Schöneberg: Der Verweilbahnhof am Bayerischen Platz

U-Bahnhöfe sind Zweckbauten. Die meisten neueren Exemplare sind Bauten funktionaler Verkehrsinfrastruktur inklusive obskurer Dreckecken ohne Aufenthaltsqualität, es sei denn für sozial beeinträchtigtes Großstadtpersonal. Jeder andere bleibe möglichst nicht länger als bis zur nächsten Bahn.

Ein U-Bahnhof kann aber auch sein wie die neue Station Bayerischer Platz in Schöneberg. Ein Jahr lang ist der für Architekturhistoriker möglicherweise bedeutende, tatsächlich aber eher abweisende Betonklotz aus dem Jahr 1971 an der Grunewaldstraße umgebaut worden. Am Mittwoch wurde das neue Entree für den Kreuzungspunkt der Linien U4 und U7 vorgestellt. Entstanden ist ein Ort nicht nur zum Umsteigen, sondern auch zum Verweilen, ein Anlaufpunkt im Quartier, ein Platz für Kiezkultur.

Der aus zwei Baukörpern bestehende Eingangskomplex wurde abgerissen, ein durchgehendes Gebäude neu errichtet.

Der Eingangsbereich hat einen zweiten Zugang zur Innsbrucker Straße hin erhalten. Dank vieler Fenster ist alles hell, Säulen sind mit Mosaiken beklebt. An der Wand informiert ein Fries über die wechselvolle Geschichte des Bayerischen Viertels: vom gutbürgerlichen, jüdisch geprägten Quartier der Jahrhundertwende über die Vertreibung der Juden bis zum heutigen Ortsteil mit mittlerer Wohnqualität.

Alles hell, Säulen sind mit Mosaiken

Diese Auseinandersetzung mit der Geschichte wird im Obergeschoss fortgesetzt, ein Umstand, der den Bahnhof außergewöhnlich für die gesamte Stadt macht. Dort bewirtet das Café Haberland täglich von 10 bis 22 Uhr an 60 Plätzen seine Gäste, auf einer Terrasse mit Blick über den Platz gibt es noch einmal rund 50 Plätze. Benannt ist das Café nach Salomon Haberland, einem jüdischen Bauunternehmer, der Ende des 19. Jahrhunderts entscheidend zum Entstehen des Ortsteils beitrug.

Das Haberland ist mehr als ein Café. Man kann dort an Hör- und Videostationen die Geschichte des Viertels und seiner Menschen nachvollziehen. Der Verein „Quartier Bayerischer Platz“ hat die frühere Finanzsenatorin und Anwohnerin Annette Fugmann-Heesing als Schirmherrin für das Projekt gewonnen. Sie gewann das Bezirksamt und das öffentlich geförderte „Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart“, das das zeithistorische Portal entwarf.

Möglich wurde die Symbiose aus U-Bahnhof, Gastronomie und Kulturort übrigens erst durch eine Schlamperei. Gutachter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hatten festgestellt, dass das Eingangsgebäude aus den Siebzigerjahren früher marode war als erwartet. Es war minderwertiger Beton verbaut worden. Ein neuer Bau musste her, Geld wurde bereitgestellt. Am Ende investierte die BVG zusammen mit der Lottostiftung – sie übernahm 200.000 Euro für den kulturellen Part – 2,2 Millionen Euro. „Nur so ging’s“, sagt Bauchef Uwe Kutscher. „Es ist ja nicht Aufgabe der BVG, ein Café zu errichten.“

Fehlt noch der Aufzug. Dessen Ausgang soll auf dem Mittelstreifen liegen. Die Grunewaldstraße wird dann keine Linksabbiegerspuren mehr haben. Die Planung sei schwierig, so Kutscher. Er hoffe, dass der Bau Ende nächsten Jahres beginnt, 2016 soll eröffnet werden.