Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft haben am Dienstag 35 Büros und Wohnungen unter anderem in Grunewald durchsucht und kistenweise Akten, Computer und Handys beschlagnahmt. Wie aus Justizkreisen verlautete, war das Ziel der seit langem geplanten Razzien eine Bande, die auf betrügerische Weise mit sogenannten Schrottimmobilien handelt. Sechs Tatverdächtige wurden festgenommen. Nach Angaben der Polizei waren an dem Einsatz 122 Polizisten und drei Staatsanwälte beteiligt. Den Beschuldigten wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug in 21 Fällen vorgeworfen. Sie sollen Schäden von mindestens 1,8 Millionen Euro verursacht haben.

Zu den Verdächtigen sollen neben früheren Vorständen des Immobilienunternehmens Grüezi Real Estate AG auch der Notar Manfred O. und der frühere Notar Reinhold K. gehören. In der Kanzlei von O. stellten die Beamten am Vormittag Unterlagen sicher. Beide Notare sollen vielfach für Grüezi und deren Vertriebe Kaufverträge beurkundet haben. Zu den Verhafteten zählten sie allerdings nicht, so Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Weitere Angaben zu Beschuldigten könne er derzeit nicht machen.

Manfred O. wurde schon Ende 2011 vorgeworfen, Verkäufe von Schrottimmobilien beurkundet zu haben. „Er hat vor allem die Annahmen der Kaufvertragsangebote für die Vertriebe beurkundet“, sagt der Anwalt Jochen Resch, der seit Jahren Geschädigte unter anderem aus dem Grüezi-Komplex vertritt. Reinhold K. habe dagegen eher Kaufvertragsangebote beurkundet. In solchen Terminen werden die meist völlig unerfahrenen Käufer von geschulten Vertriebsmitarbeitern dazu überredet, Angebote abzugeben, an die sie – oft ohne es zu wissen – gebunden sind. Die Eigentumswohnungen werden ihnen oft unter Vortäuschung falscher Tatsachen als „Steuersparmodelle“ verkauft – nicht selten zu extrem überhöhten Preisen.

Laut Staatsanwaltschaft geht es bei den 21 Fällen um den Zeitraum von 2008 bis 2012. Die Beschuldigten hätten den Geschädigten vorgespiegelt, dass sie mit dem Wohnungskauf ein gutes Geschäft machen würden. Tatsächlich seien die Kaufpreise teilweise um das zweieinhalbfache des eigentlichen Wertes überhöht gewesen. Die Belastungen hätten zahlreiche Käufer an den Rand des Ruins gebracht.

Erst im November 2013 war der frühere Notar Marcel E. zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die Abläufe in den aktuellen Fällen seien vergleichbar, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Steltner. E. hatte mit dem Vertrieb KK Royal Basement zusammengearbeitet, dessen Chef ebenfalls in Haft sitzt. Auch Grüezi hatte Wohnungen über KK verkaufen lassen. „Der Name Grüezi zieht sich wie ein roter Faden durch viele Schrottimmobilien-Fälle“, sagte ein Ermittler. Dennoch habe man nicht die Firma, sondern bestimmte Personen im Visier.

Der betrügerische Handel mit Schrottimmobilien hatte bereits Ende 2011 heftige Debatten in Berlin ausgelöst. Kurz nach der Bildung des SPD-CDU-Senats war bekannt geworden, dass der von der Union als Justizsenator berufene Anwalt und Notar Michael Braun an der Beurkundung zweifelhafter Geschäfte mit Schrottimmobilien beteiligt gewesen sein soll. Braun musste nach wenigen Tagen im Amt zurücktreten. Straftaten wurden ihm allerdings nicht nachgewiesen.