Schreiben Sie noch Karten und Briefe? Vielleicht ab und zu mal eine Geburtstagskarte oder, wenn es sein muss, eine Karte mit Beileidsbekundungen? So ging es mir auch. Doch im vergangenen Dezember packte mich die Lust, öfter mal eine Postkarte zu verschicken. Ich hatte Urlaub, beinahe einen ganzen Monat lang. Und beschloss, ein Experiment zu wagen.

Ich kaufte mir einen Adventskalender mit Postkarten, dazu Umschläge, Aufkleber, Briefmarken. Und dann schrieb ich – jeden Tag eine Karte. Das Ziel: Meine Weihnachtspost sollte an Freunde gehen, aber auch an Bekannte, von denen ich schon längere Zeit nichts gehört hatte. Ich zog es durch, schrieb an entfernte Verwandte, Freunde, sogar an meine Klassenlehrerin aus der Grundschule.

Es kamen ein paar Antworten zurück. Und die lösten etwas aus: ein Glücksgefühl! In Zeiten von E-Mails und WhatsApp-Nachrichten landeten plötzlich Karten in meinem Briefkasten. Wie schön das war! Das Feuer war entfacht. Ich liebte es, mich hinzusetzen, mir ein paar Minuten Zeit für einen Gruß zu nehmen, der einem anderen Menschen eine Freude macht. Und dann selbst liebe Post zu bekommen, nicht nur Rechnungen und Rabatt-Coupons von der Drogerie.

Aber: Wohin könnte ich Karten schicken? In meinem Bekanntenkreis wird wenig geschrieben. Ich entdeckte „Postcrossing“. Kennen Sie nicht? Hinter diesem Namen verbirgt sich ein weltweites Forum aus Postkarten-Fans. Es funktioniert so: Man registriert sich im Internet über die Website postcrossing.com, gibt dort seine Postadresse an. Dann bekommt man per Zufallsgenerator die Adresse eines wildfremden Menschen irgendwo auf der Welt, schickt diesem Menschen eine Karte.

Ist sie angekommen, kann der Empfänger sie registrieren – und in diesem Moment bekommt dann ein anderer wildfremder Mensch irgendwo auf der Welt die eigene Adresse zugelost. Ein faires Hobby: Nur wer Karten versendet, kann auch welche bekommen. Nun setze ich mich regelmäßig hin und schreibe – rund 40 Posten habe ich schon losgeschickt und genauso viele bekommen. Sie kommen aus den USA, aus Holland, Finnland, China, Portugal, Taiwan, Russland, Frankreich oder Belgien. Viele Karten sind kleine Kunstwerke. Jeder, der eine schickt, denkt sich etwas dabei.

Manche schreiben nur einen kurzen Gruß, andere werden persönlicher. Eine junge Frau aus Russland packte ihre Postkarte in einen Briefumschlag – und erklärte, dass sie lesbisch sei und das nicht offen schreiben könne. Eine Frau aus Frankreich schickte ein Rezept für bretonische Crêpes. Ein Mann aus Oregon in den USA schrieb mir, weil ich Rätsel mag, eine Botschaft in koreanischen Schriftzeichen, die ich übersetzen sollte – und eine Frau aus Chicago erzählte von ihrem ersten Besuch in Berlin, 1983, als die Mauer noch stand.

Es ist ein Hobby, das froh macht und entschleunigt. Ich habe jetzt ein Schreib-Körbchen mit Karten, Briefmarken, ich habe sogar meinen alten Füller wiederbelebt. Wenn ich mal etwas Ruhe brauche, setze ich mich hin und schreibe. Probieren Sie es doch auch mal.