Überforderte Verwaltung, Probleme an den Schulen: Es gibt genug wichtige Gesprächsthemen in Berlin. Im Vergleich dazu wirkt die Debatte über die Gegenwart und Zukunft der Friedrichstraße in Mitte überproportioniert – um es höflich zu formulieren. Denn so bedeutend ist der Abschnitt zwischen der Leipziger und der Französischen Straße, um den es geht, nun auch wieder nicht. Kaum ein Berliner braucht ihn, den meisten fehlt das Geld für Haute Couture und Uhren mit fünfstelligen Preisen.

Doch seitdem die Verwaltung das Teilstück für Autos gesperrt hat, schlagen die Wellen hoch. Man kann die Anrainer verstehen, die sich von den überraschend präsentierten Planungen überfallen fühlten. In der Tat wirkt dieser Bereich zugerümpelt – aber die Gestaltung mit Bänken und anderem Mobiliar musste nun mal ein Provisorium sein. Sicher trägt der Radfahrstreifen Unruhe hinein – aber er bringt auch Frequenz.

Darbendes Elendsgebiet

Handydaten zeigen, dass sich seit dem Start des Verkehrsversuchs Ende August 2020 mehr Menschen in diesem Bereich aufhalten als kurz davor, dass sie länger verweilen und öfter als zuvor Berliner sind. Doch anstatt sich über den positiven Trend zu freuen, wird die Straße in ihrer jetzigen Form faktisch schlechtgemacht. Jüngstes Beispiel ist ein neu gegründetes Aktionsbündnis, das seinen eigenen Bereich als darbendes Elendsgebiet brandmarkt. Am Donnerstag äußerte sich auch die Regierende Bürgermeisterin kritisch.

Für Bezirk und Senat kann es nur einen Schluss geben: auf die Bürger hören, den Verkehrsversuch beenden und  die Fahrbahn wieder dem Kraftfahrzeugverkehr öffnen – und zwar für immer. Ende der Debatte! Es wird sich zeigen, ob die Geschäftswelt dann endlich florieren wird. Die Probleme, die der Einzelhandel im Allgemeinen und dieses Straßenstück im Besonderen haben, werden nicht verschwinden, bloß weil die Autos auf die Friedrichstraße zurückkehren und Radfahrer wieder an den Rand gedrängt werden.