Der Name sagt es schon: Das Berliner Zimmer gibt es nur hier. Zum Berliner Original wurde es aber nicht nur, weil es hier erfunden wurde, sondern weil es hier blieb. Keine andere Stadt der Welt wollte sich mit dieser Lösung für die Ecken eines Mietshauses anfreunden. Als schwer nutzbares, düsteres Durchgangszimmer wurde es geschmäht.

Der Eintrag im Brockhaus Konversations-Lexikon von 1892 klingt wie eine Warnung: Es handle sich um ein Zimmer, „welches ein Licht durch ein Fenster erhält, das an einer der Ecken des rechtwinkligen Raumes sich befindet“. Dort wird auch der Grund erwähnt, warum Berlin „von der Anordnung bisher nicht abgegangen“: Diese biete eine „bessere Ausnutzung der Grundfläche als die durch schmale Lichtschächte erhellten Vorzimmer, welche in Wien, Paris, Hamburg und anderen Städten“ zu finden sind.

Gelegentlich wird dem Baumeister Karl Friedrich Schinkel, der in Berlin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viel zu bestimmen hatte, auch diese Hervorbringung angelastet. Das stimmt aber nicht, auch wenn er ein paar Varianten davon gebaut hat. Es gab diese Ecklösung auch vorher schon. Ihr massenhafter Einsatz im Mietskasernenbau hatte andere Väter: den Berliner Polizeipräsidenten, seinen Bauassesor James Hobrecht und die Grundstücksspekulanten.

Die Baupolizeiordnung von 1853 gab faktisch den Bau von Vorder- und Hinterhaus im Rahmen großer Blöcke vor, ohne innere Wohnstraßen, stattdessen mit vielen Hinterhöfen und Seitenflügeln. Weil die Stadterweiterung überwiegend auf den Handtuchfeldern ehemaliger Bauern geschah, lag hinter einer schmalen Straßenfront jeweils ein Grundstück von enormer Tiefe, das zur dichten Bebauung mit vier, fünf Hinterhöfen einlud.  Allenthalben entstanden Ecken – das Biotop für Berliner Zimmer.

Spießer und 68er

Schmäh, Pragmatismus und Kreativität richten sich seither auf das Berliner Zimmer. Friedrich Engels, der 1893 den Arbeiterführer Wilhelm Liebknecht in der Kantstraße besucht hatte, schrieb in einem Brief: „Hier in Berlin hat man das ‚Berliner Zimmer‘ erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit. Nach vorn hinaus gehen das Eßzimmer (die gute Stube, die nur bei großen Anlässen benutzt wird) und der Salon (noch vornehmer und noch seltener benutzt, die Schlafzimmer nach dem Hof.“ Das Elend der Arbeiterviertel finde man überall, aber das Berliner Zimmer    warf Engels um, „diese in der ganzen anderen übrigen Welt unmögliche Herberge der Finsternis, der stickigen Luft, & des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philistertums. Dank schönstens!“

Hier ist von bürgerlichen Verhältnissen die Rede, doch je tiefer man ins Grundstück vordrang, auf den dritten, vierten Hinterhof, desto kleinteiliger  fiel die Aufteilung in viele, von vielen Menschen behauste Wohnungen aus. Dort wandelte sich  das Berliner Zimmer zum Raum für alles: eine Koch-Wohnstube mit Betten, tagsüber auch Werkstatt, in der die Kinder spielten.

Der Berliner Feuilletonist Walter  Kiaulehn nannte 1958 in seinem Buch „Berlin. Schicksal einer Weltstadt“ das Berliner Zimmer „ein besonderes Greuel“: „Eigentlich ein Korridor, der mit Hilfe eines Fensters zum Zimmer hochgeschwindelt wurde. Für einen Korridor war es zu breit, für ein Zimmer zu dunkel.“ Als dann in den 1880er-Jahren die bürgerliche Mode nach  düsteren, schwärzlichroten und dunkelgrünen Tapeten verlangte, sei der Raum  noch düsterer geworden. „Weil er ein Verlegenheitsraum war, machte man ihn meist zum Speisezimmer. Er war eine melancholische Höhle mit verschiebbarer Hängelampe.“