Schöneiche - Einen schiefen Kirchturm, einen versunkenen See, Kunst im Supermarkt oder ein buddhistisches Kloster: Es gibt so einiges, was die Berliner Vorortgemeinde Schöneiche zu bieten hat. Und worüber Dagmar Nawroth Geschichten erzählen kann. Der bis auf den letzten Platz besetzte Gemeindebus rollt mit schaulustigen Gästen durch das Dorf hinter dem östlichen Stadtrand von Berlin im Landkreis Oder-Spree. Und Ortsführerin Dagmar Nawroth sitzt, den Rücken zur Frontscheibe, auf der Beifahrerseite und erzählt Geschichten aus dem rund 600-jährigen Leben der Siedlung.

Umbrüche und Aufbrüche

Seit gut 20 Jahren macht das die Pensionärin schon. Ihre monatliche Schöneicher Sightseeingtour für Einheimische und Gäste gehört inzwischen zum Gemeindeleben so selbstverständlich dazu wie Ratssitzung, Feuerwehrfest und das Plätschern des Fredersdorfer Mühlen-fließes. Aus einer ursprünglich einmaligen Fahrt Mitte der Neunziger Jahre, bei der sich eine Gruppe alteingesessener Schöneicher Einwohner über die ersten sichtbaren Umbrüche im Dorf nach dem Mauerfall informieren wollte, ist eine gefragte Entdeckungsreise in die märkische Geschichte und Gegenwart geworden. „Nach unserer ersten Ausfahrt gab es immer wieder Anfragen“, sagt die 78-jährige Dagmar Nawroth. „Und so haben wir das dann halt mit den Ortschronisten und der Gemeinde richtig aufgezogen.“

Zwei Dörfer, mehrere Siedlungskolonien und ein 45 Meter hoher Berg

Es braucht schon einen Bus und eine wohl durchdachte Routenplanung, um all die versteckten Reize der weit verzweigten Gemeinde zu erkunden. „Schöneiche – das sind heute zwei Dörfer, mehrere Siedlungskolonien und ein 45 Meter hoher Berg, die auf 17 Quadratkilometer Fläche von 100 Kilometer Straßen zusammengehalten werden“, sagt Dagmar Nawroth.

Sie ist bestens ausgerüstet mit dicht beschriebenen Karteikärtchen, mit Ortsplänen von gestern und heute, mit historischen Schriftstücken und Fotos. Meist hat sie als Fahrer einen Vertreter aus dem Ortschronistenteam zur Seite, der zusätzlich Rede und Antwort stehen kann. Und sie schafft es auch, ab und an den Bürgermeister ans Steuer zu holen.

Die ehrenamtliche Ortsführerin erklärt mit dem Blick auf Schloss- und Dorfkirche, auf Heimathaus und Kornspeicher, dass die Anfänge der heutigen Gemeinde in den beiden alten märkischen Dörfern Schoneycke und Schonebeke zu finden seien. Sie erzählt von Schlossherren und Bauern, von Müllern, schlauen Landbesitzern und Kolonisten.

„Kleine Spreewaldpark“

Als der Kleinbus über das Kopfsteinpflaster im Ortsteil Fichtenau rollt, einer idyllischen Gründerzeit-Kolonie mit gepflegten Vorgärten und verspielten Villen-Fassaden, zitiert sie aus einer Immobilienannonce von 1909: „Anerkannt feinste Villenkolonie im Osten Berlins, hervorragend geeignet zur Ansiedlung gebildeter, gut situierter Stände, Preise zehnmal billiger als im Westen...“ Das Publikum schmunzelt. Und es staunt nicht schlecht, als der ebenfalls in dieser Zeit entstandene „Kleine Spreewaldpark“ angesteuert wird: Eine Naturoase mit von Menschenhand angelegten Fließen, durch die wieder originale Spreewaldkähne gestakt werden. „Aber für eine Kahnpartie haben wir jetzt keine Zeit“, sagt Dagmar Nawroth, „ihr sollt ja schließlich noch mal wieder kommen.“

Für die Lokalpatriotin Nawroth ist es natürlich ein Muss, auch das Nachwende-Schöneiche zu zeigen. Da ist die Öko-Siedlung Landhof, wo gut ein Dutzend Familien in Häusern aus Holz und Lehm ihre Träume leben. Da ist das Kloster Wat Sangathan, in dem buddhistische Mönche stille Einkehr halten oder der von den Kreativen des Ortes gestaltete Edeka-Markt mit seiner kunstvollen Inneneinrichtung. Da gibt es auch das moderne Rathaus, die neuen Siedlungen im ehemaligen „Höhenluftkurort“ Hohenberge und die modernisierte Schöneicher Straßenbahn, die seit über 100 Jahren ein Stück vom Hauptstadtleben ins Gemeindegebiet pumpt.

Oase für Pendler

„Schöneiche lebt in einem ständigen Austausch mit Berlin“, sagt Dagmar Nawroth. „Wir haben heute rund 12 600 Einwohner, mehr als 4 000 pendeln zur Arbeit nach Berlin.“ Auch sie war als Synchron-Regisseurin jahrzehntelang unterwegs von hier zu ihrem Arbeitsplatz in den DEFA-Studios von Adlershof.

Die Tour von Dagmar Nawroth verändert sich ständig, so wie sich der Ort verändert. „Die alten Schöneicher informieren sich darüber, was sich verändert hat“, sagt Dagmar Nawroth. Die Neu-Schöneicher verschafften sich mit der Rundfahrt einen Überblick über ihre Wahlheimat. „Und für die Berliner ist es spannend zu sehen, dass es jenseits ihrer Stadtgrenze keineswegs nur leblose Schlafsiedlungen gibt.“