wollen, als er zündelte. „Wir sind sicher: Wenn die anderen weggegangen wären, hätte der Hauptangeklagte seine beabsichtigte Tat abgebrochen. Ohne Zuschauer hätte er den Plan aufgegeben.“

„Das Tatbild ist entsetzlich“

Für die Kammer steht zudem fest, dass die Angeklagten nicht auf die Hilfe anderer vertrauen konnten, als sie davongingen. „In den zehn Minuten, die wir im Film verfolgen konnten, liefen drei Menschen und ein Hund über den Bahnsteig“, sagt die Richterin. Und auch das Argument, dass in zwei Minuten eine Bahn kommen sollte, wischt sie weg. Bahnen hätten auch mal Verspätung. „Bei einem anderen Brandverlauf hätten zwei Minuten schon zu spät sein können“, erklärt sie.

Nach Ansicht des Gerichts zeigte Nour N. zwar keinen Tötungsvorsatz, jedoch den Willen zu verletzen, als er das Taschentuch auf die Bank warf. Dass der Schlafende hätte extrem verletzt werden können, sei für alle sichtbar gewesen. Doch keiner habe sich distanziert oder gar Abscheu über die Tat gezeigt. „Das Tatbild ist entsetzlich“, sagt die Richterin Alex.

Lachend im Zug davon

Nour N. hatte sich im Prozess auf einen starken Drogen- und Alkoholkonsum berufen. Das aber nahm ihm das Gericht nicht ab. Man habe keine Ausfallerscheinungen gesehen. Auch das Verhalten nach der Tat lasse nicht den Schluss zu, dass Nour N. betrunken oder voller Drogen gewesen sei, erklärt die Vorsitzende Richterin. Die Angeklagten waren nach der Tat in eine U-Bahn gestiegen. Auch dabei wurden sie gefilmt. Sie lachen im Zug, albern herum, pressen sich an die Scheibe, als der Zug an der Bank vorbeifährt.

Es ist einer der seltenen Prozesse, bei denen das Opfer nicht zu Wort kommt. Eine Ermittlerin konnte den Obdachlosen zwar drei Tage später an einem anderen Bahnhof ausfindig machen, doch weigerte sich der Mann beharrlich, mit zur Polizei zu kommen.

Anzeige wegen Hass-E-Mail

Nour N. bleibt weiterhin in Haft. Auch wenn sein Anwalt Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen sollte. Es bestehe Fluchtgefahr, argumentiert Regina Alex. Der Staatsanwalt Martin Glage, der für den jungen Mann wegen versuchten Mordes eine Haftstrafe von vier Jahren gefordert hat, will in Revision gehen.

Ayman S., der Mandant von Alexander Pabst, ist nicht mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Er ist einer von denen, die das Gericht wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu einer Jugendstrafe verurteilt hat. Rechtsanwalt Pabst denkt darüber nach, gegen den Schreiber der Hass-E-Mail Strafanzeige zu erstatten.