Berlin - Morgens vor der Arbeit schnappt sich Ulrich Dirnagl am liebsten erstmal sein Skateboard und trainiert in der Bowl im Park am Gleisdreieck. Der ideale Tag beginnt für ihn auf dem Rollbrett. Das extravagante Hobby pflegt der drahtige 56-Jährige seit seiner Jugend. 1978 wurde er sogar deutscher Meister im Freestyle.

Auch im Beruf ist er erfolgreich. Der Direktor der Experimentellen Neurologie an der Charité Berlin zählt zu den Vorreitern in der Schlaganfallforschung. Für seine hervorragenden Leistungen hat er nun den Wissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin erhalten. Michael Müller überreichte dem Mediziner am Montagabend im Festsaal des Roten Rathauses die mit 40.000 Euro dotierte Auszeichnung. Der Informatiker Matthias Weidlich von der Humboldt-Universität Berlin erhielt den Nachwuchspreis (10.000 Euro).

Für Doktorarbeit Programmieren gelernt

Ulrich Dirnagl kam 1994 an die Berliner Charité. Der gebürtige Münchener zählt zu den Zöglingen von Charité-Chef Karl Max Einhäupl. Für seine Doktorarbeit bei ihm an der Ludwig-Maximilians-Universität München lernte Dirnagl extra das Programmieren – was damals noch ungewöhnlich war.

Dem Neurologen geht es heute darum Wege zu finden, das Gehirn nach einem Schlaganfall zu schützen. Die plötzliche Durchblutungsstörung lässt nämlich viele Gehirnzellen absterben, Lähmungen und Sprachstörungen sind die Folge. „Der Körper verfügt bereits über Schutzmechanismen. Ohne diese wäre ein Schlaganfall noch schlimmer“, sagt Dirnagl. Er sucht nach Möglichkeiten, diese Mechanismen zu verstärken. Das könnte in Form von Medikamenten sein. Dirnagl liebäugelt aber auch mit einer anderen Methode. „Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass eine Durchblutungsstörung, Ischämie genannt, in anderen Körperregionen ebenfalls bewirkt, dass gehirnschützende Substanzen produziert werden.“ Darum möchte er herausfinden, ob gezielt ausgelöste Ischämien, etwa an den Beinen, dem Gehirn bei einem Schlaganfall nützen könnten.

Engagement für bessere Grundlagenforschung

Der Neurologie-Professor hat sich noch auf einem anderen Gebiet einen Namen gemacht. Er engagiert sich für eine bessere Qualität der Grundlagenforschung. Im Januar veröffentlichte er eine Analyse, die zeigte, dass Studien an Tieren oft mangelhaft sind. Bei mehr als der Hälfte der Arbeiten war die Zahl der verwendeten Tiere nicht exakt angegeben und in vielen Fällen waren Tiere ohne weitere Erklärungen von der Auswertung ausgeschlossen worden.

Diese Schlampereien kommen aus seiner Sicht dadurch zustande, dass Forscher auf spektakuläre Ergebnisse aus sind. Negativergebnisse würden meist gar nicht erst publiziert. „Wir brauchen einen Kulturwandel“, fordert Dirnagl. Wissenschaftler müssten auch für weniger sensationelle, aber robuste Befunde Anerkennung erhalten.

Jemand, der Schlamperei im Labor anprangert, könnte unter Wissenschaftlern leicht als Nestbeschmutzer gelten. „Bislang erlebe ich keine Anfeindungen“, sagt Dirnagl. Im Gegenteil: Sein Engagement in dieser Sache kann er vermutlich bald verstärken. Am Berlin Institute of Health (BIH), dem ambitionierten Gesundheitsforschungsinstitut, zu dem sich Charité und Max-Delbrück-Centrum zusammengetan haben, plane man die Gründung eines Zentrums für Transformation biomedizinischer Forschung. Das berichtete BIH-Chef Erwin Böttinger bei der Preisverleihung in seiner Laudatio. Das Zentrum soll unter anderem die Qualität der Grundlagenforschung verbessern. Ulrich Dirnagl hat gute Chancen, die Leitung der Einrichtung übertragen zu bekommen. Die morgendliche Trainingseinheit auf seinem Skateboard wird er sich auch dann aber weiterhin gönnen.