Plötzlich ist ein Arm gelähmt, das Sprechen fällt schwer, vor den Augen verschwimmt alles. Derartige Symptome deuten auf einen Schlaganfall hin. Treten sie auf, ist rasches Handeln gefragt: Über 112 sollte ein Rettungswagen gerufen werden. Denn durch eine plötzliche Durchblutungsstörung oder eine Blutung im Gehirn drohen Nervenzellen zugrunde zu gehen. Je schneller Ärzte das Blut wieder zum Fließen bringen, desto besser sind die Aussichten für den Patienten.

Doch zunächst muss klar sein, was den Schlaganfall hervorgerufen hat. Oftmals ist ein verstopftes Blutgefäß im Gehirn die Ursache. Dann ist die sogenannte Lyse die Therapie der Wahl. Dem Patienten wird ein Medikament injiziert, das das Gerinnsel auflöst. Diese Therapie ist nur innerhalb der ersten viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall möglich. Je früher sie vorgenommen wird, desto besser.

Doch auch nach der Ankunft in der Klinik vergeht für Schlaganfallpatienten meist viel kostbare Zeit. Der Rettungsdienst übergibt den Patienten an das Pflegeteam, ein Neurologe wird herbeigerufen, eine Aufnahme mit einem Computertomografen wird gemacht. Die Ärzte können auf diese Weise ausschließen, dass eine Hirnblutung den Schlaganfall verursacht. Denn dann wäre die Lysetherapie genau die falsche Behandlung. Sie würde die Blutung verstärken.

So vergehen nach der Ankunft des Patienten in der Klinik für gewöhnlich auch bei straffer Organisation 30 bis 40 Minuten, bis die Behandlung beginnen kann. In Berlin arbeiten Experten daran, diese Zeit erheblich zu verkürzen. „Weil bei einem Schlaganfall jede Minute zählt, um bleibende Schäden zu vermeiden, haben wir die Krankenhausbehandlung auf die Straße verlegt“, berichtet Heinrich Audebert vom Centrum für Schlaganfallforschung Berlin (CSB) der Charité. Seit 2011 gibt es in der Hauptstadt das Stroke-Einsatz-Mobil, kurz Stemo. „Dabei handelt es sich um einen speziell konzipierten Rettungswagen, der mit einem Computertomografen und einem Labor ausgerüstet ist“, erläutert Audebert, der am CSB das Stemo-Projekt koordiniert und darüber hinaus die Charité-Klinik für Neurologie am Campus Benjamin Franklin in Steglitz leitet.

Tödliche Verläufe sind seltener

An Bord des Stemo ist ein trainiertes Spezialistenteam. Ein Neurologe, ein Röntgen- und ein Rettungsassistent klären so rasch wie möglich, ob der Patient die Lyse braucht, beginnen gegebenenfalls noch im Rettungswagen mit der Injektion und bringen den Patienten ins nächste geeignete Krankenhaus.

Der Aufwand lohnt sich. Das belegen zwei große Studien mit insgesamt 7 000 Patienten. „Es hat sich gezeigt, dass mit dem Stemo die Therapie etwa 25 bis 30 Minuten früher beginnen kann. Darüber hinaus sprechen die Daten dafür, dass weniger Patienten bleibende Schäden davontragen, und auch tödliche Verläufe sind seltener“, sagt Audebert.

Bis jetzt gibt es in Berlin erst einen Stemo-Rettungswagen. Er ist in der Feuerwache Wilmersdorf stationiert und versorgt täglich fünf bis sechs Patienten. Da es jedoch viel mehr Notrufe mit Verdacht auf Schlaganfall gibt, wird die Stemo-Flotte bald vergrößert. Zwei weitere spezialisierte Rettungswagen sollen in diesem und im nächsten Jahr im Osten und Südosten Berlins stationiert werden. Auf diese Weise hoffen die Experten, bald das gesamte Stadtgebiet abdecken zu können. Das wäre einzigartig in Deutschland. Bislang verfügt lediglich Homburg an der Saar über einen solchen spezialisierten Rettungswagen.

Dass die Charité mit dem Schlaganfallzentrum derartige Vorhaben umsetzen kann, ist nicht selbstverständlich. Die Projekte des CSB sind nur möglich, weil es vom Bundesforschungsministerium als Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum gefördert wird. Derzeit erhält es bis zum Jahr 2018 jährlich fünf Millionen Euro. Ziel der Forscher ist es, die Vorsorge und Therapie von Schlaganfällen zu verbessern. Der Bedarf ist groß. „Durch die Alterung der Bevölkerung nimmt die Zahl der Schlaganfallpatienten von Jahr zu Jahr zu“, sagt Matthias Endres, der das CSB leitet und Direktor der Charité-Klinik für Neurologie ist.

Mehr als 50 Wissenschaftler widmen sich am CSB der Schlaganfallforschung. Sie suchen etwa nach Medikamenten, die das Gehirn in der akuten Phase schützen können, Neuroprotektiva genannt. Endres: „Es geht dabei darum, die schädigende Übererregung der Nervenzellen und weitere Schadenskaskaden im Gehirn zu verhindern, die infolge eines Schlaganfalls auftreten.“

Spezielles Fitnessprogramm

Darüber hinaus sind die Forscher bemüht, die Zahl der Patienten zu vergrößern, die eine Lysetherapie erhalten. Bis jetzt sind zum Beispiel alle diejenigen davon ausgenommen, bei denen unklar ist, wann sich der Schlaganfall ereignet hat – etwa weil es im Schlaf geschah. „Bei zwanzig Prozent der Schlaganfälle ist das Zeitfenster unklar“, sagt Endres. Da die Ärzte in der Klinik dann nicht wissen, ob die ersten viereinhalb Stunden bereits vergangen sind oder nicht, wird keine Lyse mehr vorgenommen.

Endres und seine Kollegen testen in einer Studie, ob eine Untersuchung im Magnetresonanztomografen (MRT) in diesen Fällen hilfreich sein kann. „Auf den MRT-Bildern kann man recht genau erkennen, wie stark das Gewebe bereits geschädigt ist, und daraus auf den Zeitpunkt des Schlaganfalls schließen“, erläutert der Neurologe.

Auch die optimale Rehabilitation ist ein Thema für die Berliner Forscher. „Wir wissen, dass körperliche Aktivität einen positiven Effekt auf das Gehirn hat – weil sie die Durchblutung und die Neubildung von Gefäßen anregt“, sagt Endres. Zurzeit untersucht ein Team des CSB, ob ein spezielles Fitnesstraining sich positiv auswirkt. 215 Patienten in sechs Reha-Kliniken in Berlin und Brandenburg absolvieren entweder vier Wochen lang das Fitnessprogramm oder einen Entspannungskurs – jeweils begleitend zum normalen Reha-Programm. Anschließende Untersuchungen sollen zeigen, ob sportliche Betätigung von Vorteil ist.

Für die Patienten geht es auch darum, einen erneuten Schlaganfall zu vermeiden. 20 bis 25 Prozent der Schlaganfälle sind Wiederholungsfälle. Im Prinzip sei klar, worauf zu achten ist, damit es nicht erneut zu einer Durchblutungsstörung im Gehirn kommt, sagt Audebert. „Der Blutdruck muss gesenkt werden, die Betroffenen müssen Plättchenhemmer und Cholesterinsenker nehmen, sie sollten sich ausreichend bewegen und nicht mehr rauchen.“

Auf diese Weise lässt sich das Risiko für einen erneuten Schlaganfall um bis zu 80 Prozent senken. „Es fällt den Patienten aber schwer, alle Hinweise zu befolgen“, sagt Audebert. Deshalb hat er zusammen mit Kollegen ein Unterstützungsprogramm entwickelt, in dem die Patienten regelmäßig individuell beraten werden. Es wurde bereits an 200 Teilnehmern erprobt und hat sich gut bewährt. Eine Untersuchung mit etwa 2000 Patienten folgt. Audebert: „Es wäre ein großer Erfolg, wenn wir auf diese Weise sekundäre Schlaganfälle verhindern könnten."