Schmidt, Honecker und das „Bratwurst-Drama“ auf dem Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmärkte sind wiederkehrende Plagen oder beseelende Sternenglanzromantik. Nur echt mit Deppenapostroph. Und manchmal kommt es zum „Bratwurst-Drama“.

Von Berlin nach Chemnitz, 263 km, ein Ostbesuch
Von Berlin nach Chemnitz, 263 km, ein OstbesuchBerliner Zeitung/Pajović/Amini

Auf dem Weihnachtsmarkt morgens um halb elf, vor einer Holzbude mit Blechschildern, steht ein Bratwurst mümmelndes Rentnerpaar und bewundert eine Wortgirlande von Helmut Schmidt. Er findet: „Besser kann man es nicht sagen.“ Sie nickt und streckt den Zeigefinger: „Da ist ja auch unser Honecker.“ Beide mümmeln und schweigen. Am Zeitungskiosk nebenan titelt die Morgenpost aus Sachsen: „Bratwurst-Drama auf dem Weihnachtsmarkt“. In Dresden hatte ein zufällig anwesender Wessi-Polizist wohl das Leben eines Ossi-Rentners gerettet, nachdem diesem ein Stück Bratwurst in die Luftröhre gerutscht war.

Die Schilderbude auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt führt Dutzende Sprüche für den dekorativen Heimgebrauch, „1 Stück 12 Euro“, da ist für jeden noch so verwegenen Geschmacksrichtungswechsel was dabei: „Schmeiß den Grill an, wir müssen Fett verbrennen“, „Hier wohnt ein Feuerwehrmann mit der Flamme seines Lebens“, „Ich werde lieber mit Odin in Walhalla saufen, als mit Jesus im Himmel Wasser trinken“, „Deutsch durch Geburt, Ossi durch die Gnade Gottes“. Und eben auch Schmidt und Honecker.

Neben dem früheren BRD-Kanzler steht, was dem Bratwurstrentner so gut gefiel: „Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden.“ Neben dem ehemaligen DDR-Diktator, was die Bratwurstrentnerin entdeckt hatte: „Wir trauern um einen Genossen, der es geschafft hat, uns die Wessi’s vom Halse zu halten.“ Nur echt mit Deppenapostroph. Das Bratwurstrentnerpaar geht weiter. Aus den Boxen dudelt „Weiße Weihnachten im Wilden Westen“ von der Hamburger Countryband Truck Stop. Nächster Halt: ungewiss.

Weihnachtsmärkte sind periodisch wiederkehrende Plagen. Oder beseelende Sternenglanzromantik. Und immer eine willkommene Gelegenheit, Grillfett und flüssige Kopfschmerzen zu konsumieren. „Die meisten Glühweine auf Sachsens Weihnachtsmärkten sind unterirdisch“, stand in der Lokalpresse. Schlechte Trauben, zu viel Schwefel und Zucker, das tut weh am Morgen danach. Dass Grillfleisch zu einem Drittel aus Fett besteht, sollte auch bekannt sein. Trotzdem!

Weihnachten ist ein großes Ding in Sachsen

Nach zwei Jahren Abstinenz sind die Innenstädte wieder voll, nicht nur in Sachsen, dem vielleicht deutschesten Winterwonderland, wo Weihnachten ein großes Ding ist. Der größte Schwibbogen der Welt – 25 Meter breit, mit Kerzen 14,5 Meter hoch, 700 Tonnen Stahlbeton, 15 Tonnen Edelstahl – steht im Erzgebirge. Der größte Stollen – 1020 Meter lang, 6500 Kilogramm schwer – wurde neulich in Dresden gebacken. Und wie groß der zumindest größte sächsische Weihnachtsbaum ist, das wird gerade in einem Wettbewerb ermittelt. Die 25,25 Meter hohe Fichte aus der titelverteidigenden Weihnachtsmetropole Chemnitz liegt aktuell auf Platz eins. Leipzig enttäuscht mit 15,75 Metern.

Am Fuße der aus Chemnitz in die Welt herausragenden Fichte gibt es viele verführerisch lockende Holzbuden. „Tiroler Kiachl“, „Böhmische Rauchwurst“, „Pulsnitzer Pfefferkuchen“, „arktischer Honig aus Finnland“, „Uwe’s (!) Mandelbrennerei“. Und „Internationale Spezialitäten“. Bei genauerem Hinsehen werden hier allerdings nur Produkte aus Russland angeboten: Pelmeni, Warenki, Kaviar, Wodka. „Na ja, Osteuropa“, sagt der Verkäufer, während er über die Kasse gebeugt nach dem Wechselgeld kramt, und als er aufblickt: „Wir wollen keine Politik, wir wollen Ruhe.“ Er lächelt undefinierbar freundlich. Früher stand „Russische Spezialitäten“ über seiner Bude.

Was Schmidt und Honecker wohl sagen würden zu diesem wiedervereinten Weihnachtsmarktdeutschland? Wahrscheinlich würden sich beide an ihrer Bratwurst verschlucken.


In der Kolumne „Ostbesuch“ berichtet Paul Linke alle zwei Wochen aus seinem Zwischenleben in Chemnitz und Umgebung. Sachsen sucks? Von wegen!