Mittwochfrüh markiert: Der neue temporäre Radweg in der Frankfurter Allee.
Foto: Berliner Zeitung/ Andreas Klug

BerlinWährend Kraftfahrer aufgebracht hupten, verteilten Fahrradaktivisten Blumen an die Bauleute. Auf der Frankfurter Allee in Friedrichshain ist am Mittwochmorgen damit begonnen worden, mit gelbem Klebeband und Piktogrammen einen temporären Radfahrstreifen zu markieren. Einer der drei Fahrstreifen stadteinwärts ist nun auf rund 400 Meter Länge für Radfahrer reserviert. Zwischen der Voigt- und der Proskauer Straße müssen sich Radler nicht mehr auf dem schmalen Bürgersteig-Radweg drängen.

„Sie sehen, wie gefährlich es auf dem Bürgersteig für die Fußgänger ist. Während wir hier stehen, habe ich bereits vier Beinaheunfälle gesehen“, sagt Monika Herrmann. Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg ist mit einem Elektrorad zum Termin auf der Frankfurter Allee gefahren.

Immer wieder geraten Passanten, die aus dem U-Bahnhof Samariterstraße kommen, Radfahrern in die Quere, so die Grünen-Politikerin. „Wir erhalten viele Beschwerden von Fußgängern, die angepöbelt wurden“, berichtet Olaf Rabe, Fachbereichsleiter im Straßen- und Grünflächenamt. Auch zwischen den Radfahrern gebe es Streit - der Radwege ist ziemlich schmal.

Anordnung gilt nur bis Ende Mai

Auf neun Straßen im Bezirk haben Amtsleiter Felix Weisbrich, Olaf Rabe und ihre Leute bereits die Gunst der Stunde genutzt, temporäre Radfahrstreifen einzurichten. Gesamtkosten bislang: 102.000 Euro. Sie werden Pop-up-Radwege genant, weil sie innerhalb kurzer Zeit realisiert werden – also rasch „aufpoppen“.

Während der Corona-Krise gelte es, mehr Platz für Radfahrer zu schaffen, damit die Einhaltung der neuen Abstandsregeln einfacher wird, lautet das Hauptargument. Dort, wo seit Jahren Radfahrstreifen geplant sind, werden mit Baustelleneinrichtungen innerhalb kurzer Zeit Provisorien geschaffen, die mit durchschnittlich 9500 Euro pro Kilometer verhältnismäßig preiswert sind. „Wir wollen zeigen, dass viele Dinge in Berlin auch schneller gehen können“, sagt Monika Herrmann.

Nach Magistralen wie der Petersburger Straße oder dem Kottbusser Damm ist nun ein Teil der Bundesstraße B1/B5 an der Reihe. Eigentlich gilt die Anordnung für den temporären Radweg auf der Frankfurter Allee nur bis Ende Mai 2020, sagt Olaf Rabe – also noch wenige Tage. „Doch wir bemühen uns, auch diesen Radfahrstreifen schnell zu verstetigen“, also zu einer dauerhaften Anlage auszubauen. Gelbe Markierungen sollen möglichst bald  durch weiße ersetzt, mobile Warnbaken durch fest installierte Trennelemente ersetzt werden, so der Fachbereichsleiter.

Der Radfahrstreifen, der seit knapp vier Jahren auf der anderen Seite der Frankfurter Allee geplant ist, soll von Anfang an dauerhaft angelegt werden. Der Bau soll in den nächsten ein bis zwei Wochen starten. Spätestens zwei Monate danach wird es auch auf der Fahrbahn stadtauswärts mehr Platz für Radler geben, kündigt der bezirkliche Straßenbau-Chef an.

Dass temporäre Radwege in jedem Fall zu dauerhaften Verkehrsanlagen werden sollen, sieht der ADAC Berlin-Brandenburg kritisch. „Auch wir sind dafür, dem Radverkehr in Berlin mehr Raum zu geben“, sagte Sprecherin Sandra Hass. „Das muss unserer Ansicht nach aber nicht mit solch gravierenden Einschränkungen für den Autoverkehr einhergehen.“

Der Verband forderte den Senat ausdrücklich auf, das Pilotprojekt temporäre Radwege auch als ein solches zu behandeln. „Das heißt konkret: Wir wünschen uns eine fachliche und sachliche Auswertung, bei der einerseits die Auslastung der Radwege, andererseits auch die Entwicklung des Pkw-Verkehrs an den betroffenen Stellen in den Blick genommen werden“, verlangt die Sprecherin.

Bei Ortsterminen sei festgestellt worden, dass temporäre Radwege zum Teil schwach genutzt wurden. „Dafür gibt es Rückstau des Pkw-Verkehrs, insbesondere zu den Stoßzeiten“, sagt Hass. Die Autolobby forderte vom Senat ein Bekenntnis, die Radwege wenn nötig wieder zurückzubauen und Alternativen für den Radverkehr zu prüfen.

Doch in Friedrichshain-Kreuzberg wird es dazu nicht kommen, bekräftigte Rabe. „Bei uns ist geplant, alle temporären Radwege zu verstetigen“, entgegnet er. Sie entstehen dort, wo ohnehin Radverkehrsanlagen geplant sind. „Das Bezirksamt setzt um, was vor Monaten und Jahren beschlossen worden ist“, so Herrmann.

Lage auf der Kantstraße hat sich verbessert

Als Nächstes sollen die geschützten Radfahrstreifen auf der Holzmarktstraße in Richtung Ostbahnhof verlängert werden: über die Lichtenberger Straße hinweg bis zur Schillingbrücke. Auch an der Westseite der Möckernstraße wird es einen Poller-Radweg geben – was dort bei Anwohnern zu heftiger Kritik führt, weil knapp hundert Parkplätze wegfallen. Für die bisherigen temporären Radwege im Bezirk wurden insgesamt rund 600 Stellplätze beseitigt.

Auf der Frankfurter Allee wird es 20 Parkplätze künftig nicht mehr geben. Hintergrund ist, dass der Lieferverkehr Platz braucht. „Wir wollen in den Parktaschen Ladezonen einrichten“, sagte Rabe. Dass das nötig ist, zeigte sich bereits am Mittwochmorgen: Wenn ein Lastwagen auf der Fahrbahn hält, stockt der übrige Verkehr. Für ihn bleibt dann nur noch ein Fahrstreifen übrig.

Ebenfalls am Mittwoch zog die Senatsverkehrsverwaltung eine Bilanz der temporären Radwege in ganz Berlin. „11.270 Meter sind umgesetzt, 10.800 Meter sind in Arbeit“, sagt Jan Thomsen, Sprecher von Senatorin Regine Günther (Grüne). Dazu zählen die Danziger und die Kantstraße. Insgesamt wird es bald mehr als 22 Kilometer temporäre Radwege geben. „Andere sind in Vorbereitung. Wir nennen neue Strecken aber immer erst, wenn die Anordnungen vorliegen.“

In einigen Bezirken seien die Abläufe teils langwierig, teils seien die Örtlichkeiten komplizierter, zum Beispiel auf der Kantstraße oder der Müllerstraße. „Dennoch zeigt das Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg recht überzeugend, was eine konstruktive Zusammenarbeit von Senatsverwaltung und gut aufgestelltem Bezirk bewirken kann“, lobt der Verwaltungssprecher. „Dahin musste man allerdings auch erst mal auf der Verwaltungsebene kommen: durch Restrukturierungen, Personalpolitik und klare politische Richtungsentscheidungen.“

Die provisorischen Radfahrstreifen auf der Kantstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich auf rund 7,2 Kilometer summieren, gelten als Problemfall. Dort wurde zwar Platz für Radfahrer markiert, doch er wurde bislang größtenteils von Autos genutzt – zum Parken. „In Sachen Kantstraße sind wir im Kontakt mit dem Bezirk, um die bislang unzureichende Umsetzung unserer Anordnung korrigieren zu lassen und die korrekte Umsetzung schnellstmöglich zu finalisieren“, erklärt Jan Thomsen.

„Inzwischen hat es der temporäre Radweg auf der Kantstraße in Satire-Magazine geschafft“, sagt Henning Voget, Mitglied im Landesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs und im „FahrRat“ des Bezirks aktiv, ebenfalls am Mittwoch. Laut Bezirk habe die feuchte Witterung in den vergangenen Tagen zusätzliche Fahrbahnmarkierungen bisher verhindert, berichtet er.

Ein Diskussionsthema war zudem, ob die Ausschilderung ausreicht, um parkende Autos kontrollieren zu dürfen. Jüngsten Informationen zufolge habe man sich nun bezirksintern mit dem Ordnungsamt geeinigt. Inzwischen werde offenbar kontrolliert. Voget: „Es sieht jetzt besser aus auf der Kantstraße.“