Der Ärger stand Theresa May ins Gesicht geschrieben, als sie am Montag  in der Downing Street vor die Kamera trat. Im Stil der Direktorin einer Provinzschule für höhere Töchter erteilte die konservative Premierministerin den schottischen Nationalisten eine Lektion: „Die schottische Regierung sollte für gute öffentliche Einrichtungen sorgen. Politik ist kein Spiel.“ Aufs Schönste bestätigte die Engländerin so ihre Hochnäsigkeit gegenüber der stolzen Nation, die seit 310 Jahren mit England und Wales im Vereinigten Königreich zusammenlebt.

Die Premierministerin spiegelt damit weite Teile des englischen Establishments wider. Tags darauf fbündelte die Zeitung, an der May zunehmend ihr Regierungshandeln ausrichtet, die anti-schottische Stimmung in der Schlagzeile: „Hände weg von unserem Brexit, Nicola“, schrieb Daily Mail, das bis zur Lügenhaftigkeit EU-feindliche Londoner Boulevardblatt. Gemeint war die Edinburgher Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon, die Mays harten EU-Austrittskurs nicht mittragen will. Stattdessen sollen die Schotten erneut über ihre Unabhängigkeit abstimmen und so ihre Mitgliedschaft im Brüsseler Club fortschreiben, wofür vergangenes Jahr 62 Prozent votierten.

56 Prozent der Nordiren wollen bleiben

Mit ihrem frechen Vorpreschen hat die Nationalistin nicht nur den EU-Feinden die Freude am Brexit-Austrittsgesetz verdorben, das am Montagabend die letzte parlamentarische Hürde nahm. Sturgeon zerrte auch ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, was May und deren Kabinett entweder verschweigen oder beschönigen: Die Brexit-Entscheidung wird nicht nur die Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik der sechstgrößten Industriemacht der Welt entscheidend verändern. Es  wächst auch das Risiko, dass der Brexit das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Nordirland und damit einen Stabilitätsanker der westlichen Welt zerstört.

In Nordirland votierten 56 Prozent der Wähler für den EU-Verbleib. Bei der jüngsten Regionalwahl  bestraften sie die Regierungspartei DUP, die im vergangenen Jahr als einzige wichtige Gruppierung für den Brexit eintrat. Schon sprechen Nationalisten in Belfast, aber erstmals auch ernstzunehmende Regierungsmitglieder in Dublin von einer Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Irlands.

Alles, was am schottischen Charackter gut ist

Während auf der grünen Insel noch nicht von möglichen Daten die Rede ist, hat Schottlands Ministerpräsidentin den Zeitkorridor für ihr Referendum bereits benannt: Es soll entweder im Herbst 2018 oder im Frühjahr 2019, also kurz vor oder kurz nach dem endgültigen EU-Austritt steigen. Mit dieser Vagheit lässt sich die als vorsichtig geltende Sturgeon ein Hintertürchen offen. Sollten die Torys doch noch die Regionen in die EU-Verhandlungen einbeziehen und nicht stur auf den totalen Bruch mit dem Kontinent zusteuern, könnte die Nationalistin das Votum noch abblasen.

Ohnehin gibt es mancherlei Gründe, an Sturgeons Aufrichtigkeit zu zweifeln. Ihre Partei ge hörte keineswegs immer zu den glühenden Verfechtern der europäischen Einigung. Einer von Sturgeons Vorgängern im Amt des Parteivorsitzenden, William Wolfe, begründete in den 1970er Jahren seine Ablehnung der damaligen EWG mit „allem, was am schottischen Charakter gut ist, seine Individualität, seine Liebe zur Heimat, seine Abneigung gegen Zentralisierung“.

Die schlimmste Verfassungskrise seit dem zweiten Weltkrieg

Erst später entdeckten die Nationalisten ihre Liebe zu Brüssel. Zwei wichtige Fragen sind freilich unbeantwortet: Wie wollen die Schotten den Einwänden jener EU-Mitglieder wie Spanien oder Belgien begegnen, die Angst vor eigenen Separatistenbewegungen haben? Und will das unabhängige Schottland wirklich dem Euro beitreten, wie es Neumitgliedern der EU bisher zwingend vorgeschrieben war?

Auch wegen dieser Fragen ging die erste Volksabstimmung verloren. Seither hat sich die Wirtschaftslage verschlechtert, ein unabhängiges Schottland müsste eine brutale Sparpolitik einschlagen, um aus den roten Zahlen zu kommen. Andere Faktoren haben sich zu Gunsten der SNP verändert. Die einst mächtige Labour-Party ist in Schottland ein Schatten ihrer selbst und wird landesweit unter ihrem linksradikalen Chef Jeremy Corbyn nicht ernst genommen. Auch die schottischen Torys stecken im 25-Prozent-Ghetto.  Gewiss geht die Sturgeon  ein  Risiko ein. Sie aber als „politische Spielerin“ zu denunzieren, wie May es tut,  ist die falsche Strategie. Die  Konservativen haben dem Land durch das  unverantwortliche Brexit-Referendum die schwerste Verfassungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg eingebrockt. Mit arroganter Ignoranz verschlimmern sie das Problem jeden Tag ein wenig mehr.