Der Wettbewerb unter den Discountern ist gnadenlos. Da wird um Bruchteile von Cent gekämpft, und die Preise für Sonderangebote kennen keine Grenze nach unten. Wer das Schweinenackensteak oder die Milch marktschreierisch billig anbieten kann, ist der Wochenkönig beim Verbraucher.

Angeblich ganz freiwillig

Derzeit kämpfen die Discounter aber noch einen anderen Kampf. Den um das beste ökologische Image. Seit die EU im vergangenen Jahr beschlossen hat, dass Plastiktüten nicht mehr umsonst abgegeben werden dürfen, haben die Marketingabteilungen von Rewe, Lidl, Aldi und anderen sich der Sache angenommen.

Als erster entdeckte Rewe sein Herz für die verschmutzen Weltmeere, und tat „freiwillig“, was spätestens 2018 getan werden muss. Seit vergangenen Herbst zahlt der Kunde für die Tüte. Aldi dagegen zögerte lange, stellt sich jetzt aber an die Spitze der Tütenbewegung. Wo andere (auch viele Biomärkte) noch die Papiertasche im Angebot haben, wird Aldi radikal. Kein Plastik, kein Papier, gar keine Einwegtaschen wird es ab 2018 beim Billigdiscounter geben.

Es lebe der Beutel! Der ist mehrfach benutzbar und aus Recyclingmaterial. Der stabile Beutel garantiert auch den Einsatz außerhalb des Lebensmitteleinkaufs. Schwimmbad, Sauna, Sonntagsausflug. Der Aldi-, Rewe- oder Lidlbeutel ist immer dabei. Werbeagenturen werden sich was einfallen lassen.

Wenige Jahrzehnte

Aufstieg und Niedergang der Plastiktüte sind weltgeschichtlich betrachtet nicht der Rede wert. Nur wenige Jahrzehnte lang galt es zuerst als elitär-modern, dann als üblich und schließlich als selbstverständlich, dass man seine Einkäufe in bereitliegende Taschen packen konnte. In der Not des Nachkriegsdeutschlands gab es keine Plastiktüten und in der Mangelgesellschaft der DDR war es bis 1989 selbstverständlich, mit dem Beutel einkaufen zu gehen.

Skeptiker warnten schon früh vor dem schwer verdaulichen Müll. Ohne Erfolg. Und so wird die vollständige Abschaffung der Wegwerf-Plastiktüte bei Aldi im Jahr 2018 mit einem Jahrestag der besonderen Art zusammenfallen. 40 Jahre zuvor hatte erstmals ein Jutebeutel die Produktionsstätten der Arbeiterinnen in Bangladesch verlassen.

Rau und müffelnd

Die Kampagne „Jute statt Plastik“ war geboren. Wer sich im Jahr 1978 mit der braunen, etwas müffelnden, rau gewebten Tasche zeigte, legte ein politisch moralisches Glaubensbekenntnis ab. Gegen die Ausbeutung der Dritten Welt, gegen Armut und Umweltverschmutzung.

Die „Jutetaschenträger“ waren die belächelten Kritiker einer noch nicht radikal globalisierten Welt. Einer Welt, die man noch glaubte, im Griff zu haben. Ich weiß nicht, ob 40 Jahre eine kurze oder eine lange Zeit für Erkenntnis sind. Ich weiß nur, dass es zu lange gedauert hat, bis die Kritik der Jutebeutel-Aktivisten die Europäische Union erreichte.

Hätten Aldi und all die anderen vor 40 Jahren die Plastiktüten abgeschafft, die Weltmeere wären vielleicht zu retten gewesen. Heute schwimmen Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Plastik braucht etwa 450 Jahre, um zu verrotten. Bis dahin wird es von Fischen gefressen, die daran entweder zugrunde gehen, oder es in der Nahrungskette an uns Menschen zurückgeben. Die erste Jutetasche hängt übrigens inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn.