Schön shoppen im Ostbahnhof? Wo zwischen all dem Trash ein guter Store liegt

Ausgerechnet im rummeligen Ostbahnhof gibt es einen stylishen Modeladen. Wie das zusammenpasst, erzählen uns die Macher des Berliner Upcycling-Labels Moot.

Es braucht nur Moot: Designer Nils Neubauer (links) und Business-Experte Michael Pfeifer.
Es braucht nur Moot: Designer Nils Neubauer (links) und Business-Experte Michael Pfeifer.Moot

Im Berliner Ostbahnhof, zwischen Apotheken, Friseursalons und Döner-Buden, erwartet man eher weniger einen schönen Modeladen. Doch genau hier findet sich der helle, luftig gestaltete Store des Labels Moot. Das Akronym des Markennamens – „Made out of Trash“ – ist Programm und gibt der Definition von Müll eine völlig neue Bedeutung: Echte Unikate aus Stoffen, die eigentlich im Abfall landen würden – so schenken die beiden Gründer Nils Neubauer und Michael Pfeifer alten Textilien ein neues Leben. 

Das Label ist auch aus Frust heraus entstanden. Aus einem Ärger über die Bekleidungsbranche, die zu den größten Umweltsünderinnen der Welt gehört. Schnell war für die Gründer klar: Wenn schon Mode machen, dann bitte möglichst nachhaltig. Nun sind Nils Neubauer und Michael Pfeifer nicht mehr nur beste Freunde, sondern auch Geschäftspartner; Neubauer macht die Designs, Pfeifer kümmert sich um die betriebswirtschaftlichen Aspekte. 

Pfeifer, der BWL studierte, konnte mit Mode erst mal gar nicht so viel anfangen. Als ihm sein Freund dann das erste Mal erzählte, dass er alte Textilien umnähen und als neue Mode verkaufen will, wusste er noch nicht, wie viel Potenzial in der Upcycling-Mode steckt. „Ich würde behaupten, dass ich heute noch immer mehr über Versicherungen als über Mode weiß“, sagt der 27-Jährige. Allerdings sehe er das nicht als Nachteil: „Meine BWL- beziehungsweise Start-up-Expertise und die Mode- und Upcycling-Expertise von Nils sind der absolute Schlüssel zum Erfolg.“

Von einer Idee zum Store im Ostbahnhof

Nils Neubauer wiederum hat Modedesign am Lette-Verein Berlin studiert. Seit seinem zweiten Semester war klar, „dass ich nicht in der klassischen Modeszene arbeiten möchte“, wie er sagt. Bei einem Besuch der Berliner Stadtmission – schon damals wollte sich der Designer mit dem Thema Upcycling auseinandersetzen – realisierte Neubauer, wie viele Kleidungsstücke und Textilien jeden Tag im Müll landen. Denn vieles, was in Altkleidercontainer gegeben wird, kann überhaupt nicht mehr wiederverwendet werden; ist eher textiler Abfall denn Kleiderspende. 

Neubauer kam auf die Idee, Kleidungsstücke aus ausrangierten Bettlaken herzustellen, die sonst in der Verbrennung enden würden, denn aus den großen rechteckigen Textilstücken lassen sich gut Schnittmuster für T-Shirts und Longsleeves schneiden. Ähnliche Konzepte boomen aktuell. Bei der vergangenen Ausgabe der Berlin Fashion Week etwa gab es ganze DIY-Workshops zum Thema; auch auf den Laufsteg schafften es einige Upcycling-Kollektionen, zum Beispiel jene von Laura Gerte oder Lucas Meyer-Leclère.

„Das Longsleeve“ gibt es in ausgefallenen Variationen, aber auch als simple Basic-Pieces.
„Das Longsleeve“ gibt es in ausgefallenen Variationen, aber auch als simple Basic-Pieces.Moot

Neubauer und Pfeifer haben ihre T-Shirts und Longsleeves aus alten Bettlaken erst mal über einen eigenen Onlineshop verkauft, nun gibt es den Store im Ostbahnhof – in dem man selbst Bonuspunkte der Deutschen Bahn einlösen kann. Klingt erst mal skurril, doch die beiden Moot-Gründer hatten 2021 eben an dem Start-up-Programm „DB mindbox“ des Unternehmens teilgenommen: Dieses soll neue, ökologisch sinnvolle Lösungen und Angebote in großen Bahnhöfen sichtbar machen.

Neubauer und Pfeifer konnten die Programm-Verantwortlichen der Deutschen Bahn überzeugen, so entstand ihr erster Offline-Shop im Ostbahnhof. Auch wenn der Standort nicht zu vergleichen ist mit einer Flaniermeile, lockt er dennoch immer wieder interessierte Menschen an. „Manchmal schauen sie auch beim Vorbeigehen verwundert in den Laden, bevor sie beim dritten oder vierten mal dann endlich hereinkommen“, erzählt Nils Neubauer; ein stylishes Modegeschäft im Ostbahnhof – das macht natürlich neugierig.

Cleanes Design, bunte Kleidung: Der Moot Concept-Store am Berliner Ostbahnhof.
Cleanes Design, bunte Kleidung: Der Moot Concept-Store am Berliner Ostbahnhof.Moot

Showroom und Store in einem

Im Laden hängen rund 1000 Kleidungsstücke an alten Wasserrohren, Jutebeutel aus Second-Hand-Kissenbezügen sind an Bauzäunen befestigt, sogenannte Scrunchies, also Haargummis, deren elastisches Innenleben aus den Gummis ausrangierter, fehlerhafter FFP2-Masken besteht, finden sich in einer Schale an der Kasse. Als Sitzgelegenheiten dienen zusammengeschnürte Würfel aus alter Kleidung. Bei Moot gibt es auch Gürtel, eigentlich Fahrzeuggurte, die Sicherheitstest nicht bestanden haben; dazu bunt gemusterte Jacken und Mäntel aus alten Fleece-Decken.

„Für viele Menschen liegt die Hemmschwelle, solche Upcycling-Mode zu kaufen, noch immer hoch“, sagt Neubauer. Noch immer sei Kleidung aus zweiter Hand teils mit negativen Assoziationen verbunden, gerade, wenn es um wiederverwendete Bettlaken geht. Um ein Umdenken zu unterstützen, haben sich die Moot-Gründer für ihren Store ein besonderes Konzept überlegt: Das Geschäft ist wie ein Rundlauf arrangiert; immer wieder führen die Gründer zum Beispiel auch Schulklassen durch ihre Räume, um ein Bewusstsein für die Umweltschäden zu schaffen, die ein gedankenloser Mode-Konsum verursacht.

Am Eingang findet sich ein großes Schaubild, das die grundsätzliche Problematik der schnelllebigen Billig-Mode erklärt. Unter dem Titel „Umweltsünde Fast Fashion“ wird etwa am Beispiel einer Jeans erklärt, wie viel Umweltverschmutzung hinter der Bekleidungsproduktion steckt: 7000 bis 8000 Liter Wasser werden zur Produktion von nur einer Denim-Hose gebraucht; zum einen, weil Baumwolle so viel gewässert werden muss, zum anderen, weil spezielle Waschungen immens viele Ressourcen verbrauchen. Ist eine Hose fertig, hat sie durchschnittlich 50.000 Kilometer zurückgelegt – vom Textilproduzenten in die Näherei, von der einen Produktionsstätte zur nächsten, ins Geschäft oder den Onlinehandel, irgendwann endlich zur Kundschaft. Im Durchschnitt kommen außerdem 700 Milliliter Chemikalien bei der Fertigung einer Jeans zum Einsatz.

Grafiken verdeutlichen Kunden die Wichtigkeit von Upcycling. Durch das Scannen des QR-Codes kommt man direkt auf die Website, wo das Thema genauer aufgeschlüsselt wird.
Grafiken verdeutlichen Kunden die Wichtigkeit von Upcycling. Durch das Scannen des QR-Codes kommt man direkt auf die Website, wo das Thema genauer aufgeschlüsselt wird.Moot

Als Positivbeispiel zeigt ein weiteres Schaubild den kurzen Produktionsweg, den die Kleidungsstücke von Moot zurücklegen müssen: Die umzuarbeitenden Textilien stammen von deutschen Sammelstellen, jeder folgende Arbeitsschritt wird in Berlin getätigt. „Wir müssen uns um unseren eigenen Kram kümmern, warum sollten wir andere Länder mit unserem Müll und unseren Produktionen belasten?“, fragt der 28-Jährige Designer. Die alten Stoffe, mit denen er arbeitet, stammen von Kleidersortierungen. Dazu zählen die deutsche Kleiderstiftung,  Textrade GmbH und Geo-Tex Recycling AG. Außerdem gehört eine ökologische Industriefärberei in Biedenkopf zu den Partnern der Marke.

Die letzten Arbeitsschritte – der Zuschnitt, das Nähen – werden in Berliner Nähereien getätigt. Um eine größtmögliche Transparenz zu schaffen und auch Fragen nach den Arbeitsbedingungen zufriedenstellend beantworten zu können, werden beteiligte Näherinnen und Näher auf der Webseite des Labels porträtiert.

Das lässt sich vergleichen mit Konzepten der Berliner Non-Profit-Organisation Fashion Revolution: Als unmittelbare Reaktion auf die Katastrophe im Jahr 2013, als die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch einstürzte und Tausende Menschen ihr Leben verloren, rief diese ihre Kampagne „Who made my clothes“ ins Leben. „Wer hat mein T-Shirt genäht?“ Die Macher von Moot können das auf ihrer Webseite beantworten.

Bei der Sortierung: Die Gründer suchen nach gut erhaltenen Stoffen, die wiederverwendet werden können.
Bei der Sortierung: Die Gründer suchen nach gut erhaltenen Stoffen, die wiederverwendet werden können.Moot

Die Berliner Union Sozialer Einrichtungen (USE), die mit Menschen zusammenarbeitet, die mit psychischen Erkrankungen leben, war die erste Produktionsstätte des Labels. „Wir wollen Menschen, die oft ausgeschlossen werden, in diese eigentlich sehr exklusive Branche inkludieren“, erzählt Nils Neubauer. „Das ist mir eine Herzensangelegenheit.“

Transparenz beweist die Marke auch, was die Preisgestaltung angeht. In einem weiteren Schaubild des Stores im Ostbahnhof wird präzisiert, wie sich die Preise zusammensetzen: Blickt man auf den Lohnanteil der Näherinnen, ist der Unterschied zu großen Massenherstellern, die oft in Billiglohnländern produzieren, immens. Während Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch, Pakistan oder Indien mit Beträgen entlohnt werden, die oft weniger als einem Prozent des letztendlichen Verkaufspreises der Modeteile entsprechen, erhalten die Menschen, die an der Produktion eines Moot-T-Shirts beteiligt sind,  14 Prozent des Verkaufspreises.

Transparente Preiszusammensetzung: Bei Moot macht der Lohnanteil der Näherinnen einen großen Teil des Verkaufspreises aus.
Transparente Preiszusammensetzung: Bei Moot macht der Lohnanteil der Näherinnen einen großen Teil des Verkaufspreises aus.Moot

Faire Mode zu fairen Preisen

Trotzdem können Neubauer und Pfeifer ihre Produkte zu fairen Preisen an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben: Ein T-Shirt zum Beispiel kostet 49 Euro, den Mantel im interessanten Mustermix gibt es für 289 Euro – obwohl ja jedes Stück ein Unikat ist, wohlgemerkt. Das ist ein Kontrast zum Angebot anderer nachhaltiger Modemarken und Upcycling-Labels, die ihre Sachen nur selten zu humanen Preisen anbieten können. Michael Pfeifer erklärt, dass bei Moot vor allem geringe Marketingausgaben eine sinnvolle Preisgestaltung ermöglichen.

„Der Mantel“ wird aus alten Fleecedecken genäht.
„Der Mantel“ wird aus alten Fleecedecken genäht.Moot

Für die Zukunft können sich die Gründer gut vorstellen, weitere Stores in anderen großen Städten zu eröffnen. Was die Zusammenarbeit mit anderen Labels anbelangt, sind sie eher skeptisch. Viele Marken würden die Wichtigkeit nachhaltiger Mode noch immer nicht sehen. Allerdings schade es nie, für Neues offen zu sein und über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, sagt Nils Neubauer. Denn das Interesse an Upcycling zu steigern, sei ganz grundsätzlich „immer cool“.