Berlin - Ein bisschen aufgeregt sind die Archäologen am Freitagmorgen dann doch, als ihr Kollege Manuel Escobedo eines der verrosteten Schließfächer mit einem Brecheisen und einem Hammer aufbricht. Nach ein paar kräftigen Schlägen lässt sich die verrostete Schließfachtür öffnen, doch sie ist leer, so wie die meisten anderen Fächer. Nur Sand rieselt heraus.
Für die Mitarbeiter des Berliner Archäologiebüros Torsten Dressler ist der Fund am Schlossplatz in Mitte dennoch eine kleine Sensation. Bei Grabungsarbeiten im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Außenanlagen rund um den Schlossneubau in Mitte waren sie auf die Reste eines Wohn- und Geschäftshauses gestoßen. Der Keller war komplett verschüttet, Stück für Stück legten die Archäologen ihn frei. Man kann nun wie früher eine Wendeltreppe in den Keller hinabsteigen, die Holzdielen der Treppe sind verbrannt.

Im Tresorraum gab es mehrere Schließfächer

Die Archäologen haben recherchiert. Das Haus an der Spree wurde um 1850 gebaut, so alt könnten demnach auch der Tresorraum und der einzig übrig gebliebene Stahlschrank darin sein, also fast 170 Jahre alt.

Eine Stahltür mit Riegeln und Schlössern, etwa 30 Zentimeter dick, schützte die Wertsachen. Im Tresorraum muss es etliche Schließfächer gegeben haben, an den Wänden erkennt man noch Verankerungen und Abdrücke. Die meisten Fächer im Tresorschrank sind aufgebrochen.

Archäologen wissen über den Fund am Schlossplatz bescheid

Michael Malliaris vom Landesdenkmalamt überrascht der Fund nicht. „Wir wussten, dass es hier noch Fundamente alter Behausungen gibt“, sagt er. Es ist auch nicht der erste Tresor, den Archäologen bei Grabungen in der historischen Mitte Berlins gefunden haben. Am Roten Rathaus legten sie vor einigen Jahren gleich drei Tresore frei, in einem lagen noch Steuerakten und Geldscheine.

Über den jüngsten Fund am Schlossplatz wissen die Archäologen mittlerweile, dass das Geschäftshaus mit der Adresse An der Schleuse 13 einst dem Bankier und Kaufmann E. Engelhard gehörte. So steht es im Telefonbuch von 1890.
Auf alten Fotos aus dieser Zeit sieht man, dass diese Gegend einst ein lebendiges Geschäftsviertel war: Mit Stadthäusern entlang der Spree, Läden und Cafés unter Wandelgängen am Schlossplatz. Das Schloss war seit 1871 kaiserliche Residenz.

Das Wohnhaus mit dem Tresorkeller wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, ebenso das Stadtschloss nebenan. Im Jahr 1963 eröffnete die DDR-Regierung am Schlossplatz ihren Amtssitz, das Staatsratsgebäude. Heute residiert in dem Gebäude die private Wirtschaftshochschule ESMT.

Tresorraum ist „schöner Bodenfund“

Der freigelegte Tresorraum wird nicht lange zu sehen sein. Die Archäologen um Torsten Dressler dokumentieren die Fundstelle mit einem Laserscanner. Dann wird die archäologische Fundstelle zugeschüttet, später soll an dieser Stelle eine Regenwasserleitung eingebaut werden, Bäume werden um den Schlossplatz gepflanzt.

Und was wird aus dem imposanten Stahlschrank mit den ausgehebelten Schließfächern voller Rost? Das Fundstück gehört dem Land Berlin, das Landesdenkmalamt wird den Tresor dem Verein Berliner Unterwelten als Dauerleihgabe vermachen. 

Der Vorsitzende der Berliner Unterwelten, Dietmar Arnold, spricht von einem „schönen Bodenfund“. Der Tresor wird zunächst im Depot gelagert. „Wir sichern ihn, ehe er verschrottet wird“, sagt Arnold. Gut möglich, dass der Tresor dann in der Dauerausstellung des Vereins gezeigt wird oder im Rahmen der Unterwelten-Führung „Das kriminelle Berlin“. Dabei geht es um den Kaufhauserpresser Dagobert, und auch um den spektakulären Bankraub in Steglitz, als Räuber im Jahr 2013 einen 45 Meter langen Tunnel zur Bankfiliale gegraben hatten, mit schwerem Werkzeug die Schließfächer von 294 Bankkunden öffneten und daraus Bargeld, Münzen, Schmuck und Goldbarren im Wert von etwa zehn Millionen Euro mitgenommen haben. Sie verschwanden unbemerkt.

An so eine Aktion erinnern auch die aufgebrochenen Schließfächer des rostigen Tresors am Schlossplatz.