BerlinWer hätte das gedacht: Deutschlands größter Automobilclub hat ein Herz für Radfahrer. „Der ADAC ist eigentlich schon lange ein Fahrrad-Spieler“, sagte Matthias Regner, seit vier Monaten neuer Leiter der Abteilung Verkehr und Technik in Berlin-Brandenburg, am Mittwoch. „Bei uns steht das Fahrrad hoch im Kurs.“ Volker Krane, Vorstandsmitglied für Verkehr, sprach sich dafür aus, weitere Fahrradstraßen einzurichten. Auch Pop-up-Radwege könnten sinnvoll sein. Doch auch das Auto sei wichtig für die Mobilität in Berlin. „Die derzeitige Verkehrspolitik in Berlin ist einseitig, sie polarisiert und spielt das Fahrrad gegen das Auto aus“, sagte Krane. Dem Senat gehe es um „Autovergrämung“.

Wie viele Autos braucht Berlin? Auf jeden Fall nicht mehr davon, hieß es. Mitnichten sei der Verband auf das Auto fixiert. „Wir verstehen uns als Mobilitätsclub. Menschen sind auf unterschiedliche Weise unterwegs“, so Regner. Volker Krane begrüßte es, dass die Zahl der Fahrradstraßen in Berlin von zwei auf mehr als 20 gestiegen sei. Dort gilt Tempo 30, Radfahrer dürfen nebeneinander fahren. „Nebenstraßen werden für den Fahrrad-Durchgangsverkehr genutzt – ein gutes Konzept.“ Radler seien sicherer unterwegs als anderswo. Zudem würden Hauptstraßen entlastet. Das sei gut, damit der Autoverkehr dort besser fließen kann, hatte der ADAC bei früheren Gelegenheiten betont.

„In die juristische Debatte über Pop-up-Radwege hat sich der ADAC bewusst nicht eingeschaltet“, so der Rechtsanwalt weiter. Wichtiger sei, ob ein provisorischer Radfahrstreifen sinnvoll ist und akzeptiert wird. „Einige sind es, andere nicht. Wichtig ist, vernünftig mit den Bürgern zu planen.“

Volker Krane wies darauf hin, dass der Verband als Erster vorgeschlagen habe, einen Teil der Friedrichstraße in Mitte vom Autoverkehr zu befreien. Seit September ist ein Abschnitt gesperrt. „Kaum noch jemand wollte mit dem Auto dort hinfahren“, sagte Krane. Zwar müsse bei dem jetzigen Verkehrsversuch beobachtet werden, ob sich Fußgänger und Radfahrer vertragen. „Aber grundsätzlich sind wir dafür, Dinge auszuprobieren.“

Wenn der Senat nun plane, auf dem Boulevard Unter den Linden nur noch auf einem Fahrstreifen pro Richtung Autoverkehr zuzulassen, sei das nicht grundsätzlich problematisch, so das Vorstandsmitglied. „Wir erwarten keine hohe Verkehrsdichte.“

In der am Mittwoch vorgestellten Mobilitätscharta des ADAC Berlin-Brandenburg steht, dass sich der Verband für eine „nachhaltige Mobilität“ und die Stärkung der Alternativen „zur langfristigen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs“ einsetze. Doch der nächste Absatz des Grundsatzpapiers könnte als Widerspruch gelesen werden: Der ADAC unterstütze alle Berliner und Brandenburger in ihren individuellen Mobilitätsbedürfnissen, heißt es dort. Anders formuliert: Wer Auto fahren will oder muss, der soll Auto fahren.

„Urbane Mobilität wird auch künftig ohne das Auto nicht auskommen“, betonte Krane. Er verwies auf Ergebnisse einer ADAC-Umfrage. 55 Prozent der Teilnehmer hätten geantwortet, dass es ihnen wichtig oder sehr wichtig sei, auch künftig Auto fahren zu dürfen. „Zu unserer freiheitlichen Ordnung gehört das Recht, über die Mobilität frei entscheiden zu können“, so der Jurist. 24 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben sogar an, dass sie das Auto während der Pandemie häufiger nutzen als früher. 14 Prozent gaben zu Protokoll, dass sie mehr Rad fahren würden. 29 Prozent gehen öfter zu Fuß. Dagegen teilten 32 Prozent mit, dass sie den öffentlichen Verkehr seltener frequentieren.

„Das Auto wird als persönlicher Schutzraum empfunden“, stellte Krane fest. „Es gibt gute Gründe, sich für dieses Verkehrsmittel zu entscheiden.“ Maßnahmen, mit denen Senat und Bezirke eine Verkehrswende erreichen wollen, wurden zurückhaltend bis kritisch bewertet. Provisorische Radfahrstreifen, auch als Pop-up-Radwege bekannt, bekamen die Durchschnittsnote 3,4. Tempo 30 brachte es sogar nur auf die Note 3,8, die diskutierte City-Maut auf eine 4,0. „Um eine Verhaltensänderung zu erreichen, setzen wir nicht wie der Senat auf Restriktionen, sondern auf Angebote und auf Überzeugung“, so Krane.

14 Prozent der Umfrageteilnehmer bewerteten die Berliner Verkehrspolitik mit der Schulnote 5. 13 Prozent vergaben sogar die schlechteste Bewertung, eine 6. Unterm Strich langte es gerade mal zur Durchschnittsnote 3,84 – das kommt einem „ausreichend“ gleich. Die Verkehrssituation erhielt die Zensur 3,25. Allerdings: An der Umfrage nahmen lediglich 120 Menschen teil, immerhin nicht nur ADAC-Mitglieder.