BerlinWenn Leute in einer Galerie stehen und sich wundern, dass Bilder an der Wand hängen, dann hat das mit Corona zu tun. In der DNA-Galerie in der Auguststraße passiert das zurzeit öfters. Seit zwei Wochen schon. Nicht trotz, sondern wegen Corona. Gegenüber ein Kindergarten, nebenan Clärchens Ballhaus. Vor der Galerie ein Aufsteller: „Coronatest – Hier und Jetzt – in nur 2 Minuten erledigt, auch ohne Termine. Nur 49 Euro! Ergebnis nach 30 Minuten, inklusive Attest vom Arzt“.

Auf dem Bürgersteig hat sich eine kleine unförmige Schlange gebildet. Mit etwas Fantasie könnte man an eine Ausstellungseröffnung denken. Fehlen die Sektgläser. Stattdessen schiebt eine Polizistin, die vorbeikommt, das Publikum – Kunden? Patienten? – auseinander: „Na, jetzt aber mal schön Abstand halten!“ Viele gut gekleidete Menschen stehen hier, manche mit langen Bärten, andere mit großen Kopfhörern und Jutebeutel. Viele sprechen kein Deutsch, kommen aus Japan, Argentinien, Russland, Holland, Portugal, Finnland, aber auch Vater und Sohn aus Prenzlauer Berg. Sie haben die Teststelle im Internet gefunden.

Inhaber Johann Nowak hat die Zeichen der Zeit erkannt. Schnelltests sind im Trend. Sie sind die Hoffnung auf die Zeit nach dem Lockdown, auf ein Stück Normalität. Die meisten kommen zu Nowak, um sich freizutesten: Weil sie zu den Schwiegereltern wollen oder auf die Kanaren. Für Auslandsflüge braucht man einen PCR-Test, auch den gibt es hier. 99,90 Euro, 24 Stunden, Labor-Auswertung, nicht vor Ort. Die Argentinierin Florencia, 31, ist hier, weil ihr Freund am Vortag hier positiv getestet wurde. Die Russin Nadja, 37, hat gerade für einige Zeit in Portugal gearbeitet und will sichergehen, dass alles gut ist.

Man wartet ein bisschen, aber nicht lang. Halb drin, halb draußen. Die meisten haben online einen Termin gebucht und suchen auf ihrem Handy nach dem QR-Code für die Anmeldung. Ein Mitarbeiter hilft. Hier, den Code einscannen bitte, draufklicken, dann kriegen Sie eine Mail mit einem QR-Code, den Sie bitte vorn an der Theke vorzeigen. Neulich, sagt Leon Roewer, der Sohn des Galeristen, sei der Chef eines kleinen Unternehmens vorbeigekommen, auf dem Weg zur Arbeit. Er habe sich spontan testen lassen und war positiv. „So können wir Infektionsketten durchbrechen.“

Foto: Benjamin Pritzkuleit 
Kunst-Corona-Fusion: Die Empfangstheke für Schnelltests in der DNA-Galerie in Mitte.

Roewer, Event-Veranstalter und Marketingmanager, ist 25 Jahre alt und hatte die Idee. Er reist viel, und hinterher einen Test zu bekommen, ist schwierig, die Arztpraxen sind überlastet. Sein Vater erzählt, wie er nach seiner Rückkehr aus Mallorca um 22.15 Uhr landete und zum Hauptbahnhof fuhr, weil die Teststation am Flughafen schon geschlossen war. „Dort musste ich dann in eine stickige Kellerkatakombe, wurde vom Militär empfangen und ein Soldat in voller Montur bohrte mir das Stäbchen in den Rachen.“

Private Testzentren sollen das Gesundheitssystem entlasten

Die Berlin-Mitte-Blase scheint auch in Corona-Zeiten intakt. Jedenfalls wollen Vater und Sohn das Gesundheitssystem entlasten, mehr Kapazitäten bei den Ärzten schaffen, Infektionsketten durchbrechen, Dunkelziffern aufdecken. Sagen sie. Nowak findet sogar, es liege eine Aufbruchstimmung in der Luft wie in den 90ern: „Damals gab es eine Wahnsinnsenergie, und die Idee mit dem Testzentrum, das war auch so ein euphorischer Moment.“ 

Anfangs, vor zwei Wochen, kamen ungefähr sechs Leute pro Tag, jetzt bis zu 100.  Kurz vor zwölf an einem Donnerstag wird die Nummer 83 aufgerufen. Die erste Station ist die Arzttheke. Schlicht, weiß, mit Plexiglasscheibe, unter einem Foto des japanischen Künstlers Tatsumi Oromoto. Über drei Meter streckt sich das Selbstporträt, auf dem er seine Mutter fest umarmt. Ein Anti-Corona-Bild. Im Hintergrund läuft Lounge-Musik.

Ein Testzentrum zu eröffnen ist kompliziert

Eine Mitarbeiterin trägt unter dem blauen Plastiküberwurf kurzen Rock und gepunktete Feinstrumpfhosen. Das Testpersonal sind medizinisch geschulte Freunde und Bekannte. Studenten, Absolventen ohne Job, einer von drei Ärzten ist auch immer da, gefunden haben die Galeristen sie über einschlägige Jobportale. Nowak hat Schutzkleidung für sie bestellt und fürs Gesicht zusätzlich „Faceshields“, ein deutsches Wort gibt es dafür noch nicht. Vom Empfang führen gelbe Pfeile ins Testzimmer. Auf dem Weg noch einmal Fotokunst: die menschenleere Copacabana, der Künstler ist Fußballfan, das Bild soll an Geisterspiele erinnern. Wieder ein Corona-Bezug. Neben dem Bild steht ein Stuhl für die Patienten. Nowak hat an alles gedacht, die App mit dem QR-Code, die spezielle Müllentsorgung, Desinfektionsspender, Utensilien für das Minilabor im Hinterzimmer. Das Ergebnis kommt nach einer halben Stunde per Mail. Wer positiv ist, bekommt außerdem einen Anruf.

49 Euro kostet der Test der Firma Roche, von der Ärztekammer und vom Virologen Christian Drosten abgesegnet. Drosten-proof sozusagen. Nowak bezahlt pro Test rund 15 Euro. Es gehe ihm nicht um das große Geld, sagt er: „Ein Bild verkaufen ist wie ein halbes Jahr testen.“ Ein paar Testpatienten haben allerdings auch schon Werke von ihm angefragt. 

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Neuer Look für einen alten Autosalon: das Testzentrum am Moritzplatz.

Das private Geschäft mit Schnelltests boomt, überall in Berlin tauchen neue Zentren auf, teilweise mit viel Fantasie bei der Umsetzung. Eines wirbt mit einer stadtweiten Plakatkampagne: „Der erste Test für den du nicht lernen musst“, steht darauf, oder: „Dauert nicht länger als 'ne Tasse Kaffee“. Vor Ort, am Moritzplatz in Kreuzberg, in einem ausgemusterten Autosalon, ist die ganze Fensterfront plakatiert, von „Schlange stehen war gestern“ bis „Testergebnis nach 20 Minuten“. Fünf Minuten schneller als in der Auguststraße.

Und tatsächlich: keine Schlangen, alles bestens organisiert. Man bucht auch hier online, zahlt die 49 Euro gleich, wie in Zeiten, in denen man noch Konzerttickets kaufen konnte. Der Salon ist groß, Kapazitäten für 700 bis 1000 Leute täglich. Aus versteckten Boxen rieselt Musik, eine Schwester in grünem OP-Kittel nimmt Daten auf, dann betritt man die Bühne, eine Mischung aus Disneyland und Gartencenter. Hängepflanzen sind in das pinkfarbene Licht von Deckenstrahlern getaucht. Vier nach oben offene Kabinen, zu denen orangefarbene Klebestreifen führen, die Wände aus holzgerahmten Fenstern zusammengezimmert. Über den Türen Lichtstreifen: Rot heißt stehen, grün heißt gehen.

Start-ups erkennen das Schnelltestpotenzial

Die Idee sei entstanden, sagt der Arzt Dietmar Peikert, weil so viele Patienten verzweifelt anriefen, als sie nirgends einen Test bekamen. Und jetzt froh sind, hier zu sein. Die Beweggründe der Kunden sind ähnlich wie in Mitte: Gerade aus Brasilien zurück, den Opa besuchen. Eine Sozialarbeiterin, die in einer Behindertenwerkstatt arbeitet, in der jemand positiv getestet wurde, braucht schnell Gewissheit. In Raum zwei wird ihr ein Stäbchen in die Nase geschoben. Der Abstrich kommt in eine dieser Plastikschälchen, in denen man sonst beim Türken Oliven kauft. Ein sogenannter Runner trägt sie ins Ärztezimmer, wo der Arzt beobachtet, wie sich das Testfenster – wie bei einem Schwangerschaftstest – verfärbt. Laut Praxis setzt man auch hier „ausschließlich auf Tests von Herstellern aus der EU, die vom Bfarm (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte d. Red.) gelistet werden“, sagt Peikert.

Die Idee für das Zentrum habe er zusammen mit einem befreundeten Investor gehabt, der 2020 ein Start-up gegründet hat, das sich auf Dienstleistungen im medizinischen Sektor konzentriert: KPD BioMed will nach eigenen Angaben so die staatlichen Teststellen sowie deren Labore entlasten. Und nach dem Lockdown „individuelle Lösungen für unbeschwerte Firmen-Events, Partys, Festivals anbieten“, so steht es auf der Website. Aus Krisen entstehen neue Geschäftsideen. Schnelltests als Business.

Schutzanzüge als neuer Fetisch 

Für den Berliner Fetischclub Kitkat wirbt ein Facebook-Post: „Kommt nackt & seid wild!“, in Klammern der Hinweis: „Bitte nicht, gibt nur Anzeigen wegen Partyverdacht“. Terminbuchungen vorab gibt es nicht, dafür eine Schlange, weit um die Ecke Köpenicker Straße. Wie früher. Sogar die Türsteher sind dieselben. Allerdings können sie niemanden abweisen. Hauptsache, der QR-Code ist auf dem Handy.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Das Team des Kitkat-Clubs in Ganzkörperanzügen. 

Zwischen Tor und Tür steht ein weißer Pavillon, wie man ihn von Bierfesten kennt. Keine Musik. Kein Tamtam, kein Marketing. Das Personal hat Kitkat-Betreiberin Kerstin Krüger per Mund-zu-Mund-Propaganda rekrutiert. Es trägt ein Astronautenoutfit, blaue Ganzkörperanzüge, blaue Plastiküberzieher an den Füßen, FFP-Maske über Mund und Nase, darüber eine Art Skibrille, die Kapuze des Schutzanzugs bis zu den Brauen gezogen, Stirnlampe. „Naja, ist ja auch fast Fetisch“, sagt ein Mitarbeiter.

Kitkat-Betreiberin Kerstin Krüger wollte etwas tun. Weil sie selbst Corona hatte. Weil andere nicht krank werden sollen. Und sie will natürlich, dass die Pandemie besiegt wird, ihr Club wieder öffnet. „Wir wollen zurück ins normale Leben“, sagt Krüger. Die Clubkommission arbeitet gerade mit der Senatsverwaltung für Kultur an einem Konzept für Schnelltests für fünf bis zehn Euro in Clubs, Restaurants, Bars: Wer negativ ist, darf rein.

Noch kostet der Test im Kitkat 24,90 Euro. Von der Bundesregierung zertifiziert, sagt der Arzt, ein Freund von Krüger, der sonst in Bayern arbeitet. Für das Kitkat hat er Urlaub genommen. Warum ist der Test so preiswert? Taugt er nicht? „Wir wollen hier nicht reich werden“, sagt Krüger: „Wir wollen, dass es sich viele leisten können.“

Birgit, 41, ist an der Reihe. Seit sie bei Ikea einkaufen war, steht ihre Corona-App auf Rot. Sie setzt sich auf einen der drei Klappstühle. Ein Mitarbeiter stellt sich als Andreas vor, fragt nach ihrem Namen, ob sie schon einmal einen Test gemacht habe und wisse, wie er funktioniert. Dann: Kopf in den Nacken und laut „Ah“ sagen für den Rachenabstrich. Danach steht Birgit noch kurz unschlüssig im Hof. „Schon komisch“, sagt sie, „mitten am Tag hier zu sein und die Türen sind zu.“ Überhaupt kennen die meisten, die hier anstehen, den Club auch von innen, freuen sich, wieder hier zu sein, finden sogar das Schlangestehen schön, ein bisschen wenigstens erinnert es an alte Zeiten. Ein Mann namens Bernd, 65, der um die Ecke beim Senat arbeitet und seine 90-jährige Mutter besuchen will, findet: eine gute Gelegenheit, dem Club mal näherzukommen. Zwischendurch schiebt sich ein Seniorenpärchen mit Walkingstöcken durch die Menge: „Wat ist denn das hier?“ „Ein Schnelltest im Kitkat“, antwortet eine junge Frau in Lederleggins und Kunstfelljacke.

Laut Berliner Clubcommission könnte es die Tests bald auch in anderen Clubs geben. Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, hofft auf dauerhafte Teststellen, die nicht um 18 Uhr schließen. Aber wie könnte das aussehen, Tests für alle und überall? Schließlich wird man nicht für jedes Kaufhaus einen Arzt abstellen können. Und nicht jedes Mal einen Test zahlen wollen, wenn man ins Theater will. Und was ist mit Menschen, die wenig Geld haben? Oder gibt es vielleicht bald kostenlose Selbsttests für alle? Viele Fragen, auf die es – noch – keine Antworten gibt. Aber eins zumindest ist sicher. Das Motto, das seit Urzeiten über dem Eingang des Kitkat-Clubs hängt: „Life is a circus“.