Ich lebe mit einer kurzen Unterbrechung seit 33 Jahren in Prenzlauer Berg, 15 davon habe ich als freiberufliche Schriftstellerin am Rande des Volksparks Friedrichshain verbracht. Meine Wohnung war immer auch mein Arbeitsplatz, einschließlich Archiv und Bibliothek. Im Jahr 2000 war ich nicht freiwillig umgezogen, ich war wegen Sanierung umgesetzt worden, wie fast alle in der Gegend.

Wir sollten uns freuen über die neuen Bäder, die Balkone und die hellen Fassaden und das taten wir auch, schließlich hatten wir vor der Wende mit unserer Anwesenheit in Wohnungen ohne jeden Komfort dafür gesorgt, dass die maroden Häuser nicht zusammenfielen, verschimmelten oder abbrannten.

Bis vor ein paar Jahren noch Sanierungsgebiet

Das Viertel hatte bis vor ein paar Jahren den Status eines Sanierungsgebiets, damit sollte eine soziale Entmischung und die Verdrängung der geringverdienenden Alteingesessenen verhindert werden. Das ist nicht gelungen, im Gegenteil. Wir sind bis zur profitableren Vermarktung geduldet, mehr nicht. Denn die meisten Wohnungen bekamen mit der Sanierung Abgeschlossenheitsbescheinigungen, sie konnten zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Meine Vereinbarung über die „Endumsetzung“ hatte ich mit einer GmbH namens Pluton abgeschlossen. Ich fragte mich damals, ob es Zynismus oder Dummheit war, eine Immobilienfirma nach dem antiken Herrscher der Unterwelt zu benennen. Inzwischen ist die Frage beantwortet.

2010 erfuhr ich, dass 2002 meine Wohnung ohne mein Wissen an einen Einzeleigentümer verkauft worden war. Das war nicht korrekt, aber der Vorgang war verjährt. Bis dahin gehörte das Wort Eigenbedarf nicht zu meinem aktiven Wortschatz, obwohl es wider Erwarten in der Leipziger Duden-Ausgabe von 1979 mit dem Zusatz Mietrecht steht.

An der Kleidung gespart

Lange gab es nichts zu beklagen, ich arbeitete in meinem Wunschberuf, ich war auch nicht erfolglos mit dem, was ich tat, aber es reichte oft nicht bis zum Ende des Monats, meistens sparten mein Sohn und ich an Kleidung und Vorsorge, um die Miete pünktlich zu überweisen.

Die Kaltmiete hat sich zwischen 2000 und 2014 verdoppelt, die Zeilenhonorare und Vorschüsse aber stagnierten, wenn die Zeitungen überhaupt überlebten. Einige Jahre bin ich Tausende Kilometer mit dem Zug gefahren, um außerhalb Berlins mein Geld zu verdienen. Was zu der paradoxen Situation führte, dass mein Arbeitszimmer vom Finanzamt nicht als steuerlich absetzbar anerkannt wurde, weil ich zu viel unterwegs gewesen war.

„Ich sehe doch die Angst in Ihren Augen“

2015 trat das 80er-Jahre-Klischee eines Maklers mit Goldkettchen und zu viel Rasierwasser in mein Leben und eröffnete mir, dass er von den Eigentümern beauftragt sei, die Wohnung zu verkaufen und ich den potenziellen Käufern meinen Wohnraum zur Besichtigung öffnen müsse. Sie kamen in Scharen, schauten in jede Ecke, einige verteilten schon lautstark ihre Möbel in meinen Zimmern. Einer sagte mir ins Gesicht: „Ich sehe doch die Angst in Ihren Augen.“

Der Makler wackelte nach mehreren Besichtigungstagen mit dem Kopf, es sei schwer, bei dem Preis einen Kapitalanleger zu finden. Nur die Russen wären bereit zu kaufen, aber die wollten dann auch drin wohnen. Er habe da nur noch ein Paar, das lebte im Ausland, die würde er überreden, sich die Wohnung anzusehen. Sie wirkten busy auf eine globalisierte Weise, selbstbewusst und von scheckbuchhafter Freundlichkeit. Ein Paar, wie sie inzwischen tausendfach in dem Viertel herumliefen. Leute, die jeden Job im mittleren Management machen konnten, ob sie nun Waffen verkauften, Prothesen oder Immobilien.

Sie sprachen mit dem Makler über die Rendite, die ihnen meine Mietzahlungen bringen würden und bekamen den Zuschlag. Kein Dreivierteljahr später war ich entmietet. Die Begründung des Paars, dass sie ganz plötzlich das dringende Bedürfnis hätten, in Berlin eine Familie zu gründen und das ginge nur in meiner Wohnung, war gerichtsfester als mein nicht weniger dringliches Bedürfnis, nicht von den Reproduktionsfantasien fremder Leute behelligt zu werden, die mich von der Arbeit abhielten.

Einkommen zu schlecht für den WBS-Schein

Als Freiberuflerin gibt es gute und schlechte Jahre. Die Eigenbedarfskündigung erreichte mich, als die letzte Steuererklärung von einem besonders schlechten Jahr erzählte, so schlecht, dass selbst das Wohnungsamt mir keinen Wohnberechtigungsschein gab. Ich sollte offenlegen, wovon ich wirklich gelebt hatte. So viel Zeit hatte ich nicht. Geholfen eine neue Bleibe zu finden, hat mir am Ende ein gut dotierter Vertrag, den ich vorzeigen konnte, mein deutsch klingender Name und die Tatsache, dass keine Kinder mehr in meinem Haushalt leben. Glücklich macht mich das nicht.

Oma Anni hätte nicht in ihre Situation kommen sollen

Die zunehmende Segregation ist politisch gefährlich und wird der Stadt langfristig teuer zu stehen kommen. Ich werde wütend, wenn ich in der Straße das Plakat der Linken hängen sehe: „Mietrebellin Oma Anni bleibt“.

Oma Anni wäre bei einer weitblickenden linken Politik, für die die rot-rote Regierung neun Jahre Zeit hatte, gar nicht in diese Situation gekommen. Statt Genossenschaften zu fördern, wurden Abrissgenehmigungen für Plattenbauwohnungen erteilt und kommunaler Wohnungsbestand an Heuschrecken verkauft. Heute balgen sich Niedriglöhner, Transferempfänger, Mindestrentner, Newcomer und alleinerziehende freiberufliche Künstlerinnen um die wenigen bezahlbaren Wohnungen. Es gibt im Moment keine Zusammenkunft von Künstlern in Berlin, bei der der Rausschmiss aus Wohnungen und Ateliers nicht Thema wäre. Und immer die Frage: Wo sollen wir hin? Was machen wir mit unseren Kunstwerken, unseren Archiven, Bibliotheken, wenn wir uns verkleinern müssen? Ziehen wir in die Uckermark?

Wut, Kränkung, Protest

Ich wollte nie aufs Land, ich kann mich noch nicht mal für eine Gartenlaube erwärmen. Die Berliner Innenstadt ist mein Stoff. Obwohl der Prenzlauer Berg der Gegenwart nicht mehr dazugehört, denn ich wollte noch nie über Vorstadthöllen schreiben, ich hasse Kolonialistinnenliteratur, in der die letzten Eingeborenen mit Baströckchen durch die Kapitel hüpfen und für Stimmung sorgen, weil sie sich so anders benehmen als die selbst ernannten Eliten im Stuckambiente. Aber wie schrieb der Soziologe Andrej Holm, Gentrifizierung ist „kein Lebensstilphänomen, sondern ein wohnungswirtschaftlicher Prozess“.

Im Laufe des Jahres ist meine Wut einer Kränkung und meine Kränkung einer Protesthaltung gewichen, schreiben konnte ich lange nicht, ich fühlte mich entwurzelt, vertrieben. Mein Archiv verschimmelt aus Platzmangel im Keller.

Seitdem habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht, aus diesem Paar ohne Eigenschaften literarische Figuren zu machen. Aber ich habe es verworfen. Das einzige Aufregende an ihnen ist der absurd hohe Kredit bei der Deutschen Bank, den sie für den Kauf meiner Wohnung aufnehmen mussten.