Dorani Bukadar lässt nicht jeden auf das Schulgelände. „Von Erwachsenen lasse ich mir einen Ausweis zeigen, sie müssen mir erklären, wohin sie wollen“, sagt der 25-Jährige am Schultor. Bukadar ist Wachschützer. Seit Mittwoch steht er mit einem Kollegen vor der Spreewald-Grundschule in Schöneberg.

Die Schule wird damit zur Insel, zu einem abgeriegelten Raum, der die Kinder schützen soll. Ein Konzept, auf das Berlins Schulen zunehmend setzen. Ein Konzept aber auch, das Fragen aufwirft. Die Spreewald-Grundschule ist keine Ausnahme. Mit Tempelhof-Schöneberg hat sich nach Neukölln und Spandau nun überraschend der dritte Bezirk bereit erklärt, die Kosten für einen privaten Wachdienst zu tragen. 

Die restriktive Linie ersetzt die Idee vom offenen Lernort im Kiez, wie sie der Senat propagiert. Die Schulen schotten sich ab, um den Schulfrieden zu wahren – teils auch aus Überforderung mancher Lehrer. Das allein kann die Konflikte auf einigen Schulhöfen kaum lösen. Pöbelnde Eltern, aggressive Kinder, unerwünschte Eindringlinge wie Dealer oder Obdachlose – damit hatte auch die Spreewald-Schule Probleme. Zuletzt schloss sich die Schulleiterin aus Angst vor einem aggressiven Vater mit Mitarbeitern und Kindern im Gebäude ein.

Keine Ideallösung

„Wachschutz ist keineswegs die Ideallösung“, sagt SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic, die selbst längere Zeit Lehrerin an Brennpunktschulen war. Um etwas zu ändern, seien andere Dinge wichtig: „Externe Beratung für eine positive Schulentwicklung, mehr Personal vor allem auch im sozialpädagogischen Bereich und mehr Unterstützung für Schulen in schwieriger Lage“, sagt sie.

Man müsse die besten Pädagogen an die Brennpunktschulen holen, so Lasic. Deshalb werden die Koalitionsfraktionen bald eine Zulage für Lehrer an solchen durchsetzen. Ansonsten habe sie als Lehrerin gute Erfahrungen mit Hausbesuchen gemacht, um Eltern auf Probleme anzusprechen. Dafür fehle Lehrern und Sozialarbeitern aber oft die Zeit. 

„Es geht darum, dass von Schulen immer stärker verlangt wird, dass sie Vernetzungsarbeit zwischen Familie, dem sozialen Umfeld, Vereinen und Kiezeinrichtungen leisten, weil immer mehr Schüler auch außerhalb von Schule auf Bildungsunterstützung angewiesen sind“, sagt Sabine Michalek, Professorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Lichtenberg. Doch leider funktioniere das wegen des Personalmangels aktuell nicht. Auch sie ist der Meinung, dass Wachschützer die pädagogische Arbeit nicht ersetzen können. 

„Allerdings kann ein Sicherheitsdienst den Rahmen für die Arbeit der Pädagogen stecken. Er kann gewährleisten, dass Schule ein sicherer Ort ist.“ Ebenso wichtig wie reger Austausch mit dem Kiez sei nämlich, dass Probleme aus der Gegend nicht in die Schulen schwappten. „Schüler müssen dort auch ein Milieu finden, indem sie unabhängig von ihrem sonstigen Kontext, von den Familien und den Nachbarn, agieren.“

Erstmals private Wachschützer ließ der damalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) 2007 an Neuköllner Schulen einsetzen. Zuvor war die Situation an der Rütli-Schule eskaliert. Anfangs überwog die Kritik am Wachschutz, heute gehört das Sicherheitspersonal am Eingang einiger Schulen in Neukölln zum Alltagsbild. Den Bezirk kostet das 300.000 Euro jährlich. Seit April finanziert auch Spandau den Wachschutz an einer Schule.

Dass das künftig auch in Tempelhof-Schöneberg ähnlich aussehen könnte, glaubt Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD) nicht. „Ziel ist es, dass der Wachschutz die Situation an der Spreewald-Grundschule beruhigt.“ Überraschend hatte der Stadtrat am Dienstag verkündet, dass der Bezirk nach langem Streit doch für die Security-Kosten aufkommt. 

Zusätzliche Sozialarbeiter-Stelle

Lange hatte sich Schworck geweigert, den von Schulleiterin Doris Unzeitig gewünschten Wachschutz an der Spreewald-Grundschule zu bezahlen. Er wirft der Schulleiterin vor, nicht klar kommuniziert zu haben. Über Gewaltvorfälle sei er nicht informiert worden. Die Schulleiterin wiederum klagt, Schworck habe ihre Bitten zu lange ignoriert. So habe sie frühzeitig schon eine Gegensprechanlage zur Überwachung des Eingangsbereiches gewünscht. Diese bekam sie erst jetzt, genau wie eine zusätzliche Sozialarbeiter-Stelle. 

Nun also auch die Wachschützer. Zumindest bis zu den Sommerferien stehen Dorani Bukadar und sein Kollege am Eingang. 6000 Euro kostet das den Bezirk. Wie es danach weitergeht, vermag Schworck nicht zu sagen. „Gut wäre, wenn an der Schule ein Handlungskonzept entstünde, das die Probleme in Angriff nimmt.“ Der Wachschutz werde überflüssig. Vielleicht. Es kann aber auch anders kommen. Stadtrat Schworck kündigte vorsorglich an, dass er weitere Bitten von Schulen um Wachschutz prüfen wird.