Berlin - Dieses Datum haben die Organisatoren ganz bewusst gewählt: Am 4. November 1989 stieg der Schriftsteller Stefan Heym auf die Tribüne auf dem Alexanderplatz und sprach zu den etwa 700 000 Menschen vor ihm: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, Phrasengedresch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit.“ Der Schriftsteller Heym ist an diesem Tag einer von vielen Künstlern und Politikern, die zum versammelten Volk sprechen. Es herrscht Aufbruchstimmung. Und der Staat schaut zu.

Genau 25 Jahre später und etwa fünf Kilometer weiter östlich stehen am Dienstagmittag mehr als 200 meist ältere Menschen beieinander. Sie wollen dabei sein, wenn der Platz mit dem Springbrunnen an der vielbefahrenen Frankfurter Allee, Ecke Möllendorffstraße zum Stefan-Heym-Platz ernannt wird.

Die Linkspartei hatte vor einem Jahr den Vorschlag gemacht, alle Parteien im Bezirksparlament haben dem zugestimmt. Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) sagte am Dienstag, man habe dem Wunsch entsprochen, einen Menschen zu ehren mit einem „langen, aufrechten, spannenden und gebrochenem Lebensweg“. Geisel sagt, er sei auch dabei gewesen an diesem 4. November 1989 auf dem Alex.

„Und ich habe damals nicht die Assoziation der Wiedervereinigung gehabt, sondern davon, einen richtigen Sozialismus zu gestalten. Dafür war es dann zu spät.“ Anders Stefan Heym. Der sei bei seiner Haltung geblieben, sagt Geisel, „auch ohne die Mehrheit des Volkes hinter sich zu haben.“

„Lest seine Bücher!“

Stefan Heym, der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Chemnitz, war sein gesamtes Leben ein Unangepasster: ein Antifaschist und überzeugter Sozialist, der sich wegen seiner politischen Überzeugung in den USA beim antikommunistischen Senator MC Carthy angelegt hatte, aus Protest gegen den Koreakrieg alle militärischen Auszeichnungen zurückgab und in die DDR übersiedelte.

In den 50-Jahren schrieb Heym Kolumnen für die Berliner Zeitung und erhielt 1959 den Nationalpreis. Doch als er sich 1976 mit dem ausgebürgerten Wolf Biermann solidarisierte, schlossen ihn die Führenden aus dem Schriftstellerverband der DDR aus und druckten seine Bücher nicht mehr. Heym wurde kriminalisiert, die Stasi führte ihn unter dem Namen Diversant, im Westen sah man ihm als den Gegner der DDR. Doch Heym wollte nur ihr Kritiker sein.

Nach der Wende gehörte Heym zu den Initiatoren des Aufrufs „Für unser Land“ und zu den Mitbegründern des „Komitees für Gerechtigkeit“. 1994 zog Stefan Heym mit 81 Jahren für die PDS in den Bundestag ein und wurde zum Alterspräsident. Seiner Eröffnungsrede geriet zum Eklat. Die CDU/CSU-Fraktion verweigerte den Applaus. Ein Jahr später legt Heym sein Mandat nieder.

Er protestiert gegen die geplanten Diätenerhöhungen, einem, wie er sagt „parlamentarischen Beutezug“. Der Historiker Jürgen Hofmann von der Linken-Fraktion in Lichtenberg spricht am Dienstag von Heym als einer „Jahrhundertgestalt“.

Zu den Gästen, die zur Ernennung des Platzes gekommen sind, gehört auch Inge Heym, die Witwe des 2001 verstorbenen Schriftstellers. Sie sagt, Stefan Heym sei mit Ehrungen nicht verwöhnt worden, sie könne nicht glauben, dass ein Platz nun seinen Namen trägt. „Stefan hätte das als Scherz angesehen und lächelnd abgelehnt. Er hätte gesagt: Sie sollen meine Bücher lesen.“ Inge Heym liest ein Gedicht vor, dass Heym im Jahr 1933, mit 19 Jahren, geschrieben habe. Es geht um Fortgehen und Wiederkommen, um Worte und die Kraft der Sprache. „Lest seine Bücher!“, bittet Inge Heym.