Schleuser-Prozess: Zwei Tage auf der Ladefläche - Angeklagter schweigt

Frankfurt (Oder) - Ulrike K. hat ein gutes Gehör. Die Polizeiobermeisterin der Bundespolizei hatte in der Nacht zum 16. September vorigen Jahres zusammen mit einem Kollegen kurz hinter der polnischen Grenze von der A12 einen Lkw mit türkischem Kennzeichen zur Kontrolle in ein Gewerbegebiet geleitet. Der Kollege sah sich die Papiere des Fahrers an. Ulrike K. prüfte die Plombe am Sattelauflieger. Alles schien in Ordnung.

Doch dann hörte die 35-Jährige ein Knarren aus dem Inneren des Wagens und leise Stimmen. Die Beamten öffneten die Türen. „Da waren Menschen zwischen der Ladung, jede Menge Menschen“, schildert Ulrike K. vor dem Amtsgericht Frankfurt (Oder) den für sie verstörenden Anblick. Es waren Flüchtlinge aus dem Irak und ein Mann aus Syrien,   20 Männer, 14 Frauen und 17 Kinder. Bei dem Anblick wurden Erinnerungen wach an einen in Österreich abgestellten Kühllaster aus Ungarn, in dem die Polizei zwei Jahre zuvor 71 tote Flüchtlinge entdeckt hatte. Die Menschen waren qualvoll erstickt.

Seit Dienstag muss sich Oguz K., der türkische Fahrer des Lkw, vor dem Amtsgericht verantworten. Der Staatsanwalt Martin Kramberg wirft dem 46-Jährigem vor, Flüchtlinge ohne Papiere illegal nach Deutschland geschleust zu haben. Oguz K. soll die 51 Menschen am 14. September im rumänischen Timisoara aufgenommen und über Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Polen nach Deutschland gebracht haben. Zwei Tage habe die Fahrt gedauert, so lange seien die Flüchtlinge zwischen der ungesicherten Ladung eingeschlossen gewesen.

Handy- und Mautdaten führten zu Oguz K.

Laut Kramberg waren die Geschleusten dabei einer das Leben gefährdenden Behandlung ausgesetzt. Insbesondere die Ladung habe eine Gefahr dargestellt. Die Paletten mit Maschinenteilen und Folienrollen lagen nicht auf rutschfesten Matten. Sie waren auch nicht durch Gurte befestigt.

Bereits drei Wochen zuvor soll der Angeklagte  schon einmal 20 Flüchtlinge illegal nach Deutschland geschleust haben – dieser habe er nahe der brandenburgischen Ortschaft Steinhöfel abgesetzt. Handy- und Mautdaten führten offenbar zu Oguz K.

Die Bundespolizistin Ulrike K. schildert vor Gericht, dass der Fahrer in jener Septembernacht beim Öffnen des Aufliegers einen gefassten Eindruck gemacht habe. Die zusammengepferchten Menschen seien erleichtert gewesen. Sie waren nicht nur all die Zeit eingesperrt, die mussten während der Fahrt auch ihre Notdurft auf der Ladefläche verrichten – in Flaschen.

„Die Ladung war völlig ungesichert“

Damals war nicht nur Oguz K. festgenommen worden, die Ermittler sind auch heute noch überzeugt, dass der einzige Syrer unter den Flüchtlingen ein Komplize des mutmaßlichen Schleppers war. Der 26-Jährige hatte als einziger Flüchtling gültige Papiere, erzählt ein Bundespolizist. Der Mann hätte legal reisen können. Damals fanden sich zunächst keine Indizien für eine Mittäterschaft. Erst nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft belasteten Zeugen den 26-Jährigen, der sich noch immer in Brandenburg aufhalten soll.

Wie gefährlich die Fahrt mit dem beladenen Laster für die zusammengepferchten Menschen war, erklärt Marian Lehnigk vom Bundesamt für Güterverkehr dem Gericht. „Die Ladung war völlig ungesichert“, sagt er. Die Menschen seien auf der Ladung auf Sperrholzplatten hockend transportiert worden und nicht angeschnallt gewesen. „Bei einer Gefahrenbremsung wäre dort alles durcheinander geflogen“, erklärt er. Und Menschen, die sich in den Hohlräumen zwischen der Ladung befunden hätten, wären wohl zerquetscht worden.

Angeklagter schweigt - Flüchtling soll noch aussagen

Da das Verfahren gegen Oguz K. vor einem Schöffengericht des Amtsgerichts geführt wird, darf das Strafmaß für den Angeklagten bei einer Verurteilung vier Jahre nicht übersteigen.

Der aus Istanbul stammende Oguz K., der seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft sitzt, hat während des Ermittlungsverfahrens kein Wort zu den Vorwürfen gesagt. Auch im Prozess schweigt er. Das könnte damit zusammenhängen, dass der Staatsanwalt   dem Angeklagten selbst bei einem umfassenden Geständnis keine Bewährungsstrafe zugebilligt hat. Kramberg will Oguz K. für mindestens zweieinhalb Jahre hinter Gitter bringen.

Der Prozess wird am 8. März fortgesetzt. Dann sollen einige der geschleusten Flüchtlinge aus dem Irak als Zeugen gehört werden.