An ihrem letzten Arbeitstag stehen Griet und Wilfried Schramm in ihrem Laden und verstehen die Welt nicht mehr. Die Regale sind fast leer, ebenso die Obstkisten, der Kühlschrank und die Salatkörbe. Ein paar Mangos aus Ecuador sind noch übrig, drei Flaschen Olivenöl, Wein, Kartoffeln, Zwiebeln, Sellerieknollen und eine Packung Schoko-Dinkelwaffeln. Es ist kurz vor 14 Uhr, in einer Stunde macht der Laden zu, und eigentlich wollten Griet und Wilfried Schramm jetzt langsam ihre Sachen zusammenräumen, die Obstkisten reinholen, den Laden ausfegen.

Aber sie kommen nicht dazu. Immer wieder geht die Tür auf, reihen sich Leute in die Schlange ein, fast wie früher, wenn es Spargel gab oder frische Erdbeeren aus Werder. Alle wollen ihnen die Hand schütteln, alles Gute wünschen, sagen, was sie ihnen bedeutet haben, wie sie sie vermissen werden. Blumen werden überreicht, Essenseinladungen ausgesprochen, Tränen fließen.

Ein Foto zur Erinnerung

Der FAZ-Kritiker schenkt ein dickes Deutschland-Buch, der Literaturprofessor eine Pflanze, die seine Frau aus einem Kern gezogen hat, dessen Frucht Frau Schramm ihr einst verkauft hat. Ein Mann, der im Viertel aufgewachsen ist, sagt, jetzt habe er gar keinen Grund mehr, in seine alte Gegend zurückzukommen. Und alle fotografieren und füllen ihre Körbe mit den letzten Waren als wären es Andenken. Das letzte Kichererbsenmehl, die letzte Marmelade, die letzte Milch.

Ein Geschäft macht zu. So etwas passiert in Prenzlauer Berg fast jeden Tag, und oft bekommt man es erst mit, wenn ein „Zu-vermieten-Schild“ im Schaufenster hängt. Aber diesmal ist alles anders. Das hat damit zu tun, dass mit Schramms Laden mehr abhandenkommt als ein Ort zum Einkaufen.

Man bekam hier die gleichen Dinge wie im Supermarkt: Salat, Tomaten, Mangold, Mehl, Obst. Aber bei Schramms war der Salat frischer, der Mangold grüner, und wenn man Tomaten verlangte, warnte Frau Schramm, die aus dem Spreewald seien noch nicht so weit, und die aus Italien, „na ja“. Und wenn man sagte, aber Frau Schramm, Sie müssen doch Ihre Ware verkaufen, lächelte ihr Mann wissend, aber Frau Schramm blieb stur: „Kommen Sie lieber in zwei Tagen noch mal wieder.“

Viele im Viertel gingen zu Schramms, Mütter, Rentner, Künstler, Professoren, Anwälte. Die Schauspielerin Nina Hoss kaufte hier ihre Weihnachtsgans, der Skispringer Helmut Recknagel winkte, wenn er vorbeilief. Man traf Nachbarn, redete über Kinder, Eltern, Frauen, Männer. Schramms wussten, wer frisch verheiratet war oder sich gerade scheiden ließ, wer einen neuen Job hatte oder den alten verlor. Ihr Laden war wie eine Oase in einer Gegend, die sich in den letzten 25 Jahren so rasant verändert hat wie kaum eine andere im Land.

Aus der Arbeitersiedlung mit seinen heruntergekommenen Gründerzeithäusern ist ein gutbürgerlicher Stadtteil geworden. Die Fassaden sind bunt, die Immobilienpreise hoch, die Kinder klein, die Eltern nicht mehr jung. Geschäfte machen auf und wieder zu. Links neben Schramms haben in den letzten Jahren ein Fleischer, ein Reisebüro, eine Ölmühle, ein Trödler, noch ein Trödler und drei verschiedene Cafés ihr Glück versucht. Jetzt ist eine Frau vom Bodensee eingezogen, sie hat die Wände rot streichen lassen und verkauft vegane Feinkost.

Feinkostläden gibt es bereits einige im Bötzowviertel, auch Schmuck-, Schuh- und Hundeläden sind beliebt. Gerade hat Schmackofatz aufgemacht, ein Laden für artgerechtes, frisch zubereitetes Hundefutter. Viele dieser neuen Läden werden von Leuten geführt, die bereits eine Wohnung im Viertel haben, aber noch nach einer Aufgabe suchen, einem Sinn im Leben. Sie erfüllen sich mit dem Geschäft ihren Lebenstraum. Traumwohnung, Traumjob, Traumtänzer. Und mittendrin Schramms, Lebensmittelhändler in vierter Generation.

Es begann 1886, die Familie Schramm hatte damals kein eigenes Geschäft, sondern einen Stand auf dem Großmarkt am Alexanderplatz. Die Frauen verkauften, die Männer fuhren mit dem Pferdefuhrwerk zu den Bauern, um Waren zu beschaffen. Wenn sie in den Krieg mussten, übernahmen die Frauen. Wilfried Schramms Großmutter erzählte einmal die Geschichte, wie sie im Ersten Weltkrieg mit Pferd und Wagen zum Güterbahnhof nach Köpenick fuhr, auf dem Kopf einen Hut, in der Hand eine Zigarre, niemand sollte auf die Idee kommen, dass da eine Frau alleine unterwegs war. Auch die Söhne mussten mithelfen, Schramms Vater, später er selbst, zwischen Schule und Eisschnelllauftraining Obstkisten stapeln.

Wilfried Schramm war Leistungssportler, ein Talent, fast hätte er sich für die Olympischen Spiele in Sapporo qualifiziert. Aber das Geschäft war immer wichtiger als alles andere. 1953, da war er drei, wurde die Familie enteignet, flüchtete nach West-Berlin, kehrte ein Jahr später aber wieder zurück. Sein Vater hatte es nicht geschafft, im Westen Fuß zu fassen, und die DDR gab ihnen alles zurück: Wohnung, Lastzüge, den Marktstand. Ein paar Jahre hatten sie Ruhe, bis der Vater einen Vertrag unterschreiben und von nun an seine Waren vom Großhandel beziehen musste. 1972 wurden sie das zweite Mal enteignet.

Schramms hielten sich mit Tauschgeschäften über Wasser: H-Milch, die es nur in der Stadt gab, gegen Spargel oder Erdbeeren vom Land. 1976 erhielten sie die Genehmigung für ein eigenes Geschäft im Bötzowviertel. Eine schöne Zeit begann, die Händlerfamilie hatte nicht nur langjährige Erfahrung, sondern auch exzellente Beziehungen zu den Brandenburger Bauern, bald baten die Eltern ihren Sohn, der im VEB Lederkonto mit Kunstleder handelte, mitzumachen.

Wilfried Schramm zögerte. Weil er ja wusste, wie schwer die Arbeit war, sagt er. Ab 1985 machte auch seine Frau mit. Morgens fuhr der Vater mit dem Transporter nach Werder, Erdbeeren kaufen, mittags stellten sich die Kunden an, nachmittags wurde verkauft. Gleich vom Laster herunter, manchmal 1000 Kilo am Tag. Heute, sagt Wilfried Schramm, sind es maximal 25. Er redet immer noch in der Gegenwart.

Dann machte ein Lidl auf

Nach dem Mauerfall war ihr Laden von einem Tag auf den anderen leer. Es gab auf einmal alles und zu jeder Zeit, sogar Früchte, von denen sie noch nie gehört hatten. Im Februar 1990 fuhr Wilfried Schramm mit dem alten Gewerbeausweis seines Vaters auf den Großmarkt nach Moabit, „nur gucken“, wie er sagt, und konnte nicht fassen, wie frisch das Gemüse war, wie bunt das Obst. Am Tag nach der Währungsunion kam er wieder, um einzukaufen, aber er war zu spät dran, die Händler fegten schon die Halle aus.

Seit diesem Tag stand Wilfried Schramm nachts um eins auf, war um halb drei auf dem Markt, um vier im Geschäft und abends um acht wieder zu Hause. Sein Leben war härter als das eines Schichtarbeiters, seine Haare wurden grau, seine Augen müde. Erst mussten sie ihre Verkäuferin entlassen, später Schramms Eltern, die bei ihnen angestellt waren. Der Vater kam trotzdem immer wieder und prüfte, ob der Sohn den Blumenkohl korrekt beschnitt.

Manchmal schien es besser zu laufen, aber dann machte um die Ecke ein Lidl auf, überall wurde gebaut, Häuser standen leer, Kunden zogen weg. Andere Läden im Viertel hatten längst aufgegeben. Der Fischladen, die Drogerie, die Fleischer, der Haushaltswarenladen. Schramms hielten durch. Sie durfte morgens ein paar Stunden länger schlafen, er sich mittags auf das alte Sofa im Lager zwischen Drucker und Gemüsekisten zurückziehen. Wenn nicht gerade ein Handwerker kam, eine Lieferung, oder aus unerfindlichen Gründen der Laden auf einmal doch voll war.

Manchmal lag auch Frau Schramm hinten im Zimmer, weil sie krank war oder einfach erschöpft. Aber ein paar Tage später stand sie wieder hinter der Theke, verkaufte Tomaten und erkundigte sich in ihrer freundlich besorgten Art nach dem Befinden der Kunden. Die Familie Schramm hatte das Kaiserreich, zwei Weltkriege, die Inflation und den Sozialismus überstanden. Sie waren nicht so schnell unterzukriegen. Sie kämpften. Und meisterten auch noch die nächste Herausforderung: das Bio-Zeitalter.

Griet Schramm weiß noch genau, wie einmal eine Kundin in den Laden kam und sie fragte, warum sie denn Margarine verkaufe, ob sie nicht wisse, was da alles drin sei. Sie begann, Bücher über biologische Ernährung zu lesen, testete den kleinen Bio-Laden im Viertel und stellte schnell fest, dass die unbehandelten Produkte nicht nur besser schmeckten, sondern auch ihrem Sohn, der unter Allergien litt, halfen. Sie stellten ihr Sortiment um, kauften nur noch Bio-Milch und Bio-Tomaten, die Preise stiegen, und viele ihrer Ostkunden, die Bio für den größten Betrug der Menschheitsgeschichte hielten, gingen das nächste Mal lieber gleich zu Lidl.

„Es war ein Prozess“

Jeden Abend mussten Schramms kistenweise Salat wegwerfen, fanden aber nach ein paar Wochen das richtige Maß, den richtigen Weg. Eine Mischung aus regionalen Produkten und Bioware. Die Milch aus dem Spreewald, Erdbeeren und Äpfel aus Brandenburg, Tomaten aus dem Oderbruch und aus Italien, Bio-Apfelsinen aus Spanien, Bananen aus der Dominikanischen Republik und die Rindersalami vom Demeter-Hof, auf dem die Tiere nach anthroposophischen Regeln geschlachtet werden.

Wenn sie abends nach Hause kamen, gab es keine Currywurst mehr vom Kiosk an der Ecke, sondern gedünstetes Bio-Gemüse, frischen Salat oder Suppe, zubereitet aus den Waren, die sie in ihrem Laden verkauften. Um 21 Uhr stand das Essen auf dem Tisch, um 22 Uhr musste Herr Schramm ins Bett. Es war nur eine Stunde an einem langen, anstrengenden Tag, aber die genossen sie, die hatten sie für sich, fast so, als wären sie ihre eigenen Kunden.

„Das Essen“, sagt Griet Schramm, „war der Höhepunkt des Tages.“ „Alleine deswegen“, sagt ihr Mann, „haben wir so lange weitergemacht.“ Sie stehen hinter der Theke, die Haare grau, mit Schürzen um den Bauch. Sie ist 66, er 65, ein Alter, in dem andere sich längst zur Ruhe gesetzt haben. Ihnen fiel die Entscheidung nicht so leicht. Sie wissen auch nicht mehr, wer es zuerst ausgesprochen hat.

„Du“, sagt sie.

„Nee“, sagt er, „das haben wir zusammen überlegt, weil ja auch der Mietvertrag auslief.“

„Aber wir hätten noch verlängern können“, sagt sie.

„Es war ein Prozess“, sagt er.

Der Prozess hatte auch damit zu tun, dass aus dem kleinen Bio-Laden ein großer Supermarkt geworden war und bald darauf ein weiterer Bio-Discounter aufmachte. Ein paar Häuser weiter zog ein Ökobäcker ein, ausgerechnet der, bei dem Schramms ihr Brot bestellten. Und der Fleischer verkaufte im Sommer nicht nur Wurst, sondern auch Erdbeeren und Spargel, wofür sich Schramms revanchierten, indem sie Weihnachten Geflügel anboten. Griet Schramm rollt die Augen, wenn sie nur daran denkt.

Eine Gans zu wenig

Einmal verwechselte sie Enten und Gänse und musste die Kunden anrufen und bitten, zurückzukommen. Am Heiligen Abend. Im letzten Jahr kam eine Gans zu wenig, Herr Schramm kaufte in der Bio-Company Ersatz. Allerdings war der nicht so schwer wie bestellt, weswegen Schramms ihre eigenen Gänsekeulen weggaben. Und auf den Weihnachtsbraten verzichteten.

Vielleicht war ja die fehlende Gans der Auslöser, vielleicht auch der Laster, der in Herrn Schramms Lieferwagen fuhr, als er nachts auf dem Weg zum Großmarkt war. Irgendwann jedenfalls stand fest, im Dezember ist Schluss, und bei den Gesprächen im Laden ging es nun vor allem darum, wer nach Schramms einziehen wird. Das nächste Dilemma. Schramms wollten, dass jemand ihr Geschäft übernimmt. Sie gaben Anzeigen auf, Interessenten meldeten sich, aber sobald Herr Schramm seine Bilanzen erörterte, verabschiedeten sie sich. Zu viel Arbeit, zu wenig Geld.

Im April sagte ein Kunde, sie sollten aufhören, nach einem Nachfolger zu suchen, er übernehme den Laden und zahle einen kleinen Abstand. Schramms stimmten zu und legten die Flyer des Kunden neben die Kasse. Da lagen sie nun, während alles andere verschwand. Erst die Marmelade, dann der Reis, die Gewürze, der Wein. Am Ende waren nur noch die Flyer übrig. Ein Stiefel ist darauf zu sehen. Der neue Laden wird ein Schuhgeschäft sein.