„Krieg und Frieden“, Nagelöl: Thomas Mann beim Leiden zusehen

Nichts ist unwichtig, alles wird notiert von Schriftsteller Thomas Mann in seinen Tagebüchern. Was er 1933 in schwierigen Zeiten überlegte, gibt heute Halt.

Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Frau Katia im Jahr 1930, drei Jahre, bevor sie ins Exil gingen.
Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Frau Katia im Jahr 1930, drei Jahre, bevor sie ins Exil gingen.imago/ZUMA/Keystone

Seit dem 24. Februar beginnt der Tag fortwährend mit Schreckensnachrichten. Berichte über Explosionen, Angriffe, Tote in der Ukraine. Bedrückt führt mein Weg durch die folgenden Stunden, mitunter wird es besser oder schlechter. Abends im Bett finde ich Abstand zum Gegenwärtigen in der Betrachtung anderer Tagesabläufe. Bei der Lektüre der Tagebücher von Thomas Mann (1875–1955) im Jahre 1933 sehe ich ihm beim Leiden zu.

Auch in seiner Familie überschattete damals Furcht den Alltag. Sollte er nach Deutschland zurückkehren und sich und seine Lieben in Lebensgefahr bringen, zweifelte er monatelang. Im sicheren Ausland auf Vortragsreise mit Frau Katia verfolgte Thomas Mann die Machtergreifung der Nationalsozialisten ab Februar in Zeitungen und durch Berichte von Freunden. Der Schriftsteller hatte sich schon viele Jahre lang scharf gegen die politische Bewegung ausgesprochen. Für ihn war absehbar, dass ihm in Deutschland Gefahr drohte, jetzt, wo die Nazis an der Macht waren.

Kommendes Unglück wird schnell erkennbar

Am 17. März schreibt er über „die Ausrottung jeder Kritik, die Zweckloserklärung jeder Opposition“. Seine Analyse heißt: „Bildung und Denken ist selbstverständlich nicht gewünscht“. Eintrag 2. Mai: „Es ist erbärmlich und wird erbärmlich enden.“

Kommendes Unglück wird schnell erkennbar. Sohn Golo, zurückgeblieben im Münchner Zuhause, informiert am 26. April, dass „alle drei Autos von der Politischen Polizei abgeholt und ,sicher gestellt‘ worden sind“. Manns wechseln Hotels, reisen von der Schweiz nach Frankreich, unsicher, ob sie dort bleiben wollen. „Nach den wohltuenden Wochen von Lugano setzt dieser verworrene Übergangszustand mir aufs Neue beängstigend zu. Es gibt Augenblicke, wo ich fürchte, meine Nerven könnten überwältigt werden“, notiert er am 3. Mai.  Übergangslos geht es im Tagebuch weiter mit der Nachricht von der Verhaftung aller deutschen Gewerkschaftsführer.

Wer und was tröstet? Unentwegt: Ehefrau Katia. („Nervöse Krisis im Gespräch mit K., die zu einer gewissen Beruhigung führte.“) Regelmäßig: Schlafmittel, das „bewährte bittere Phanodorm“. Dazu die Erkenntnis am 2. Mai, „neue Enttäuschung, neue bittere Leiden müssen kommen. Werden sie dies Volk endlich klüger machen, das ein Dorn im Fleische Europa’s, des Abendlandes ist?“

Inneren Ausgleich finden

Detaillierte Beschreibungen der Besorgungen und Begegnungen bis Beurteilungen der politischen Lage und von Menschen, nichts ist unwichtig, alles rauf aufs Papier. Wie vom Bad vor dem Frühstück, „wonach ich jetzt immer, während der großen Trockenheit der Nägel, die Zehen mit Öl befeuchte“. Gerade diese Gleichstellung der Ereignisse beruhigt mich, die Leserin.

Inneren Ausgleich findet auch Thomas Mann in einem Buch. Freund Herrmann Hesse borgte es ihm. „Ein stiller Trost in der Wirnis ist beständig ,Krieg und Frieden‘.“