Berlin - Auf dem Mehringdamm staut sich schon wieder der Verkehr, hat Norbert Skrobek am Morgen in den Verkehrsnachrichten gehört. Wegen einer Baustelle ist die Straße nur einspurig befahrbar. Der Radiomoderator rät den Autofahrern, an dieser Stelle mehr Zeit einzuplanen.

Noch vor ein paar Wochen hätte sich Skrobek nach so einer Verkehrsmeldung mächtig beeilt, damit er trotz Stau mit seinem Auto pünktlich zum nächsten Kunden kommt. Sein Büro liegt am Mehringdamm in Kreuzberg. Seit einer Woche lächelt Skrobek gelassen, wenn er Staumeldungen hört. Es geht ihn nichts mehr an.

Ohne Benzin und Diesel

Norbert Skrobek ist 58 Jahre alt, als Schornsteinfegermeister leitet er den Kreuzberger Familienbetrieb mit vier Mitarbeitern am Mehringdamm. Er hat einen festen Kundenstamm in Kreuzberg, Wedding und Marzahn. Zum Fuhrpark gehören drei Autos und ein Motorroller.

Doch Skrobeks neueste Anschaffung kommt ohne Benzin und Diesel aus. Es ist ein Lastenfahrrad. Es steht auf dem Gehweg direkt vor der Tür: ein dänisches Modell, angefertigt nach Skrobeks Wünschen, mit einem großen Kasten für das Werkzeug und einem Elektroantrieb. 4500 Euro hat das Rad gekostet. Norbert Skrobek sagt, die Investition habe sich gelohnt. „Ich bin schneller, flexibler und fitter als mit dem Auto.“

Schneller, flexibler, fitter

Skrobek findet nur Vorteile, wenn er von seinem neuen Lastenrad erzählt. Er könne jetzt direkt vor der Haustür seiner Kunden parken. Er braucht keine Parktickets mehr, spart Benzinkosten, und – was bisher am nervigsten war – die Suche nach einem Parkplatz fällt weg.

„Als ich noch mit dem Auto unterwegs war, habe ich manchmal wieder dort geparkt, wo ich gerade losgefahren war.“ Mit seinem neuen Gefährt legt er an manchen Tagen 50 Kilometer zurück. Den Weg von Kreuzberg nach Wedding schafft er in 20 Minuten. „Ich fühle mich gesünder“, sagt Skrobek, der auch in der Schornsteinfeger-Innung arbeitet.

Das Projekt Velogut 

Dort hörte er auf einer Versammlung im Herbst 2017 erstmals von dem Projekt Velogut. Die Initiative hatte den Schornsteinfegern angeboten, ein Lastenrad kostenlos auszuprobieren. Norbert Skorbek nutzte die Gelegenheit.

Das Projekt Velogut gehört zu einem Förderprogramm des Bundesumweltministeriums, das Berliner Unternehmen Lastenräder leihweise zur Verfügung stellt. Denn während sich solche Spezialräder im privaten Gebrauch längst als beliebtes Transportmittel für Kinder und Großeinkäufe etabliert hat, reagieren Unternehmen oft noch zögerlich.

„Vielen fehlt die Erfahrung“, sagt Projektsprecher Stefan Ottjes. Es gehe aber nicht darum, Unternehmer zu überzeugen, komplett auf ihre Autos zu verzichten. Sie sollen Lastenräder vielmehr als „sinnvolle Ergänzung“ betrachten.

Ersatzfahrzeug im Autohaus

Bisher haben sich mehr als 150 Teilnehmer aus rund 100 Betrieben an dem Testangebot beteiligt. Manche Unternehmen erweiterten ihren Fuhrpark mit Lastenrädern. So fahren jetzt Pfleger im Tierpark damit umher, auch ein ambulanter Narkosearzt ist per Rad unterwegs, ebenso ein Tischler und ein Imker.

Auch die Charité, das Olympiastadion, die Verwalter der Alten Försterei in Köpenick und Festivalveranstalter nutzen diese Räder. Sogar der Inhaber eines Autohauses in Friedrichshain hat sich nach dem Test entschieden, seinen Kunden ein Lastenrad als Ersatzfahrzeug anzubieten, so lange das Auto in der Werkstatt repariert wird.

Berliner Polizei und die Lastenräder

Im Rahmen eines weiteren Förderprogramms des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) namens „Ich entlaste Städte“ testet jetzt auch die Fahrradstaffel der Berliner Polizei Lastenräder für ihre Einsätze. Einer DLR-Studie zufolge wird der Einsatz von Lastenrädern im Wirtschaftsverkehr noch unterschätzt. Bis zu 23 Prozent der geschätzten knapp vier Milliarden Fahrten in Deutschland könnten auf das Fahrrad verlagert werden.

Schornsteinfegermeister Skrobek hat sich nach der einmonatigen Testphase für ein Lastenrad entschieden. Er wollte nicht warten, bis der Senat entscheidet, ob er ein Unternehmen wie seinen Handwerksbetrieb finanziell beim Kauf unterstützt.

Mit Rollkoffer und Rucksack

Mehr als Zwei Drittel seiner Aufträge erledigt Norbert Skrobek jetzt mit dem Rad, den Rest mit dem Auto. Er begutachtet Feuerstätten, reinigt Schornsteine, Öfen und Kamine, erstellt Gutachten und Bescheide. Werkzeuge und Arbeitspapiere passen in einen Rollkoffer und einen Rucksack. Beides packt er in die Rad-Box.

Braucht er eine Leiter, schnallt er sie darauf. Das Kehrgerät mit Kugel und Kette trägt Skrobek traditionsgemäß über der Schulter, Rußkelle und Handfeger baumeln am Gürtel seiner schwarzen Kluft mit den goldenen Knöpfen. Er greift zum Zylinder und schließt das – selbstverständlich schwarze – Fahrrad ab.

Skrobek ist es gewohnt, dass ihm Passanten nachschauen. Nun gucken ihn auch Radfahrer an. Ein radelnder Schornsteinfeger ist eine Attraktion. Skrobek sagt, eigentlich sei es nichts Ungewöhnliches. „Früher sind alle Schornsteinfeger mit dem Rad gefahren.“ Er will jetzt noch ein zweites Lastenrad kaufen, aber ohne Elektroantrieb. Für die jungen Kollegen im Betrieb.