Berlin - Die Kollegen sind geschockt. „Und stinksauer“, sagt Mona Frias. Auch sie sei ziemlich sauer. „Weil wir, die wir jahrelang mitgeholfen haben, das Schlecker-Vermögen anzuhäufen, nun abgewickelt werden sollen. Aber die da oben wollen nichts abgeben.“

Mit „die da oben“ meint sie ihre Arbeitgeber, die Chefs der Drogeriekette Schlecker. Mona Frias ist 46 Jahre alt und Betriebsratsvorsitzende des Schlecker-Bereichs Berlin 5, zu dem Filialen in Hellersdorf, Lichtenberg und Marzahn gehören. An diesem Dienstagnachmittag sitzt sie auf einem Podium vor der Fraktion der Linkspartei im dritten Stock des Reichstagsgebäudes, mit viel Gold um Finger, Handgelenke und Hals, einem Mikrofon vor und einer Flasche Mineralwasser neben sich. Sie soll als eine „von der Basis“ über die Situation berichten. Jetzt, nachdem die Drogeriemarktkette mit ihren bundesweit knapp 7 000 Filialen Insolvenz angemeldet hat.

Mona Frias kommt solchen Aufforderungen gern nach. Sie braucht in diesen Tagen mehr denn je die Öffentlichkeit, um etwas für ihre Kollegen zu erreichen. Sie will, dass „der Laden nicht zugemacht wird“ und so viele Filialen wie möglich erhalten bleiben. Deshalb spricht sie in Mikrofone und Kameras.

Anrufe im Minutentakt

„Sie ist eine ganz taffe Betriebsrätin, die sich konsequent für die Arbeitnehmer einsetzt“, sagt die für den Handel zuständige Vertreterin der Gewerkschaft Verdi, Janet Dumann. „Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und ist außergewöhnlich mutig“, sagt der Rechtsanwalt Benedikt Hopmann. Er vertritt als Arbeitsrechtler seit fünf Jahren den Betriebsrat von Mona Frias. Beide saßen in „irre vielen“ Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht, wenn es immer wieder darum ging, Rechte für Schlecker-Mitarbeiter einzuklagen. In diesen Tagen hat Mona Frias allerdings weniger mit Gerichten zu tun. Vielmehr muss sie ihre Kolleginnen beruhigen.

Geradezu im Minutentakt klingele das Telefon im Büro des Betriebsrates an der Allee der Kosmonauten in Marzahn, sagt sie. Rund 170 Filialen mit rund 870 Mitarbeitern hat Schlecker in Berlin, das Unternehmen ist in fünf Bereiche eingeteilt. Jeder Bereich hat einen Betriebsrat. Der Betriebsrat von Mona Frias ist für 126 Mitarbeiter in 23 Filialen zuständig.

Vor den Abgeordneten im Bundestag berichtet sie von den Lieferproblemen bei Schlecker in den letzten Wochen und davon, wie die Verkäuferinnen die Kunden beruhigen mussten, damit die trotzdem wiederkommen. Sie erzählt, dass sie beim Autofahren von der Insolvenz erfuhr, sie hat es im Radio gehört. „Wir Betriebsräte wurden nicht informiert“. Die Mitarbeiter hätten es am vergangenen Freitag per Fax in den Filialen erfahren. Manche seien in Panik geraten. Viele hätten Angst um ihren Job, einige, dass sie Haus-Kredite nicht mehr abbezahlen könnten. Andere wollten wissen, ob sie schon jetzt zum Arbeitsamt gehen müssten. Viele Frauen, sagt Mona Frias, seien ja bereits seit 15 Jahren und länger bei Schlecker, älter als 45 Jahre und hätten damit wenig Chancen auf einen neuen Job.

„Weil ich immer so eine große Klappe habe“

In diesen Tagen kann sie ihren Kolleginnen vor allem nur zuhören. Sie kann ihnen sagen, dass noch niemand zum Arbeitsamt muss und bis März die Löhne gezahlt werden. Was danach kommt, weiß sie nicht. Noch ist unklar, wie es weitergeht. Ob umstrukturiert wird, ob und wie viele Kündigungen es gibt. „Ich kenne mich mit solchen Insolvenzen nicht aus“, sagt Mona Frias. „Ich muss mich da jetzt schlau machen.“

Die 46-Jährige ist in Köpenick geboren und aufgewachsen. In der DDR hat sie Verkäuferin für Wurst- und Fleischwaren gelernt und in einer Kaufhalle gearbeitet. 1995 begann sie bei Schlecker. „Ganz unromantisch“, sagt sie. Sie habe an einer Filiale ein Schild gesehen, ’Verkäuferin gesucht’ und sich gemeldet. Ein halbes Jahr später wurde sie in den Betriebsrat gewählt. Wieder „ganz unromantisch“. Ihre Chefin habe sie vorgeschlagen, sagt sie. „Weil ich immer so eine große Klappe habe.“ Heute lebt sie in Mahlsdorf. Sie hat drei Söhne, 27, 21 und 10 Jahre alt. Und sie hat zwei Enkelkinder.

Als sie bei Schlecker anfing, gab es noch 67 Filialen in ihrem Bereich, dreimal so viele wie heute. Tariflohn wurde bereits gezahlt, das hatte die Gewerkschaft erkämpft. Heute erhält eine Verkäuferin etwa 13 Euro brutto die Stunde. Aber die meisten Mitarbeiter haben Teilzeitverträge. „Unter meinen 126 Mitarbeitern gibt es nur 24 Vollzeitkräfte“ und das seien die Verkaufsstellenleiter, sagt Frias. Von einer Verkäuferin wurde hingegen erwartet, dass sie je nach Arbeitsanfall Überstunden machte. Diese wurden extra vergütet. Seit es mit Schlecker bergab ging, fielen die Überstunden weg und damit auch dieser Verdienst.

Das erste, was Mona Frias als Betriebsrätin 1995 änderte, war, dass ihre Verkaufsstellen Telefone bekamen. Bis dahin musste die Ware von einer Telefonzelle aus bestellt werden. Sie hat mit dafür gesorgt, dass Schlecker keine Leiharbeiter mehr einstellt. Zuvor war es üblich, dass Mitarbeiter entlassen und als schlechter bezahlte Tagelöhner wieder beschäftigt wurden. Auf den öffentlichen Druck hin änderte Schlecker diese Praxis. Sie setzte auch durch, dass Frauen in ihrem Bereich nicht mehr als Springer ständig die Filialen wechseln müssen, sondern nahe ihrem Wohnort eingesetzt werden.

Dienstpläne und Pausenzeiten

Vor allem beim Arbeitsgericht ist Mona Frias keine Unbekannte, weil ihr Betriebsrat „außergewöhnlich oft klage“, wie Anwalt Hopmann sagt. Es gab Zeiten, da saß sie drei- bis viermal die Woche neben Hopmann vor den Richtern. Etwa, wenn es um die Einhaltung von Dienstplänen und Pausenzeiten ging, um die Einrichtung eines Betriebsratsbüros oder die Mitsprache des Betriebsrates bei Einstellungen und Kündigungen. Sie sagt, „zu 99 Prozent haben wir gewonnen“. Immer wieder mussten die Richter erst Ordnungsgelder androhen, ehe sich Schlecker an Vereinbarungen hielt. Seit knapp einem Jahr ist Mona Frias selbst Richterin beim Arbeitsgericht – ehrenamtlich. Hat sie nicht Angst, nie wieder als Verkäuferin einen Job zu finden, wenn sie sich so öffentlich engagiert? „Ich kann nicht anders“, sagt sie. „Ich bin, wie ich bin.“