Schon mal im muffigen Stuttgart gewesen? Warum mich das Berlin-Bashing nervt

Die Hauptstadt zu kritisieren, ist in Mode gekommen. Dabei ist sie immer noch die angenehmste Metropole Deutschlands. Warum das Berlin-Bashing nervt.

Der Stuttgarter Schlossplatz. Hübsch, aber mehr muss man auch wirklich nicht gesehen haben von der schwäbischen Metropole.
Der Stuttgarter Schlossplatz. Hübsch, aber mehr muss man auch wirklich nicht gesehen haben von der schwäbischen Metropole.imago images

Vor kurzem schrieb eine geschätzte Kollegin einen Text darüber, dass sie unglücklich in Berlin sei und wirklich froh, nicht mehr hier leben zu müssen. Ein schöner Text, darin viel Wahrheit und Klarsicht. Innerlich jedoch rollte ich mit den Augen, hatte ich doch kurz zuvor schon zwei andere, recht lange Artikel darüber gelesen, warum Berlin so furchtbar sei.

Provinziell zum einen sei diese Stadt, größenwahnsinnig zum anderen, dabei gleichzeitig piefig. Preußens Erbe eben, voller Spießer und Beamter. Die deutsche Hauptstadt sei ein bürokratisches Monster, in der trotz aller Bürokratie wenig funktioniere. Von der Zukunft (Digitalisierung, Verkehrswende etc.), auf die in Berlin immer noch bräsig gewartet werde, wolle man gar nicht reden.

Und dann diese Kriminalität, neuerdings wieder das Theater in den Freibädern, der Ärger in den öffentlichen  Parks, wo marodierende Jugendliche die Nacht zum Tatort machten. Was bekommt Berlin überhaupt hin? Also, außer zu feiern und das sauerverdiente Geld der Republik zu verschleudern? Wie schön und aufgeräumt, wie ruhig und geordnet sei es doch im Gegensatz dazu in Hildesheim, Tübingen, Frankfurt, Hamburg, München eigentlich überall da, wo nicht Berlin ist!

Was macht eigentlich Stuttgart 21?

Ganz ehrlich? Ich kann es nicht mehr hören! Das alles stimmt, Berlin nervt oft. Viele Menschen benehmen sich hier wie eine offene Hose, die Stadt scheint dazu einzuladen. Warum, weiß ich nicht. Aber waren Sie schon mal in Stuttgart? Diesem muffigen Kessel, der seine besten Jahre hinter sich hat und wo man eben auch nicht alles so perfekt hinbekommt, wie es ich die schwäbische Hausfrau erträumt.

Die Königstraße, Stuttgarts Haupteinkaufsstraße, ist in Bahnhofsnähe eine angeranzte Meile mit Handyshops und Klamottendiscountern, weiter oben dann ganz hübsch und von der Pracht vergangener Tage zeugend. Das war es dann aber auch schon in Stuagart, wie die Einheimischen es sympathisch vernuscheln. Apropos Bahnhof. Was macht eigentlich das größenwahnsinnige Projekt Stuttgart 21? Das sollte ja ursprünglich 2019 fertiggestellt werden. Der letzte Termin, von dem ich las, lautete 2027. Es läuft nicht alles glatt in Stuggi. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin dort geboren und aufgewachsen, bevor ich ins Ruhrgebiet zog. Wo bekanntlich noch viel weniger funktioniert.

Aber auch weiter südlich ist es keineswegs paradiesisch. Waren Sie mal in München? Minga, wie die Einheimischen ihre Stadt liebevoll verhutzelt nennen und was dieser Metropole in keiner Weise gerecht wird. Hach, die Lebensqualität, hört man immer, wenn die Rede auf die bayerische Landeshauptstadt kommt. Die Lebensqualität ist sicherlich toll, wenn man über mindestens 5000 Euro netto verfügt.

Alle anderen krepeln sich so durch in einer Stadt, in der sich die Angestellten oft keine Wohnung leisten können und von der immer geschwärmt wird, die Berge seien doch so nah. Ja, und? Wenn eine Stadt so grausig ist, dass ich ständig in die Berge flüchten will, dann würde ich mir überlegen, sie ganz zu verlassen und an einen anderen Ort zu ziehen.

Eine Innenstadt, so belebt wie ein Friedhof

Aber - Sie ahnen es - keinesfalls nach Frankfurt am Main. Aus Frankfurt sollte man nur wegziehen. Eine Stadt, die im Kern nachts so belebt ist wie ein Friedhof und so charmant wie ein Faustschlag, braucht kein Mensch. In Frankfurt gibt es genau ein einziges schönes Viertel, der Rest ist hässlich, die lokalen Spezialitäten eher bedenklich. Auch in FFM wird das Umland immer gepriesen wie dieser säuerliche Äppelwoi und zwar aus einem Grund: Alle wollen weg aus Frankfurt, zuallererst jeden Menschen, die dort leben. Vollkommen zu recht.

Ich kenne all die Probleme, die man Berlin unterstellt und sie stimmen. Aber über wem einmal der bleigraue Sonntagnachmittag in Stuttgart zusammengebrochen ist, der weiß, warum ich in Berlin lebe. In anderen Städten gibt es auch Kriminalität, hässliche Häuser und soziale Probleme, in Berlin ist das alles oft potenziert, aber deswegen möchte ich trotzdem nicht nach Minga oder Stuggi. In den genannten Städten haben ich nie das Gefühl, an einem freien Ort zu sein, das habe ich nur in Berlin. Und das ist unschlagbar.