Berlin - Es ist eine Überraschung – und zugleich wieder nicht. Der Berliner Virologe Christian Drosten ist am Donnerstagabend mit dem Berliner Wissenschaftspreis 2020 ausgezeichnet worden, der seit 2008 jährlich durch den Regierenden Bürgermeister verliehen wird. Die Ehrung fand in der Open-Air-Ausstellung „Wissensstadt Berlin 2021“ vor dem Roten Rathaus statt.

Nicht überraschend ist die Wahl an sich. Wenn man den herausragendsten Berliner Wissenschaftler des Jahres 2020 finden soll, kommt man an Drosten nicht vorbei. Denn es geschieht historisch äußerst selten, dass ein Großereignis – in diesem Fall eine Pandemie – einen einzelnen Forscher so weit heraushebt, dass er zur Symbolfigur wird und zugleich die Gesellschaft polarisiert. Die Extreme reichen vom sympathischen, knuddeligen Kult-Räuchermännchen, das es von Drosten gibt (mit weißem Kittel und mit qualmendem Kopf), bis zu den Vorwürfen, er sei ein „Staatsvirologe“ und Mit-Organisator einer „Fake-Pandemie“.

Polarisierung der Gesellschaft

Die gesellschaftliche Polarisierung hat wohl ihren Teil dazu beigetragen, dass Christian Drosten seit etwa einem Jahr mit Ehrungen nahezu überhäuft wird. Mit jeder Ehrung sollte ganz klar auch ein Zeichen gesetzt werden – gegen die sogenannten Corona-Querdenker. Zu den Ehrungen zählen die Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das Bundesverdienstkreuz und der Grimme Online Award für Drostens NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“.

Überraschend ist dabei, dass der Berliner Wissenschaftspreis ganz am Schluss kommt, sozusagen verspätet. Man möchte fast rufen: „Nicht schon wieder Drosten!“ – denn bereits bei Ehrungen zuvor hatten Kritiker gewarnt: Die Konzentration auf immer dieselben Leute tue der Wissenschaft nicht gut. Sie verstärke Vorurteile und Polarisierungen.

Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, mit dem Preis auch andere Forscher zu ehren, die zurzeit ebenfalls Entscheidendes leisten. Etwa die Charité-Professorin Carmen Scheibenbogen, die mit ihrer Immundefekt-Ambulanz und ihren Forschungen nahezu allein auf sich gestellt unter anderem gegen langfristige Folgen von Corona („Post-Covid-Fatigue“) kämpft. Viele Leute sind davon betroffen, vor allem jüngere. Eine Förderung ist längst überfällig.

Nachwuchspreis für Krebsforscher

Die Preisträger für den Berliner Wissenschaftspreis und den Nachwuchspreis seien bereits im September 2020 ausgewählt worden, teilt die Wissenschaftsverwaltung mit. Doch man habe die Preisverleihung im November pandemiebedingt verschieben müssen, um sie „nun im Rahmen der Ausstellung zur Wissensstadt Berlin 2021“ nachzuholen.

Den Nachwuchspreis 2020 erhält übrigens der Krebsforscher Anton Henssen, der mit seiner Arbeit maßgeblich dazu beigetragen habe, „neue Mechanismen der Entstehung von Tumoren im Kindesalter zu verstehen“. Für den Hauptpreis gibt es 40.000 Euro, die an das Institut für Virologie an der Charité gehen. Das Geld für den Nachwuchspreis (10.000 Euro) geht an Anton Henssen selbst.

dpa/Hendrik Schmidt
Lauter Räuchermännchen, die dem Virologen Christian Drosten ähneln. Entwickelt wurden sie im erzgebirgischen Seiffen.

Das elfköpfige Auswahlgremium unter Vorsitz des Berliner Wissenschaftsstaatssekretärs Steffen Krach begründet die Ehrung Drostens mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen und seinem einzigartigen Beitrag für die „Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft hinein“. Seine Arbeit stelle „einen der größten Beiträge einer Einzelperson zur Eindämmung von Pandemien dar“, heißt es.

Es war im Januar 2020 – und Drosten erst Eingeweihten bekannt –, als die Berliner Zeitung eines der ersten Interviews mit ihm veröffentlichte. Kurz zuvor hatte Drostens Team in Berlin einen Test auf das neue Coronavirus entwickelt, das in China eine „rätselhafte Lungenkrankheit“ auslöste. Zwar entwickelten auch Virologen in den USA und China ähnliche Tests. Diese konnten aber noch nicht außerhalb von Speziallaboren angewandt werden kann. „Bei unserem Test ist das anders“, sagte Drosten damals. „Die meisten Länder statten sich jetzt mit unserem Test aus. Wir haben schon über 120 Nachfragen.“

„Die frühe Verfügbarkeit von Tests für Covid-19 hat Deutschland bei der Unterbrechung der ersten Pandemiewelle einzigartig erfolgreich gemacht“, schreiben die Juroren. Laut Wissenschaftsjournal Science zählt Drosten – 1972 in Lingen im Emsland geboren – zu den „weltweit führenden Experten im Hinblick auf Coronaviren“. Dies hebt ihn bis heute von vielen anderen Virologen und Wissenschaftlern ab, die über Corona reden, ohne wirklich daran zu forschen. 2003 hatte Drosten das Sars-Virus mitentdeckt, ab 2012 dann am neu aufgetretenen Mers-Virus geforscht und dafür die Standardtests entwickelt. 2017 war es gelungen, Drosten nach Berlin zu holen, als Chef-Virologen der Charité. 

Die Macht der sozialen Medien

Im Laufe der Covid-19-Pandemie hat Drosten erfahren, in welche Widersprüche und Kämpfe ein Forscher geraten kann. Das Wort Shitstorm wird ihn bis dahin nicht interessiert haben. Jetzt erlebte er die Macht der sozialen Medien am eigenen Leibe. Sehr vieles wurde auf ihn projiziert. Wer allerdings regelmäßig seinen NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ verfolgt, der begegnet vor allem einem suchenden und auch irrenden Forscher, der sehr in die Tiefe geht und zugleich laut denkt.

„Ich bin kein Politiker, sondern Wissenschaftler“, sagte Drosten bereits im März 2020 im Interview mit der Zeit. „Ich habe immer angemahnt, dass auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen gehört werden müssen.“ Bestimmte Corona-Entscheidungen lägen „außerhalb des Kompetenzbereichs eines epidemiologisch gebildeten Virologen“. Dennoch scheint es so, als gebe es nur einen „Mister Corona“ unter all den Wissenschaftlern dieses Landes. Wozu auch die vielen Ehrungen beitragen.