Berlin - Fahrräder gibt es eigentlich genug im Berliner Technikmuseum. Nur so richtig zu sehen sind sie nicht. Die meisten stehen im Depot. 370 Räder befinden sich in der Sammlung des Hauses an der Trebbiner Straße in Kreuzberg, laut Museum handelt es sich um die größte Sammlung des Kontinents. Nur acht Räder aber sind ausgestellt.

Siegeszug des Fahrrads wurde durch Naturkatastrophe eingeleitet

Dabei könnten die Räder, teilweise im Originalzustand erhalten, so einiges über die Geschichte des Radverkehrs in der Stadt erzählen. Das alte Berliner Hochrad zum Beispiel, das aus dem Jahr 1888 stammt. Oder das Quadroplet, eine Art Tandem, auf dem bis zu vier Menschen Platz fanden.

Eigentlich war es ja eine Naturkatastrophe, die den Siegeszug des Fahrrades einleitete. Im April 1815 bricht in Indonesien auf der Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Die Explosion ist so gewaltig, dass die austretenden Aschewolken das Klima weltweit beeinflussen. In Europa wird es kühler, die Ernten verdorren, das Vieh stirbt, weil das Futter fehlt. Pferde werden Mangelware. Eine Situation, die dem Forstmeister Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn ganz und gar nicht gefällt.

Da der adlige Herr aus Karlsruhe aufgrund des Pferdemangels anstehende Fußmärsche nicht akzeptieren will, entwickelt er eine Laufmaschine. Es ist ein einfaches Modell, das – wie der Name schon andeutet – mit den Füßen angetrieben wird. Drais ist mit seinem neuen Fortbewegungsmittel eine Sensation, denn es ist schneller als alle anderen Fahrzeuge. Seine Holzdraisine findet durchaus Interessenten, vor allem einige Vermögende legen sich ein Laufrad zu – das den heutigen Kinderlaufrädern ähnelte. Aber nach dem Ende der Erntedepression lässt das Interesse für Fahrräder schnell wieder nach.

"Kühne Velocipedarier im Thiergarten“

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kommt das Zweirad wieder in Mode, nachdem der Pedalantrieb erfunden wird. Da die neuen Räder ordentlich Tempo machen sollen, werden die Vorderräder als Antriebsräder immer größer. Das Hochrad ist geboren.
Auch in Berlin tauchen die Gefährte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts vermehrt auf, sagt Benjamin Huth, der im Technikmuseum die Fahrradsammlung betreut. Der 30-Jährige, der Geschichte und Theologie studiert hat, verweist auf Zeitungsartikel aus dieser Zeit. Dort steht, dass „in den Stunden von 11-12 Uhr nachts auf den breiten Trottoirs Unter den Linden einige Jünger des Velocipedes ihre nächtlichen Übungen treiben“. Und weiter über das Jahr 1869: „Die schönen Frühlingstage lockten kühne Velocipedarier in die belebten Gänge des Thiergartens.“