Die Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan oder Palästina wundern sich über den strengen Ton, den Schulleiter Hans-Jürgen Pleier zur Begrüßung in der Aula anschlägt. „Die Mütze vom Kopf“, ruft er, weil ein junge Mann noch eine Basecap auf dem Kopf trägt. „Immer schön pünktlich sein“ , hält er einem jungen Afghanen entgegen, der erst verspätet hierher findet.

An diesem Freitagmorgen findet in der Hugo-Gaudig-Sekundarschule die Einschulungsfeier statt. Es geht um eine in Berlin völlig neue Unterrichtsform für jugendliche Flüchtlinge. Doch so richtig feierlich geht es hier nicht zu. Die vielen Jungs und wenigen Mädchen sind 16 oder 17 Jahre alt, meist sind sie als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Das Besondere ist: Sie haben oftmals eine Willkommensklasse besucht. Einige waren auch bereits in eine Regelklasse übergewechselt. Doch dort kamen sie nicht zurecht. Es fehlten ihnen die Deutschkenntnisse, mitunter haben sie in ihrem Heimatland nur wenige Jahre die Schule besucht oder sind gar nicht alphabetisiert. „Viele sind auch nicht auf dem selben Bildungsstand wie ihre bisherigen Mitschüler gewesen“, sagt eine Pädagogin.

Wie sollen die Flüchtlinge Deutsch lernen?

Laut ist es an diesem Morgen in der Aula, die Schüler werden in loser, nicht alphabetischer Reihenfolge aufgerufen. Schulleiter Pleier mahnt die Jugendlichen. Sie sollen nicht rauchen und etwas leisten, ruft er. „Und immer den direkten Weg zur Schule nehmen, nicht irgendwelche Umwege.“

Offiziell gehört das Bildungszentrum Tempelhofer Weg, in dem die neuen Schüler künftig in sogenannten Profil-Willkommensklassen unterrichtet werden, zur Gaudig-Schule. Doch jenes Bildungszentrum, im Altbau der einstigen Teske-Schule, liegt abgelegen in einem Industriegebiet. Von der Gaudig-Schule ist es fast eine Viertelstunde Fußweg, Bahnschienen müssen überquert werden. „Ich verstehe nicht, wieso diese Schüler in diesem Gebäude so isoliert unterrichtet werden“, sagt GEW-Landeschef Tom Erdmann. Um Deutsch zu lernen, müssten sie doch zusammen mit deutsch sprechenden Schülern lernen. Tatsächlich sind dort aber nur Musik- und Volkshochschule untergebracht, die erst am Nachmittag besucht werden.

Werkstatttage

Nach der Begrüßung in der Aula gehen die gut 40 Jungen und Mädchen gemeinsam mit ihren Lehrern den Weg zu ihrer neuen Schule. Es geht lebhaft zu, ein Schüler will sich eine Zigarette anstecken, der Lehrer weist ihn zurecht. Viele dieser Jugendlichen haben erst vor wenigen Tagen erfahren, dass sie wechseln sollen. Zuvor mussten sie einen Sprachtest machen. „Ich war vorher in Neukölln auf der Schule, dann kam ein Brief“, sagte der 16-jährigen Baschar aus Syrien. Als sich die Gruppe im Bahnhof Südkreuz auf einer Rolltreppe befindet, zieht einer der Schüler den Nothalt. Wenig später passiert dasselbe an einer anderen Rolltreppe.

Im Bildungszentrum soll die Berufswahlkompetenz der Jugendlichen gefördert werden, wie es offiziell heißt. Finanziert wird das einzigartige Projekt von der Bildungsverwaltung, der Arbeitsagentur Süd und dem Europäischen Sozialfonds. Vorgesehen sind auch sogenannte Werkstatttage, an denen die Jugendlichen bestimmte Berufstätigkeiten ausprobieren können. Verbunden mit der Hoffnung, dass sich daraus eine echte Perspektive ergibt.

Angaben zum Arbeitsverhalten

Derzeit sind fünf Lehrer dort tätig, alle sind spezialisiert auf „Deutsch als Fremdsprache“. Denn ohne hinreichende Deutschkenntnisse wird es den Jugendlichen kaum gelingen, einmal für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Die Schüler können zudem bestimmte Kurse und Arbeitsgemeinschaften an der Gaudig-Schule besuchen. So begegnet man dem Vorwurf, die Schüler zu isolieren.

„Mit dem Bildungszentrum sollen Jugendliche, die aufgrund von Krieg in ihren Heimatländern nicht oder kaum die Möglichkeit zum Schulbesuch hatten, so unterstützt werden, dass ihnen der Anschluss an unser reguläres Bildungssystem gelingen kann“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Derzeit gibt es etwa 50 Anmeldungen, drei Klassen mit jeweils bis zu 24 Schülern sind vorgesehen. Beim Anmeldeverfahren wird ein Sprachtest gemacht und auch ein Bogen zum Arbeits- und Sozialverhalten des Schülers ausgefüllt. Es gibt Beratungsgespräche auch mit den Eltern. Letztere müssen dem Wechsel an das Zentrum zustimmen. Der Anteil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sei genauso hoch wie an Regelschulen.