An Namen fehlt es nicht. Als mögliche Nachfolger für den wegen hinterzogener Steuern zurückgetretenen Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz kursierten schon etliche. Der Chef der Berliner Kulturprojekte GmbH Moritz van Dülmen beispielsweise, ein alerter Kulturmanager und Luftikus, dem jede Bodenhaftung in der Berliner Politik fehlt. Oder Björn Böhning, der Chef der Senatskanzlei, der das Kulturstaatssekretärsamt derzeit kommissarisch ausübt. Böhning fehlt es umgekehrt an Bodenhaftung in der Kultur, sieht man mal davon ab, dass der Coldplay-Fan sich für die Berliner Musik- und Clubszene stark macht und das Musikboard Berlin aus der Taufe hob.

Genannt wurde auch der Intendant der Berliner Philharmoniker und einstige Chef von Sat.1, Martin Hoffmann. Und Dieter Kosslick, der oberste Knuddelbär der Berlinale, Leiter des Filmfestes seit 13 Jahren. Und der alte Hase Knut Nevermann, immerhin schon siebzig und derzeit Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wissenschaft. Aber warum sollte der sich das antun wollen?

Drei Wochen sind ins Land gezogen, ohne dass der Regierende Bürgermeister Schmitz’ Nachfolger benannt hat. Das kann an Klaus Wowereits Gespür für gutes Timing liegen, aber auch an den Tücken des Amtes.

Es zu besetzen ist nicht eben leicht, denn ein Kulturstaatssekretär muss zwei Dinge in sich vereinbaren, die sich in der Regel ausschließen: die Liebe für die Verwaltung und die Liebe für die Kultur. Das mag mit einem falschen Verständnis von beidem zusammenhängen, doch die wechselseitige Abneigung beider Sphären ist in deren Traditionen so gut verankert, dass man selten jemanden findet, der Verwaltungs- und Kulturkompetenz gleichermaßen gut verkörpert. Verwaltungsleute sehen in der Kultur gern Menschen tätig, die notorisch alle Fünfe gerade sein lassen, während Künstler nur schwer begreifen können, dass auch Verwaltungsakte kreative Vorgänge sein könnten – oder sein müssten.

Für einen Kulturstaatssekretär ist es unabdingbar, sich mit der Verwaltung auszukennen und die Kunst des „Lenkens dynamischer Systeme nach stabilen Vorschriften“ zu beherrschen. Der Staatssekretär, nicht der Senator, ist der Amtschef und damit für die Personalführung und die Finanzen seiner Behörde zuständig. Als Vertreter eines bestimmten politischen Willens muss er diesen in der Behörde durchsetzen. Er muss den zahllosen Wenn und Aber, die ihm in der Lagebesprechung von den dort seit langem tätigen Abteilungsleitern entgegenschallen, fachlich etwas entgegensetzen können. Nach dem Motto: „Ich sitze hier noch, wenn Sie schon lange wieder weg sind“, bringen gestandene Abteilungsleiter gegenüber dem politisch wechselnden Personal an der Spitze ein enormes Selbstbewusstsein auf.

Möglich, aber unwahrscheinlich ist daher, dass Wowereit eine Glanznummer wie Kosslick aus dem Ärmel zieht – gesetzt den schwer vorstellbaren Fall, der Berlinale-Chef würde wollen – , also einen, der zwar Charme und Esprit versprühen kann, aber in der Verwaltung mangels Erfahrung beim geringsten Widerstand baden geht.

Der Staatssekretär muss also nicht nur Haushaltspläne lesen können, er muss auch die Verwaltung lenken und motivieren können, deren Erfahrung achten und fürchten, nämlich gute Argumente von Nebelkerzen unterscheiden können. Für all das benötigt er einen Kompass, der idealerweise in einer Vorstellung davon besteht, wohin sich Berlins Kultur und ihre Verwaltung entwickeln sollen und in welchem Verhältnis beispielsweise die repräsentativen Aufgaben der Hauptstadt zu den innovativen Herausforderungen der Großstadt stehen.

Ein Beispiel: Bisher schaut Berlin kommentarlos zu, wie der Bund in Berlins Mitte zwar unter Hochdruck das Schloss baut, während in der inhaltlichen Vorbereitung des Humboldtforums immer mehr Zeit vertrödelt wird. Das interkulturelle Thema müsste aber aus dem Inneren der Stadt belebt werden. So droht aus einem dem Namen nach diskursiven Projekt eines Forums eine rein museale Angelegenheit zu werden – und Berlin eine große Chance zu verpassen. Wer sich hier mit Interventionen gegenüber dem Bund zurückhält – wie es André Schmitz getan hat – und sich auf die verbleibenden großkommunalen Aufgaben beschränkt, verschenkt Zukunftsmöglichkeiten.

Und schließlich muss ein Staatssekretär mit seinem Senator auskommen. Unvergessen ist der wackere Lutz von Pufendorf, dessen Fehden mit seinem kulturell unbedarften Senator Peter Radunski regelmäßig nach außen drangen, bis sich beide in der Frage überwarfen, wer Intendant des Deutschen Theaters werden solle. Radunski war für den Stuttgarter Schauspieldirektor Friedrich Schirmer, von Pufendorf für den Münchener Dieter Dorn, aber auch für viele andere. „Wenn ich Schirmer verhindern kann, werde ich ihn verhindern“, trumpfte er in der Presse gegen Radunski auf. So einen eigensinnigen Kopf wird sich Wowereit in der zweiten Hälfte seiner vielleicht letzten Amtsperiode nicht leisten wollen.