Berlin - Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit müssen Pankower Künstler ihre Kartons und Koffer packen. Wie schon im vergangenen Jahr zur selben Zeit läuft zum Ende des Jahres ein Zwischenmietvertrag – diesmal im Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade – aus. „Wenn kein politisches Wunder geschieht, müssen die KunstEtagen Pankow bis Ende des Monats ihre Ateliers endgültig räumen“, sagt Christian Badel, einer der Kunst-Nomaden.

Foto: Volkmar Otto
Am Ende des Jahres stehen die Künstler auf der Straße. Christian Badel hat seine Kisten bereits gepackt. 

In den langen Gängen des ehemaligen DDR-Bürohauses an der Prenzlauer Promenade verbirgt sich hinter den braunen Papptüren jeweils ein kleines Kunstuniversum. Bei Christian Badel sieht es schon ziemlich übersichtlich aus. Der Illustrator hat seine mehr als sieben Sachen bereits gepackt. Marie-Ulrike Callenius hingegen ist noch bei der Arbeit, als die Elektriker bei ihr anklopfen. Die Räume werden nach und nach saniert, die Bauarbeiten haben längst begonnen.

Foto:  Volkmar Otto 
Marie-Ulrike Callenius hat noch Aufträge zu erledigen. Sie steckt mitten im Umzugsstress und soll trotzdem kreativ sein. 

Ein Atelierhaus mit Räumen für Literatur, Musik und Tanz soll der lange Riegel bleiben – ein Traum eigentlich angesichts der Raumnot, mit der Künstler überall in Berlin konfrontiert sind. Doch ausgerechnet für die, die im vergangenen Jahr aus ihrem Haus in der Pestalozzistraße ausziehen mussten, weil es saniert wird, ist hier nun kein Platz mehr.

Das lang gestreckte Atelierhaus mit den blauen Aluverkleidungen wurde in der 80er-Jahren als Diplomatenhotel gebaut. Weil Straßen- und Fluglärm zu sehr störten, zog eine Außenstelle der Akademie der Wissenschaften mit Büros ein. Anfang der 90er-Jahre gingen die Wissenschaftler, die leer stehende Immobilie fiel an den Liegenschaftsfonds. Dieser vermietet die Räume an Künstlerinnen und Künstler zur Zwischennutzung. Nach und nach werden nun die Räume mit DDR-Charme behutsam saniert. Und zwar so günstig, dass sich Künstler die Miete auch nach der Sanierung noch leisten können. Der berufverband bildender künstler*innen berlin (bbk berlin) hat bereits alle Ateliers vergeben.

Foto: Volkmar Otto
Thomas Weidner im einzigen noch funktionierenden DDR-Aufzug. 

Ein Jahr lang seien sie mehr damit beschäftigt gewesen, sich nach neuen Räumen umzusehen, als ihre Arbeit zu machen, sagen die Pankower Künstler. An der Prenzlauer Promenade seien sie mittlerweile gut angekommen und vernetzt. Doch im Vergabekonzept des bbk berlin sind Künstlergruppen schlicht nicht vorgesehen. „Es kann sein, dass einer von uns den Zuschlag erhält, der andere nicht. Wir wollen aber zusammenarbeiten und uns gegen Vereinzelung starkmachen“, sagt der Maler Thomas Weidner.

Foto: Volkmar Otto
So viel Patz ist in den ehemaligen Büros in den Gängen. Und doch ist es nicht genug.  Auch Uschi Krempel würde gern hier bleiben.      

„Wir haben in diesem letzten Jahr verhandelt und waren optimistisch, dass sich für uns eine Lösung findet.“ Doch bis auf eine Gnadenfrist von ein, zwei Wochen, während der sie Material und Kunstwerke unterstellen können, ist bei den Verhandlungen nichts herausgekommen. Die Künstler haben nun – mitten im Corona-Lockdown – keine Arbeitsplätze mehr und auch keine Möglichkeit, sich einem Publikum zu präsentieren.

Foto:  Thilo Krämer/privat 
Bei der letzten Werkschau der KunstEtagen Pankow  – KEP – am Wochenende machten die Künstler auf ihre Lage aufmerksam. 

„Wir stehen zwischen Müllkippe, dem eigenen Wohnzimmer und der Anmietung von Kellern, damit wir unsere Sachen unterstellen können“, sagt Marie-Ulrike Callenius. Sie seien verzweifelt. Und frustriert darüber, dass die inhaltliche und künstlerische Arbeit durch die Suche nach einem Unterschlupf für Pinsel und Leinwände viel zu kurz komme.

Trotz einstimmiger Bekundungen aus der  Bezirkspolitik, dass das Kollektiv in Pankow bleiben soll, ist bisher keine Lösung in Sicht. Ein gutes Dutzend Künstler bräuchte einfache Räume von 15 bis 50 Quadratmetern Größe. In Pankow – und gern wieder in einem Plattenbau. Nur für länger diesmal. „Mit jedem Atelier, das schließt, verliert Berlin eine kreative Stimme“, sagt Christian Badel und hofft, dass sich auch diesmal in letzter Minute noch ein paar Türchen für ihn und seine Kollegen öffnen.